Ich will Alles und sein Gegenteil

Ich will meine Stadt mögen vs. Es kann überall schön sein

Ich würde gerne in einer Stadt leben, die ich liebe. Die ich mit Liebe beobachte und erkläre. Ich habe das Gefühl, dass das an der Zeit ist, dass ich mir langsam einen guten Ort aussuchen sollte. (Vorschläge für gute Städte werden gerne angenommen.) (Eine gute Stadt veranstaltet einfach kein 16-tägiges Bierfest.)

Und trotzdem: In meinen Notizen der letzten Tage sind schöne München-Momente. Der Morgenhimmel über unserem Hinterhof, durchzogen von Kondensstreifen und Regenwolken und hellen Wolken und patches of clear baby blue. Der erstaunte Blick des arroganten Kellners in der neuen Dachterassenbar als ich „ein Glas deines billigsten Bourbons“ bestelle. Nudelsalat und eine leicht vergorene Melone mit Sprühdosen-Aroma im Sonnenuntergang auf dem Dach, das Riesenrad und den Olympiaturm und den BR im Blick. Danach weiterarbeiten. In einem tröpfelnden warmen Abendregen um die Ecke Eis essen.

Und: Was soll eigentlich dieser Besonderheitswahn? Ist es nicht schon schön genug so wie es ist?

Ich will durchatmen und abschalten vs. Am glücklichsten bin ich, wenn ich was tue

So schön und gut Urlaub und die flexible, fröhliche Freiheit der Selbständigkeit sind: I get anxious when I don’t work. Ich will da sein und mit meinen Kunden sprechen, will wissen, was sie beschäftigt, will fühlen, dass ich dabei bin, wichtige Dinge für sie zu entwickeln und ich will fühlen, dass sie kaufen.

Ich habe noch nicht richtig wieder angefangen, war den ganzen August nur halb dabei, Werkstatt, Wegfahren, Bienen, Blätter, Gedichte, es ist immer etwas und immer wichtig. Pause machen wäre klug, Kraft sammeln für den Herbst und den Winter hätte Sinn gemacht. Aber ich muss einfach regelmäßig essen und regelmäßig schreiben und regelmäßig arbeiten.

Ich wüsste gar nicht, was ich mit einem Jahr Arbeitspause machen sollte. Wahrscheinlich würde ich aus dem Fenster schauen, Stunde um Stunde. Aber irgendwann würde mir was einfallen, und dann würde ich es aufschreiben wollen. Oder mir würde etwas auffallen, und dann würde ich es fotografieren wollen.

Ich habe Rechnungen zu begleichen und Sicherheit zu schaffen und Kunst in die Welt zu bringen. Ich kann nicht über alles nachdenken.

Ich find’s gut vs. Ich find’s doof

Ein bisschen aufgeholt, ein bisschen wieder verrutscht, ein bisschen aufgeholt.

Ein Matschtag und ein Strahltag, und das im Wechsel. Tageweise finde ich das Leben gut, fühle mich stolz und glücklich, am nächsten Tag bricht alles weg und ich könnte zu Arthur Russell schluchzen — ich glaube, dass das normal ist.

Gestern war Sonntag und ich habe ihn komplett zu Hause verbracht. Was mir gut gefallen hat, ich habe geräumt und umgeräumt und geputzt und einen Hefezopf gebacken, der sich sternförmig aus meiner ihm gegebenen Zopfform gedrückt hat und etwas völlig anderes wurde. Dann bin ich heute eine Stunde vor meinem Wecker aufgewacht, mit kribbeligen Beinen, wollte raus und mich bewegen und an die Luft. Und das ist meine Parabel dafür, dass wir alles brauchen, das Drinnen und das Draußen, das Oben und das Unten.

Unambivalent dagegen: DAS MIT DER LIEBE UND DEM WILLEN

Es funktioniert wirklich — ein guter, harmonischer, kraftmachender Morgen ist auch Ergebnis von Willenskraft. As in: Ich muss das wollen, das nett und zuhörend und kompromissbereit sein, und bereit, einen doofen Scherz zu verzeihen und einen anderen zurückzunehmen. Ich muss Kaffee und Freude machen wollen, dann sind nämlich auch Kaffee und Freude da.

Und genauso ist es mit Freundschaften und Familie und dem eigenen Geschäft. Ganz viel ist das Wollen, und das regelmäßige klitzekleine Tun. Ich muss Briefe schreiben wollen, dann gibt es auch Briefe zum lesen.

Es ist eigentlich sehr einfach, das Leben.

Ich bin dankbar dafür, dass es Vögel gibt. Dass ich in den Himmel hochschauen kann, und dass sich dort ein Wesen mit Schönheit und Kraft bewegt.

Und das eigentlich Spannendste: DAS MIT DEM BEWUSSTEN TRÄUMEN

Ich habe zum ersten Mal bewusst geträumt — also so, dass ich im Traum die Handlung mit bewusstem, wachem Willen habe steuern können.

Viel gemacht habe ich allerdings nicht damit. Ich staunte hauptsächlich, schaute aus dem Traumfenster und war fasziniert davon, dass wirklich jemand und dann noch einer vorbeilief, und alle sahen sie so echt aus. Einem Mädchen blickte ich direkt in die Augen, sie sah mich an und ließ ihre große Schildkröte in das Wasser gleiten. Dort schwammen schon andere Schildkröten, schöne, mit roten Streifen am Auge, und bewegten sich in eigenartigen Bein-Arm-Rhythmen.

In meiner Hand hielt ich etwas, ich brachte mich bewusst dazu, es anzuschauen, es war ein kleiner Metall-Pin mit der Aufschrift „Gazilion“ und einem Comic-Pinguin. Ich schaute wieder raus und wollte etwas zu dem Mädchen sagen, vielleicht wollte ich auch singen, aber das geht nicht oder noch nicht im Traum — ich erbrach mich in den Fluss und brachte kein Wort raus.