Andauernd beginnt eine neue Zeit

Während ich schreibe, werkeln Bauarbeiter krummpfeifend und sehr nah vor meinen Fenstern und der Tür, sie schauen auf mein Vesperbrot und lächeln nicht. Ich fühle auf einmal sehr nah mit Zierfischen, die in einem schicken Glasgefäß leben ohne ein Algenbusch, in dem sie sich verstecken können. Ich wünsche mir Gestrüpp und dichtere Ohren und weiß doch, dass ich nur noch ein bisschen aushalten muss — nächste Woche bin ich in einem neuen Raum und lasse eine neue Zeit beginnen.

Überhaupt beginnt andauernd eine neue Zeit.

Ich habe ein neues Lernbuch geschrieben und in die Welt geschickt. Was irgendwie gar nicht hierhin gehört, aber doch auch. Denn es hat mir ja Herzklopfen gemacht und Druck und es war mal wieder eine Möglichkeit, das Leben zu üben.

Sich eine heiße Schokolade zu machen zur Nervenberuhigung und dann auf dem Sofa zu sitzen, mit den Füßen auf dem rauen Holztisch. Ein- und ausatmen, wie gelernt. Später doch immer wieder ein und die gleiche Seite aufrufen um Zahlen zu sehen, die mir anzeigen, wie viele Menschen schon das Produkt gekauft haben, die mir sagen, dass wir alles richtig oder okay gemacht haben.

Das ist mein Wichtig: dass ich Bücher und Kurse dieser Art schreibe. Ich mache mich damit unabhängig und ich helfe anderen mit genau diesen Büchern, sich selber unabhängig zu machen. Das ist gut, passt zu mir und dem was ich mit meinem Leben anfangen will, und trotzdem kann ich nie ganz das Gefühl abschütteln, dass das eine andere Ricarda ist, die da lehrt und lächelt und unterstützt, als die, die hier einzelnen Wörtern und dem Regen und der fremden Bauarbeitersprache mit ihren eigenartigen Betonungen nachlauscht.

Hat das jeder?

Der neue Raum, der ein Raum zu zweit wird (gemeinsam mit der Person, mit der ich am längsten zusammenarbeite), soll die Ricardas verknüpfen. Er ist öffentlicher, hat ein Schaufenster zur Straße hin, und gleichzeitig intimer, denn er enthält einen Algenbusch. In der Öffentlichen Entschlossenheit will ich mehr zeigen und in dem Mehr Zeigen will ich mehr zusammenführen. Der neue Raum fühlt sich an wie diese Seite, ein Ort zum Füllen und Zeigen und Verknüpfen, den ich mir selber gestalte.

Mein Brotjob ist Website-Hebamme — mein Ananasjob ist Dichterin.

Es ist so warm, dass ich morgens bereits mit einem Streich die Butter in die Knie zwinge.

Ich fuhr über’s Wochenende weg und trug diesen Gedanken in mir: Mehr auf der hellen Seite des Monds zu zeigen. Mehr zu veröffentlichen also, und öfter, und so zu schreiben, dass ich es veröffentlichen will.

Mit Freunden in einem Holzhäuschen: Der gute und simpelste Sommer. In Flüssen baden, in der Verliebtheit und Kuschligkeit anderer baden, draußen schlafen, Pfirsiche essen, über Sonnencreme an den Händen schimpfen, in der Hitze müde werden. Auf dem Handtuch ein Kringel leben, eine Lindenschwärmerraupe mit knallblauem Stachel. Den Lehrer wiedertreffen, der mich am stärksten geprägt hat, und der seinen Einfluß vielleicht gar nicht sehen kann. Mit O. am Grill stehen und mit den Händen wunderschöne Fleischstücke essen, nur mit Salz gewürzt.

Im Nachtbus hatte ein junges Mädchen „perfekt in ihre Tasche gekotzt“, wir amüsieren uns noch am nächsten Tag über ihr liebliches Gesicht und die klagende Stimme, mit der sie das Ungeschick dem Busfahrer mitteilte. Es war ein Ausflug in eine Vergangenheit, aber es bleibt ja nie etwas stehen.

Wie gut ist es, in bereits vielfach erlebten Gegenden Ferien zu machen? Wie oft werden wir noch kommen, und wird es jedes Mal besser werden? Wie lange wird C. als König oben am Dachfenster stehen und ihr Volk begrüßen? Welche Veränderungen stehen an für uns?

Ich fragte mich dort, wie ich abschalte, und — kurz — ob überhaupt. Ob ich nicht (wie andere moderne Menschen auch) mehr erreichbar sein sollte? Wenn jetzt jemand das neue Buch versucht zu bestellen und die Technik versagt und derjenige wird grantig?

Jedes Rausgehen und Anbieten bietet wieder eine Fläche für neue Katastrophen und Dramen. Aber genau deshalb: Nein, ich empfange keine E-Mails unterwegs und werde damit nicht anfangen. Wenn ich draußen bin, ist mein Telefon stumm und das Internet als solches wird ignoriert.

Was nicht heißt, dass ich meine Kunden ignoriere. Ich mag die schließlich, dafür habe ich hart gearbeitet. Ich trage unter anderem auch meinen Kunden gegenüber die Verantwortung, gut auf mich aufzupassen, mich zu erholen um präsent sein zu können.

Ich lächele ein Mädchen an, die in ein Heft schreibt und gedankenverloren irr schaut, wir kennen uns, wir kennen das.

Mich betrifft alles. Ich brauche Ruhe und Glück und Einigkeit mit jedem, alles andere gibt mir Flattern. Jede Stärke macht einen auch schwächer, jeder Schritt erhöht die Fallhöhe. Gib mir einen Waldweg, gib mir Stille, gib mir ein Blatt, das fällt. Nimm es dir, nimm dir jedes Recht, nimm den Keks.