Ich werde steinern.

Wie wir uns alle gegenübersitzen und versuchen, uns etwas zu erzählen und mitzuteilen, uns zu definieren! Klar und von innen heraus erkannt zu werden.

Es passiert so vieles gleichzeitig, und es ändert sich erstmal nichts, solange bis abrupt alles anders ist. Ich beobachte mit wachsender Deutlichkeit, in welcher Lebensphase sich jemand befindet, was für Strukturen er sich schafft und wo die hinführen. Ich fange an, in Lebenslinien zu denken. Connect-the-dots. Und ich spüre, wie viele Facetten möglich sind — auch meine ist möglich — und wie schnell man sich nebeneinander fremd fühlt.

Ich kann diese Tatsachen und Zusammenhänge inzwischen körperlich spüren, irgendwo zwischen Knochen und Fleisch und Haut.

Ich weiß im Kopf schon lange, dass das, was ich täglich tue, meinen Alltag prägt und mein Leben formt. Jetzt, mit zwei Jahren über dreißig, spüre ich diese Formung. An mir selber am deutlichsten: ich spüre, dass ich geformt wurde und auskristallisiert bin. Und ich spüre es an anderen, ich fühle ihre Festigung.

Ich schreibe. Ich arbeite selbständig. Ich liebe herausfordernde Menschen. Ich mache Liegestützen. Ich habe keine Kinder. Ich lebe in einer Stadt.

Das sind meine täglichen Prozesse und Umstände, die mich umwandeln.

Das sind andere Prozesse als die von Freunden, von denen ich dachte, wir wären uns ähnlich.

Die schlabbrigen Strukturen verhärten sich, Abläufe werden Rituale, Möglichkeiten verblassen und Vertrauen wächst, Muskeln wachsen und bekommen feste Plätze, Faszien werden dehnbar kräftig und haben ihre Aufgaben, alles hat seine Aufgaben. Ich werde zu einem weichen Stein. Ich werde fester und fester — geschmeidig fest, nicht starr. Das ist eine erwachsene Festigkeit, die nicht mehr kurzfristig prägbar ist.

Die früheren Indikatoren von Ähnlichkeit (im Sinne von: Kommunizierbarkeit, einer gemeinsamen Basis, die müheloses, fließendes Austauschen möglich macht) sind mir unzuverlässig geworden. Wie jemand sich kleidet und gibt, hilft mir nicht mehr, es sagt nichts aus — Musikgeschmack, Essenskultur, Herkunft, Reiseziele, Ausbildungen: es gibt nichts Äußeres, was einen leichten, wahren Austausch garantieren könnte.

Also ausprobieren, ob das eine Person ist, mit der ich klicke. Prüfen, ob ich ihr in die Augen schauen kann, oder ob ihre Augen meistens auf einen Bildschirm geheftet sind. Schauen, ob ich etwas in ihr spüre, was sich wie Interesse oder Neugier anfühlt, und an das ich andocken kann. Beobachten, was sie gerade umformt.

Die äußeren Dinge sind einfacher. Die sind sichtbar und laufen eh immer mit, und über die lässt es sich wunderbar diskutieren und mit ihnen die Welt erklären. Die anderen spüre ich so tief drinnen, in seltenen Knochenwinkeln, dass sie sich gut ignorieren lassen. Nur dass ich jetzt beschlossen habe … sie nicht mehr zu ignorieren.

[…] and life which was all uproar and confusion narrows down to form and purpose, and we exchange a great dim possibility for a small hard reality.
— Gertrude Stein, Fernhurst