Links-vom-Bosporus

Istanbul — was ich bisher davon gesehen habe (eine Nachtfahrt quer durch und raus auf die Hügel, enge und steile Gassen voller Katzen, ein kleines Fischlokal mit begeistert mitklatschendenden und händeschüttelnden Kellnern und dicken Zitronenschnitzen, ein nächtlicher Blick auf den Bosporus mit seinen Windungen und Lichtern und trägen Schiffen) — ist sehr ähnlich dem Istanbul, von dem ich immer wieder geträumt habe. Sehr zart, sehr hügelig, sehr geheimnisvoll.

Nur lauter.

Ich stelle fest, dass ich Musik aus offenen Autotüren mag und die türkische Art und Weise zu essen, und dass mit viel Lächeln und Herzlichkeit und ein bisschen mehr Trinkgeld auch die komischsten Situationen zu meistern sind.

„Zeit unter Schreibenden“: Man spricht von den selben Dingen und meint etwas völlig anderes, jedes Auge hat sein eigenes Sandkorn.

Mir scheint trotzdem die Frage seltsam, ob man schon was geschrieben habe, weil irgendetwas schreibt man doch immer, und ist ein Gedicht mehr wert als ein Tagebucheintrag? Vielleicht weil man es teilen kann, es hat Henkel.

Ich seh vor lauter Mitreisenden den Bosporus nicht mehr, und dann doch, und dann finde ich trotz all der anderen schöns auch die funkelnde Lichtermasse auf der anderen Seite schön, und dann sehen wir sogar noch Delfine.

Es ist alles wie früher, hier wiederholt sich alles, eine systemische Wundertüte.

Ui, draußen explodiert etwas, es bellt und beginnt zu regnen.

Die Türken, die wir bisher kennengelernt haben (= alle Oberkellner, die C heiraten wollten), haben Humor und Schalk, und sind ganz liebenswürdig.

For you: free, sagen sie immer zu ihr und sie wünscht ihnen auf Deutsch Gesundheit und schüttelt mit beiden Händen, wie die Ärztin, die sie ist, ihre Hände.

Es roch nach geräuchertem Auberginensalat und schwarzgebrannten Kastanien, jede einzeln aus ihrem Bett gepult und sorgfältig hingelegt.

Mir ist Mensch wichtiger als Gedicht.

(Zehn Tage später träume ich wieder von Istanbul: Dort sind mir die Austern versagt worden. Dabei habe ich noch gesehen, wie die Kellner für jeden, auch für mich, weiße Porzellanschalen mit flüssiger Butter ausgestrichen haben.)