Mond doch kein Mond

In der Morgendämmerung koche ich mir in der dunklen Küche Tee, mit Hunger nur auf den Geruch des Earl Greys und den Geruch des swooping, umfassenden Regens draußen, ein Regen, bei dem man früher zur Schule musste, ein Regen, bei dem man früher bei der Tante Anne gewohnt hat. Jetzt wache ich auf von Träumen von Holzbrücken in Fischgrätparkett, frisch geölt, und von einer Reise, die ich unternommen und von der ich nur halb zurückgekehrt war. Ich lasse das blaue Schlafzimmer hinter mir, in dem ich einen Baukran mit seinem leuchtenden Werbeschild fotografiert hatte, Mond doch kein Mond.

Jetzt habe ich auf dem Küchentisch einen Lichtkegel gemacht, mir zwei orangene Kugeln hingelegt und den cremefarbenen Tee in seinem weißen Gefäß. Unsere Balkongräser sind nass und tastend und beweglich, wie Fühler an der Schnauze unserer Wohnung. F in Leipzig wird auch schon wach sein, es wird dort auch regnen, er wird sich um die Küchenwände kümmern, ich mich um Knie und Kunden, die Dämmerung wird verschwinden und ein helles Grau da lassen. Es regnet weiter und ich will nie mehr vom Küchentisch aufstehen.

decorated sand buckets

All those things for which we have no words are lost. The mind – the culture – has two little tools, grammar and lexicon: a decorated sand bucket and a matching shovel. With these we bluster about the continents and do all the world's work. With these we try to save our very lives.
– Annie Dillard

Proust

Was sich rühren musste, rührte sich, so das Laub des Kastanienbaums.
– Marcel Proust

Können Ingenieure nicht im Tal wohnen? Nein, sie können es nicht, als Ingenieure wohnen sie auf Landkarten.
– Vilém Flusser

Lisboa

Heute Flohmarkt, und die kleinen schmalen bunten Gassen hinter unserem Haus, die Vollverkachelung, steilen Anstiege, jeder Hügel von jeder Seite und der blaue Himmel darüber, dort Pornos auf Video-Kassetten für 50 Cent und kleine rote Ansteckpimmel, daneben eine Schale mit einem Hahn bemalt und alte Gläser mit verwaschenen Aufdrucken, und eine kleine Band mit zufriedenen Gesichtern, die spielte und spielte während wir am Plastiktisch aus Alu-Geschirr zu Mittag aßen in einem schattigen, vollen Bistro.

Wir werden vermutlich nicht wieder kommen, denke ich heute. So schön das hier ist und so gut jeder Hügel und Blick: Eine Stadt, die nur touristisch funktioniert, macht keine richtige Freude. Und mich nicht neugierig. Wir stolperten in der Dämmerung über eine Feier in Alfama, es standen junge Menschen mit bemalten Gesichtern und manche mit Umhängen an einer Straßenecke unter drei hohen Bäumen voller Singvögel, die pfiffen und piepsten nach Leibeskräften, es war schon recht dunkel und nur das Neonlicht des Bistros leuchtete, und wir waren die fremdesten Fremden. Ich sah eine Taube im Straßenrand sterben. Wir traten in eine gekachelte Bäckerei, die Fußball zeigte und Lose verkaufte, und ich bestellte eine dieser kleinen Nata-Pasteten, und bekam einen Zimtstreuer dazu gereicht.

Teller

Irgendwie ist es schön, nur einen Teller zu haben. Aus dem morgens Müsli zu essen, mittags Brote, abends Nudeln und ihn nachts im Bett mit Chips und M&Ms gefüllt auf einem kleinen Deckenberg zu balancieren.

Joy in the solar system

Zwei Dinge, die mich gestern beeindruckt haben:

Die Polizistin mit den kurzen Haaren und der geraden Haltung, die völlig ruhig und konzentriert, geradezu entspannt, einen Kastenwagen mit Blaulicht durch dichten Baustellenverkehr am Stachus lenkte. So lenken, dachte ich. So Energie einsetzen, so präsent sein.

Der Artikel über die Hausgeburt der Kochbloggerin. Und zwar vor allem, wie bewusst sie öffentlich über ihr Glück schreibt, dazu steht und es annimmt, mit allen Kanten, ohne die aber in den Vordergrund zu stellen, um das Glück zu vertuschen.

Und:

Perhaps you simply need a reminder of the joy that is an essential part of our human experience. Let loose and allow yourself a moment to shine in some way; trust that the Sun, the central star in the solar system, will hold things together (at least for a while).

Das ist von Saipua und hat mich seltsam stark berührt.

Sonnenrand

Ich sehe am Sonnenrand des Vorhangs doch wie schnell sich die Welt dreht.

Ich hab's nicht im Griff. Wir haben es alle nicht im Griff. Damit müssen wir leben, und das Herz öfter in die Hand nehmen und genau hinhören (Hi, Herz), und wie wild um die Freiheit in unseren Köpfen und Herzen und Seelen kämpfen, um Alternativen und Platz in uns, egal wie die Situation außen aussieht. Die Situation außen ist meist eh nicht so interessant.