Lisboa

Heute Flohmarkt, und die kleinen schmalen bunten Gassen hinter unserem Haus, die Vollverkachelung, steilen Anstiege, jeder Hügel von jeder Seite und der blaue Himmel darüber, dort Pornos auf Video-Kassetten für 50 Cent und kleine rote Ansteckpimmel, daneben eine Schale mit einem Hahn bemalt und alte Gläser mit verwaschenen Aufdrucken, und eine kleine Band mit zufriedenen Gesichtern, die spielte und spielte während wir am Plastiktisch aus Alu-Geschirr zu Mittag aßen in einem schattigen, vollen Bistro.

Wir werden vermutlich nicht wieder kommen, denke ich heute. So schön das hier ist und so gut jeder Hügel und Blick: Eine Stadt, die nur touristisch funktioniert, macht keine richtige Freude. Und mich nicht neugierig. Wir stolperten in der Dämmerung über eine Feier in Alfama, es standen junge Menschen mit bemalten Gesichtern und manche mit Umhängen an einer Straßenecke unter drei hohen Bäumen voller Singvögel, die pfiffen und piepsten nach Leibeskräften, es war schon recht dunkel und nur das Neonlicht des Bistros leuchtete, und wir waren die fremdesten Fremden. Ich sah eine Taube im Straßenrand sterben. Wir traten in eine gekachelte Bäckerei, die Fußball zeigte und Lose verkaufte, und ich bestellte eine dieser kleinen Nata-Pasteten, und bekam einen Zimtstreuer dazu gereicht.

Joy in the solar system

Zwei Dinge, die mich gestern beeindruckt haben:

Die Polizistin mit den kurzen Haaren und der geraden Haltung, die völlig ruhig und konzentriert, geradezu entspannt, einen Kastenwagen mit Blaulicht durch dichten Baustellenverkehr am Stachus lenkte. So lenken, dachte ich. So Energie einsetzen, so präsent sein.

Der Artikel über die Hausgeburt der Kochbloggerin. Und zwar vor allem, wie bewusst sie öffentlich über ihr Glück schreibt, dazu steht und es annimmt, mit allen Kanten, ohne die aber in den Vordergrund zu stellen, um das Glück zu vertuschen.

Und:

Perhaps you simply need a reminder of the joy that is an essential part of our human experience. Let loose and allow yourself a moment to shine in some way; trust that the Sun, the central star in the solar system, will hold things together (at least for a while).

Das ist von Saipua und hat mich seltsam stark berührt.

Sonnenrand

Ich sehe am Sonnenrand des Vorhangs doch wie schnell sich die Welt dreht.

Ich hab's nicht im Griff. Wir haben es alle nicht im Griff. Damit müssen wir leben, und das Herz öfter in die Hand nehmen und genau hinhören (Hi, Herz), und wie wild um die Freiheit in unseren Köpfen und Herzen und Seelen kämpfen, um Alternativen und Platz in uns, egal wie die Situation außen aussieht. Die Situation außen ist meist eh nicht so interessant.

Ein Haus selber schnitzen

Jetzt Schnellstart, an einem hellen, schönen, beinah herbstlichen Morgen. Kinder mit Mundharmonikas auf Fahrrädern. Ein rauchender Handwerker im morgendlichen Gegenlicht. Eine schwarze Katze in der Sonne, so schwarz wie das Vantablack, ein schwarzer, lebendiger, schleichender Fleck.

Noch was. Ist das die Definition von lyrisch: nicht reproduzierbar?

intricacy

Kaufe mir fünf große weiche Naanfladen in einer blauen schlenkernden Tüte, esse sie mit Butter und Gurken und Salz und lese dazu Dillard, von der Textur und der intricacy. Über das Brot streichend stelle ich fest, dass der digitalen Welt diese Lust auf wilde feingliedrige rauschende überbordende Details abhanden gekommen ist – das Schöne am Smartphone ist seine hochaufgelöste Glattheit.

L

Unter einem ruhigen, riesigen, hellen Vollmond springen grölend und klatschend fünf nackte Männer in den Kanal.

Seed Form

Here one could hear a seed form or the soul fold like a handkerchief.
– Patti Smith