Writing something like it.

Ich lese wieder. Andauernd, wie früher, als ich mit mir selber um noch eine Seite, noch einen Satz rang, dann mache ich das Licht aus, nur noch diesen Absatz.

Und während ich aufsauge, was andere schreibend von sich zeigen, kämpfe ich mit mir um das, was ich mir zu zeigen erlaube. Ich spüre eine doppelte Vorsicht: eine natürliche Vorsicht, mich nicht absichtlich verletzlich zu machen durch zu viel Angriffsfläche, und diese große nebulöse neue NSA-Vorsicht. Es könnte ja „etwas passieren“, wenn ich etwas veröffentliche, ich darf nicht nur nach dem gehen, was sich gut anfühlt, ich darf nicht naiv sein.

Ich nutze bereits absichtlich keine Fremdplattform, aber wie könnte ich denn ernsthaft behaupten, meine Eigenplattform hier wäre sicher und geschützt? Wir — als Menschheit insgesamt — bestimmen unser Gefühl von Sicherheit und Geschütztheit selber, und derzeit überschütten wir uns ja wieder einmal mit Beweisen, dass einander nicht zu trauen ist.

Ich will nicht zu sehr auf meine Vorsicht hören. Ich will etwas von mir zeigen und erzählen, wie ich die Welt wahrnehme, denn das ist eine der urmenschlichsten Aufgaben überhaupt. Außerdem das grundsätzlich Wertvolle am Internet, und davon muss es mehr geben, nicht weniger. Darüber habe ich hier ausführlich geschrieben — wie das zunehmend Digitale für mich vor allem mehr Zugang zu ungefiltertem menschlichem Erleben bedeutet und dass man die Verletzlichkeit der Zeigenden schützen muss und was man braucht, um mit dem Digitalen umgehen zu können.

Hier-hier will ich selber mein Erleben teilen und weiß nicht immer wie. Oder wie weit.

Beim Schreiben von Gedichten ist das keine Frage. Da ist die Antwort immer: so weit und tief es geht.

Stuttgart

Ich verbringe dieses Jahr viel Zeit in Stuttgart. Meine Eltern wohnen inzwischen nicht mehr in dem Vorort, wo ich zu späteren Schulzeiten mit ihnen gelebt habe, sondern in der Innenstadt. Direkt neben meiner Tante und meinem Onkel, wo ich als kleines Kind oft war, noch bevor wir nach Amerika gezogen sind. Wenn ich jetzt mit der Straßenbahn zu ihnen fahre, komme ich an der Klinik vorbei, in der ich geboren wurde. Seit ihrem Umzug erinnert mich Stuttgart nicht mehr an zähes Großwerden und elende Nachtbusfahrten, sondern an das Basteln von Kastanienmännchen.

Hier wurzeln all meine Geschichten, zwischen meiner Mutter und meiner Tante an dem alten runden Marmortisch. Wir sprechen hier von den Toten und den Lebenden, von den Missverständnissen und Blickwinkeln, von der gesamten Familie in allen Verzweigungen und quer durch die Jahrzehnte, und alles ist auch Leben und Kakteen schenken und glücklich und sehr glücklich sein.

Dieses Mal bin ich nach Stuttgart gefahren, um Ruhe zum Schreiben zu haben. Was natürlich nicht gut funktioniert, denn auch dort wollen viele etwas von mir und ich etwas von ihnen, und deshalb fühle ich mich noch gehetzter und hinterherer als sonst anstatt ruhiger, wie es eigentlich geplant war. Ich bin Kind meiner Zeit und will alles gleichzeitig — Austausch und Anregung und Partnerschaft und einfach nur alleine sein und grübeln können und oft, leicht wahnhaft wie vererbt, mehr arbeiten um mich sicherer zu fühlen.

Denn ich arbeite in Teilen für meine Sicherheit. Für ein Aufatmen, für ein inneres ruhiges Haus. In anderen Teilen um Sinnvolles in die Welt zu bringen, um Erfahrungen wirklich zu teilen, um eine Sprache zu finden für unser Erleben. Tiefer, nicht weiter.

Wie können diese guten Ansprüche mich so hetzen? Ich habe doch alle Zeit der Welt.

Ich bin Handwerkerin geworden und geblieben. Ich will lernen und umsetzen, verwurzelt an einem Ort, mit profunder und wachsender Kenntnis von einer Materie und innerhalb eines Kontextes. Das Internet liegt mir eigentlich gar nicht.

Dinge dürfen absichtlich geschehen und gestaltet werden. Fixpunkte sein, denke ich, als der ICE an dem Kreuz von Geislingen vorbeifährt.

Überhaupt dieses Geislingen an der Steige, das ich nie verpasse. Auf jeder Bahnfahrt zwischen München und Stuttgart blicke ich wie ferngesteuert hoch, wenn wir diese komische Stadt in ihrem Mini-Kessel umrunden. Irgendwann muss ich über Geislingen schreiben, was ich mir vorstelle, was zwischen diesen Hügeln und unter diesem Kreuz geschieht.

