Der Rücken der Wiebke Puls

Sie muss das selber ausgewählt haben, aus Langeweile oder Renitenz, denn es gab keinen Kostümbildner: ein komplett rückenfreies Shirt für eine Lesung von Alex Ross’ Musikdoku „The rest is noise“. Die sie moderierte, auf einem kleinen Drehhocker drehend und immer wieder mit dem Rücken zum Publikum sitzend.

Irgendwann zog sie die Lederjacke aus und dann war er da, dieser schöne, vielteilig muskulöse Rücken, und es war nicht mehr wegzuschauen. Das Loch in dem Oberteil wie von einem geduldigen, aber fantasielosen Kind mit einer Schere ausgeschnitten, ein plattes Oval, darunter eine Platte Fleisch mit Haut.

Und durch diesen Ausschnitt sollten wir die lesenden Schauspieler sehen und in ihnen die Musiker erkennen, was natürlich nicht gelingen konnte. Die Musik selber bleibt schön, und meine Erkenntnis, dass ich zu wenig weiß von diesen faszinierenden Männern, nur Männer, bleibt wahr.

Dauerhaft rätselhafter bleibt mir die Frage: Was bedeutete dieses Fenster in eine Muskellandschaft? Was zwinkerten mir ihre Schulterblätter zu? Wer nimmt hier wen ernst?