Wer liebt, muss lernen.

Zum Jahresende bewege ich mich einfach nicht vom Fleck. Bleibe zuhause von Weihnachten bis in das neue Jahr, mit so einem Stapel Bücher und einem kleinen Glas billigem Kaviar.

Ich lese Zeitung, damit wir endlich das Altpapier rausbringen können. Die ZEIT gönnt uns Erholung über die Feiertage, vielleicht auch mal Sauna, aber keinen dauerhaften Rückzug. Das schleudert sie den Emotion- und Landlust-Lesern in’s Gesicht, kritisiert die Achtsamkeitsbewegung und ihre veganen Hosen und ich will mitmachen, farbige Wollknäule und süße handgezeichnete Finken in den Matsch stoßen, nach starken, klugen Menschen rufen, die ein Verständnis für Öffentlichkeit haben und keine Globuli schlucken und nicht immer nur retreaten, die nicht nur um ihre Ruhe kämpfen, nicht nur üben, sich zu erholen.

Allerdings weiß ich auch nicht gut, wie Erholung geht. Schlafanzug den ganzen Tag, das gehört dazu, und backen mag ich, trotz Handarbeitstrend. Aber wenn ich fertig gebacken habe und noch ein Tag ist und noch mehr Stille und da immer noch das Sofa steht und die Bücher und der Kaviar? Die Traurigkeit aus der Zeitung sickert in resignierte Gespräche am Küchentisch, der viele Schlaf resultiert in Kopfweh und einem komischen Gefühl in der Wirbelsäule.

Bücher sind gut. Gertrude Stein und Susan Sontag und Jonathan Franzen und Cheryl Strayed, alle denken sie klar und schreiben wie kleine Maschinen, die aus Unruhe Fäden spinnen.

Ich streite mich mit F um ein Thema, das uns schon ewig beschäftigt, und mit dem er mich nicht in Ruhe lässt. Wir sagen bei jedem dieser Streits die exakt gleichen Dinge, aber dieses Mal irgendwie mit mehr Liebe und Zeit, in Ruhe also, so dass wir woanders ankommen und in einer anderen Verfassung. So dass ich spüre, was meine Aufgabe bei diesem Thema ist, so dass ich dazu überhaupt mal etwas anderes als sonst spüre. Was gut ist. Was vielleicht ein angeworfener Motor ist oder etwas, das mal Luft zum heilen braucht.

Wer wirklich geliebt wird, wird nicht in Ruhe gelassen.

Ich mache eine große Schüssel Fenchel-Orangen-Salat, esse mehr als die Hälfte davon alleine, mit schlingenden gierigen Gabeln, entreiße mir die Schüssel und stelle sie für F zur Seite. Ich will ihn auch schlingen sehen.