München

Zurück in München gehen wir spazieren. Durch das langweilige München, das natürlich nur so langweilig ist, wie ich es mir mache — die Reisen sind die Reisenden.

Ich teste beinah kämpferisch, wie stark F und ich ein Team sein können. Vor, vor, vor, gehe ich, rein in das Vertrauen und Zulassen von Gefühlen und Ausdrücken von Wünschen und in ein allgemeines Sorgen für und mit. Ich habe wenige Freundinnen, die voller Überzeugung Pro-Beziehung sind, die meisten sind Singles oder Feministinnen oder ewige Zweiflerinnen. Vermutlich deshalb verschlinge ich Meaghans Texte gerade so. Eine witzige, selbständige, sehr coole Frau, die ganz deutlich liebt, und heiratet und ein Kind bekommt.

Deshalb klingen auch schöne Seiten anderer Leute Beziehungen so deutlich in mir nach — jemand erzählt ganz selbstverständlich, dass „wir einen Lieblingsbaum in der Nachbarschaft haben“. Das ist Team, und kitschig, und kostbar.

In der neuen Werkstatt ruckelt’s. C und ich haben für das Graphit-Staub-Problem (also die fehlende Tür zwischen unseren Räumen) noch keine Lösung gefunden, und es wird langsam kalt, aber der Gasofen geht nicht und wir sitzen noch auf ein paar Post-Umzugs-Provisorien, die sich überraschenderweise nicht von selber lösen. Ein Kundentermin lief nicht gut, ich noch völlig verschnupft und befehle mir stark und anwesend zu bleiben, was ich tue und was funktioniert, aber es kostet mich Schweiß und beinah Tränen.

Vor dem Fenster läuft durchgehend dieser absurde Wiesn-Film, es wippen Busen und Bierflaschen vorbei und ein Meer von rosa-weiß-karierten Hemden von denen ich kein einziges mehr sehen möchte.

(Und am Tag darauf ist schon alles wieder anders, wir werden statt Tür eine Schaumstoffmatte in den Türrahmen drücken, und der Ofen funktioniert jetzt und die Wiesn ist vorbei — das geht schon, mit dem Einleben. Braucht einfach deutlich mehr Zeit und Geduld und Geld, als man sich vorgenommen hat.)

An everlasting sentence

Dann ist Feiertag, Totalstille da draußen. Selbst die Nachbarschaftsbabies schlafen länger und kreischen nicht.

F ist früh gegangen, hat sich auf den Weg gemacht zu seinen Bubenfreunden. Ich sitze in der Stille, Cini-Minis und Nüsse vor mir.

Frage mich, was ich eigentlich denke. Also selber denke, erforsche, welche Zusammenhänge ich sehe und herstelle. Oft kommt es mir so vor, als würde ich nur geschickt nachkauen, was ich lese, auch ich nur ein deutscher Abklatsch eines amerikanischen Erfolgmodells. Was nicht stimmt, denn alles hat eine Quelle und alles kommt gefiltert raus. Aber. Könnte ich jemals einen derart feinen Essay schreiben wie Mary Ruefle oder Tamar Adler?

Das dachte ich an einem Abend und am anderen las ich, wie Tamar Adler selber ein Buch von MFK Fischer neu schreiben wollte, auf ihre Art. She wanted to write something like it. Also kann ich auch auf meine Art das Buch von Tamar Adler nachschreiben. ‘An Everlasting Sentence’?

Ms. Frizzle

Gegenüber von der Werkstatt sitzt eine Laserfirma, mit einem sehr motivierten Chef. Diese Firma expandiert und bezieht auch die Räume rechts und links von uns, und der motivierte Chef hat sich uns vorgestellt und lachte, nein, man wolle uns nicht erobern, hahaaaha. Da war es noch sommerlich und ich saß im Schneidersitz auf dem Fensterbrett und er schüttelte einen meiner Zehen anstatt meiner Hand.

Einer der Laserfirma-Mitarbeiterinnen kleidet sich sehr bewusst, mit exakt gesetzten und täglich unterschiedlichen farblichen Akzenten. Also eine senfgelbe Blume im Haar zu einem senfgelben Gürtel und senfgelben Strumpfhosen. Ich fühle mich von ihrem Anblick immer an eine Figur aus meinen amerikanischen Kinderbüchern erinnert: die Lehrerin des Magic School Bus. Ms. Frizzle trug thematisch passende Kleider zu dem jeweiligen Ausflug, den dieser verzauberte Schulbus machte, also ein Dinosaurier-Kleid mit Dino-Ohrschmuck und Dino-Schuhschnallen wenn der Bus in’s Dino-Land fuhr.

Sehr ergiebige Alltagsstrukturierung, das.