Post-election

Meaghan O'Connell on dreading a trip to see family post-election: This is nothing really, this possible discomfort, though you have to watch how it changes you, make sure you're changed in the right direction. Make sure you don't just go running away in the other direction.

And, by Naomi Shihab Nye, via Rachel W. Cole, from a poem called Kindness:


(…)

Before you learn the tender gravity of kindness,
you must travel where the Indian in a white poncho
lies dead by the side of the road.
You must see how this could be you,
how he too was someone
who journeyed through the night with plans
and the simple breath that kept him alive.

Before you know kindness as the deepest thing inside,
you must know sorrow as the other deepest thing. 
You must wake up with sorrow.
You must speak to it till your voice
catches the thread of all sorrows
and you see the size of the cloth.

Then it is only kindness that makes sense anymore,
only kindness that ties your shoes
and sends you out into the day to mail letters and
     purchase bread

(…)

Münzen

Ich sehe, im Vorbeifahren auf dem Fahrrad, auf der Straße Geld liegen, aber es ist kein Traum. Weil Feiertag ist und die Straße leer, halte ich an, drehe um und sammele die beiden Münzen auf. Ich stecke sie in meine Jackentasche und biege rechts ab. Am Ende der Straße sehe ich eine Person winken, es sieht aus wie eine große Frau in einem Businesskostüm. Als ich näher komme, erkenne ich, dass sie dem Taxi hinter mir winkt und ein Mann ist, nackt mit breiter Brust unter einem grauen Bademantel. Er steigt in einer selbstverständlichen, großen Bewegung in das Taxi ein, während ich daran vorbeifahre. An meinem Ziel stelle ich fest, dass meine Wasserflasche ausgelaufen und mein schönes Portemonnaie durchnässt ist.

Aus den Argonauten

There is nothing you can throw at me that I cannot metabolize, no thing impervious to my alchemy.
– Annie Sprinkle

Who wants to touch a really soft head?
– Lenny Dodge

Thank you for showing me what a nuptial might be – an infinite conversation, an endless becoming.
– Maggie Nelson

Mond doch kein Mond

In der Morgendämmerung koche ich mir in der dunklen Küche Tee, mit Hunger nur auf den Geruch des Earl Greys und den Geruch des swooping, umfassenden Regens draußen, ein Regen, bei dem man früher zur Schule musste, ein Regen, bei dem man früher bei der Tante Anne gewohnt hat. Jetzt wache ich auf von Träumen von Holzbrücken in Fischgrätparkett, frisch geölt, und von einer Reise, die ich unternommen und von der ich nur halb zurückgekehrt war. Ich lasse das blaue Schlafzimmer hinter mir, in dem ich einen Baukran mit seinem leuchtenden Werbeschild fotografiert hatte, Mond doch kein Mond.

Jetzt habe ich auf dem Küchentisch einen Lichtkegel gemacht, mir zwei orangene Kugeln hingelegt und den cremefarbenen Tee in seinem weißen Gefäß. Unsere Balkongräser sind nass und tastend und beweglich, wie Fühler an der Schnauze unserer Wohnung. F in Leipzig wird auch schon wach sein, es wird dort auch regnen, er wird sich um die Küchenwände kümmern, ich mich um Knie und Kunden, die Dämmerung wird verschwinden und ein helles Grau da lassen. Es regnet weiter und ich will nie mehr vom Küchentisch aufstehen.

decorated sand buckets

All those things for which we have no words are lost. The mind – the culture – has two little tools, grammar and lexicon: a decorated sand bucket and a matching shovel. With these we bluster about the continents and do all the world's work. With these we try to save our very lives.
– Annie Dillard

Proust

Was sich rühren musste, rührte sich, so das Laub des Kastanienbaums.
– Marcel Proust

Können Ingenieure nicht im Tal wohnen? Nein, sie können es nicht, als Ingenieure wohnen sie auf Landkarten.
– Vilém Flusser

Lisboa

Heute Flohmarkt, und die kleinen schmalen bunten Gassen hinter unserem Haus, die Vollverkachelung, steilen Anstiege, jeder Hügel von jeder Seite und der blaue Himmel darüber, dort Pornos auf Video-Kassetten für 50 Cent und kleine rote Ansteckpimmel, daneben eine Schale mit einem Hahn bemalt und alte Gläser mit verwaschenen Aufdrucken, und eine kleine Band mit zufriedenen Gesichtern, die spielte und spielte während wir am Plastiktisch aus Alu-Geschirr zu Mittag aßen in einem schattigen, vollen Bistro.

Wir werden vermutlich nicht wieder kommen, denke ich heute. So schön das hier ist und so gut jeder Hügel und Blick: Eine Stadt, die nur touristisch funktioniert, macht keine richtige Freude. Und mich nicht neugierig. Wir stolperten in der Dämmerung über eine Feier in Alfama, es standen junge Menschen mit bemalten Gesichtern und manche mit Umhängen an einer Straßenecke unter drei hohen Bäumen voller Singvögel, die pfiffen und piepsten nach Leibeskräften, es war schon recht dunkel und nur das Neonlicht des Bistros leuchtete, und wir waren die fremdesten Fremden. Ich sah eine Taube im Straßenrand sterben. Wir traten in eine gekachelte Bäckerei, die Fußball zeigte und Lose verkaufte, und ich bestellte eine dieser kleinen Nata-Pasteten, und bekam einen Zimtstreuer dazu gereicht.