Der müde Monat

Den gesamten August über hatte ich furchtbar trockene Hände, von dem Staub, der beim Bearbeiten der Wände entstand.

Am meisten Staub entstand mit der riesigen Schleifmaschine, die wir uns ausgeliehen hatten und die ich quer durch die Stadt auf dem Rad zur Werkstatt schob. Die hieß Giraffe, wegen des langen Halses natürlich, und sah aus wie ein überdimensionierter Metalldetektor, aber schliff sehr schön und machte uns viel Freude.

Überall also Staub und Gips und Splitter von Tapete und Farbresten, jedes Wochenende blaue Flecken und Schmerznacken und Kopfweh, und abends Bier und Döner und irgendwann konnte ich’s alles einfach nicht mehr sehen.

An einem Abend lief ich barfuß nach Hause, die krisselige Oberfläche der Stadt als Reflexzonenmassage, und dachte: Ich spüre die Welt in jeder Zelle. Träume sie mir nun raus.

Träumte dann allerdings dieses hier:

I will treat you to an office-themed
brothel with jungle gym
bars and unknown depths.

Draußen ist Jagd, drinnen ist Ruhe.

Zuhause, im fünften Stock, ohne Fenster auf Straßenebene, ohne Kontakt in die Welt, mit Blick nur auf Dächer und Wolken, fühlt sich an wie: zurück im Horst. Hier ist es sicher. Der Gestank ist nur ein kleines Problem. Ich mag auch ganz nah an der Welt sein. Nur nicht immer.

Manchmal muss man sich einfach durchbeißen, warten und warten und dann geht’s auf einmal. Dann ruckelt’s sich zurecht.

Und die Neuheit und Richtigkeit des Raumes strahlt aus — ich will mehr Sachen angehen und richtig machen. Versicherungen und Verträge abschließen. Immer mittags was kochen.

Dieser müde Monat.

Einmal war ich wandern: Wir haben den kurzen, langsamen Weg über Land genommen und schon auf der Fahrt so viel gesehen — Rotschwanzmilane in vollem Flug (F bremste ab und staunte laut) und einen schnellen kleinen Fuchs und einen roten Kranich. Haben auf der steilen Direttisima zum Gipfel gekeucht, jede bewirtschaftete Alm ignoriert, da unsere Rucksäcke voll waren, auf der langweiligen Forststraße runterwärts gesungen. Auf einem sonnigen Stück saßen wir lange auf dem Weg und schüttelten Schmetterlingen die Fühler.

Schön war das, sehr schön. Aber auch sehr lang, und ich tief innendrin müde, müder als sonst. Der Bewegung müde (hallo alter Muskelkater, hallo neuer), aber auch des Bayerischen. Kühe, Gipfel, Wiese, Wald. Hier ein kämpfendes Hundepaar, dort ein jugendliches Wandertrio.

Ich spüre ein neues Gefühl an mir — eine Art von Ruhe, fast schon eine: Langeweile. Weil ich satt bin? Weil ich müde bin? Ich weiß es nicht. Manchmal glaube ich, dass ich arbeite, weil mir nichts besseres einfällt.

Or maybe? I just might be not used to pockets of stillness in my life.

Schrieb zwei unangenehme Morgengedichte. Welches davon werde ich vorlesen?