Beuel oder Breuel

Es ist Frühling, ich erkenne Gerüche von letztem Jahr wieder, und noch viel ältere, und das Gefühl von Unterführungskühle auf verschwitzten Armen.

Ich spiele hier in Bonn deutsch, deutscher als in München, obwohl wir so nah an Frankreich sind, man ist immer nah an irgendwas und es dudelt immer ein Radio und auf dem Land schmeckt es salziger und es ist verrauchter. Einer liest, eine schreibt, zwei essen Petersilien-Cappucino, vierundzwanzig spielen Karten, alle Engel schauen zu, einer serviert und räumt und grinst, der gelbe Pullover hustet und hustet und spielt und alle nehmen alles ernst und rauchen zu viel.

Ich esse im Restaurant des Hotels weil ich dann das Gefühl habe, dazu zu gehören. Ich trinke Weißwein, den mir der Kellner versteckt schenkt. An meinem Bett stehen Erdbeeren, die nach mir gerufen haben.

Macht sich außer mir irgendwer so viele Gedanken über die Putzfrau (ist es überhaupt eine Frau?), die in meiner Abwesenheit das Appartement reinigt? Kommuniziert sie mit mir — rückt sie absichtlich die Bettdecke ein Stückchen mehr nach links, hat sie heute bewusst das Zipfelfalten des Klopapiers vergessen, versucht sie mich zu geschlossenen Fenstern zu erziehen?

In der Stadt habe ich den Respekt vor der Nacht verloren, da sause ich auf dem Fahrrad durch beleuchtete Straßen und es ist immer noch jemand anderes da. Hier nicht. Hier laufe ich an sehr dunklen Stellen den Rhein entlang, Finger fest um den gabelschwanzigen Verlagsschlüssel, wachsam, mit angestrengten Augen, die in der Dunkelheit immer weniger erkennen, um mich herum wieder kein Mensch.

Nur eine schemenhafte Gestalt unter der Brücke, die aufrecht in einem Schlafsack sitzt und bestimmt noch mehr Angst hat als ich, oder die Angst schon lange integriert hat.

Tagsüber beobachte ich Vögel und versuche Hasen zu fotografieren. Großartig sind die perligen kleinen Stare auf dem Rasen vor dem Studio. Die rennen wie auf Schienen hin und her und tragen jeder einen fetten Wurm im Schnabel. Heute kamen zwei klitzekleine bunte Finken dazu.

Ich schlage Räder durch die leeren Verlagsflure. Ich bewege die Hände bei den Aufnahmen täglich mehr und habe eine Marotte entwickelt, wo ich drei Mal das Handgelenk schüttele bevor ich das erste Wort sage.

All diese Hasen. Und mein Hasenherz. Das große Fenster auf den Rhein, die Nachtluft, die warm ist, die Morgende, die Abende, die Arbeitenden, die Züge. Jeden Morgen Bircher Müsli und ein Obstsalat. Ich schaue jedem Hasen in die Augen, und in die Löffelohren. Ich schau den Mann in seinem Schlafsack unter der Brücke, der immer etwas aus einer Tupperdose isst, wenn ich vorbeikomme, den schaue ich jetzt auch immer an und forme mit dem Mund dabei ein Hallo.

Am lezten Tag sehe ich: Einen kleinen Baum in kugeliger Form, wie Kinder einen Baum zeichnen würden, und oben am Stamm, ganz mittig, wo sich die Äste symmetrisch im Kreis verzweigen und eine kleine Kuhle entsteht, da nistet in einem schönen, sauberen Nest eine Taube mit gelbem Auge und gurrt und gurrt.