Tying skulls to things

Ich war drei Monate in den USA: reiste mit C über Philadelphia nach Pittsburgh (wo ich als Kind knappe fünf Jahre gelebt habe), fuhr mit ihr nach New York, Boston und an die Küste von Cape Cod. Von dort zog ich in den Wald nach Massachusetts in ein kleines Holzhaus, wo ich drei Wochen blieb. An Halloween flog ich quer über’s Land nach Portland, Oregon; dort im Nordwesten blieb ich bis in den Dezember hinein. Mit F flog ich in den Süden, wir machten einen großen krummen Kreis um Phoenix herum bis zu den mexikanischen Schmugglerwegen runter, entfernt auf Spuren früherer Urlaube mit meiner Familie.

Überall hupte der Güterzug in der Nacht. Überall gab es alles und an zwei Orten fand ich Freunde. Vor Weihnachten noch kehrten wir heim.

Ich erzähle die Geschichte dieser Reise in Bruchstücken, mit nicht viel mehr rotem Faden als meinem eigenen Bewusstsein und vielen Clam Chowders. Gleichzeitig ist es der vorsichtige Versuch einer sehr persönlichen Dokumentation davon, was Amerika 2011 für ein Land war und für mich sein konnte.

„Myths are the souls of our actions and our loves. We cannot act without moving towards a phantom. We can love only what we create.“
— Paul Valéry

Die Route

Pittsburgh, PA
New York, NY
Boston, MA
Cape Cod, MA
Wald, MA
Portland, OR
Küste, OR
Seattle, WA
Der Südwesten

Hier kam ich an und hier geht es los:

Pittsburgh, PA

EIN AUFGESCHNAPPTER DIALOG AUS PITTSBURGH (IN EINEM GÜNSTIGEN KAUFHAUS IN DER SOCKENABTEILUNG):

„Oh suck my left bosom, Michelle!“ — „These socks say I love you, but I really don’t, Ryanna, cuz you are rude!“

ETWAS, DAS ICH VERGESSEN HATTE

Der Moment am Abend wenn die Schwüle aufhört, ganz plötzlich ist die Luft erträglich und leicht.

RADELN IN PITTSBURGH

Zwei Flüsse treffen hier um eine hübsche schmale Landzunge herum aufeinander und formen einen dritten. Diese Flüsse tragen die schönen indianischen Namen Allegheny und Monongahela, der dritte heißt schlicht Ohio.

Auf der Spitze dieser Landzunge sitzt ein Brunnen und ein kleiner moderner Park, dahinter stauen sich Hochhäuser. An den Flüssen entlang stehen Stahlindustrie-Gebäude, manche verlassen, manche umgebaut. Um die Spitze herum wellt und türmt sich das Land in alle Richtungen und auf diesen Hügeln wuchern viele kleine Nachbarschaften, mit Wäldern und verlassenen Flächen und Autobahnen und Brücken und Zugstrecken dazwischen. Und zwischen all diesen eigentlich schwer zu verknüpfenden Elementen schlängeln sich die Fahrradrouten.

Wir also Hügel runter und rauf, sehr nah an Autoschnauzen vorbei und mutvoll über Autobrücken, die anderen Radfahrer winken uns zu, einfach nur weil wir auch radfahren.

Wir verstehen noch gar nichts von dieser Stadt und diesem Land und radeln einfach durch, C mit ganz schief sitzendem grauen Helmut, meiner ist grün und juckt, wir beide auf klapprigen geliehenen Rennrädern, wir müssen oft auf die Karte schauen und halten an den Stop-Signs wie es von uns verlangt wird.

New York, NY

Diese Insel voller Menschenbauten, und alle so hoch, und aus jedem Blickwinkel sind sie anders schön und das Wetter macht mit ihnen Dinge und Stimmungen wie in den Bergen.

EIN DIALOG MIT KOMMENTAR AUS NEW YORK

Ich sagte zum Busfahrer im nächtlichen G-Train Ersatzshuttleverkehr: You have a beautiful voice, Sir, er antwortete augenblicklich, als habe er das erwartet, Thank you so much, have a good night.

Und dann sagte die C ganz entzückt: Vielleicht war das das Schönste in New York!

GEDANKEN, DIE MAN SICH IN EINER GROSSSTADT MACHT

New York ist schön, sehr schön und kultiviert, oft überkultiviert. Der Shabby-Look nagt an uns. Er nervt, all diese übertrieben liebevollen Antik-Läden, in denen man Letterpress-Postkarten von hippen Illustratoren neben aufgehübschtem Gerümpel kaufen kann, da wird eine einzelne französische Garnspule, vintage, aufwändig verpackt für 8 Dollar angeboten.

Amerikaner können so gut präsentieren und darstellen, sie sind flüssig wo wir holprig sind, das ist immer noch so. Ich fühle mich hier deutsch und unangenehm steif oder rau, dabei sind wir doch vermutlich alle gleich weit. Wir wollen das Gute, direkt, so platzt es aus uns heraus.

Was muss einem nicht peinlich sein?

Boston, MA

BOSTON WAR SCHWIERIG

Einmal frühstückten wir sogar Brownies und Eiskrem bei Ben & Jerries, danach war uns mehrere Stunden lang schlecht.

ZUM BEISPIEL WAS DOCH NOCH GANZ WUNDERSCHÖN WAR IN BOSTON:

Die Wolken.

Cape Cod, MA

THEMEN AM MEER

In den letzten Tagen war von den Walgesängen der Mayas über Star-Trek-Folgen, von Protein-Shakes über transsexuelle und spielsüchtige Buddhisten alles dabei, jeder Musiker war unglaublich begnadet, jeder Freund ein Künstler und jeder Künstler hatte mindestens ein großes Haus mit Garten.

EINE AMERIKANISCHE SEHNSUCHT NACH EUROPA

Janni war klein und drahtig und jugendlich wirr, aber schon über 60, mit rotgefärbten langen Haaren, einer rotgetönten Sonnenbrille und einem nervösen Kichern, besessen von ihren eigenen Worten, von Kunst, Politik und Gesundheit, hängengeblieben auf einer bunten lieben Droge.

Halb Cape Cod war von ihren Freunden besiedelt, und alle müssten wir eigentlich unbedingt heute noch kennenlernen, nur leider seien ja jetzt, im Winter, viele schon fort, das Cape sei ja ein Sommer-Ort, wir müssten das mal im Sommer sehen, da sei hier was los, oooh, jetzt mache sie uns einen Tee, schaut mal her, das ist ein Darmreinigungstee, der hier ist Mango-Peach-Black, that’s fantastic, and so good for you, and your body, oooh where are the kitties, Kitties! I looove you, I’ll be back, I’ll be right back …

Innerhalb einer knappen Stunde waren wir mit ihrer gesamten Lebensgeschichte, einschließlich einer wohl nicht ganz glücklich ausgegangenen Affäre mit einem deutschen Mann namens Manfred sowie etwa drei weiterer gescheiterter Versuche in Europa Fuß zu fassen („Ich bin ja zu einem Viertel polnisch und ein Viertel dänisch – meint ihr ich sollte lieber einen polnischen oder einen dänischen Pass beantragen?“), mit ihrer kompletten politischen und spirituellen Weltsicht und mit mehr als vier unterschiedlichen Plänen zur Gestaltung ihrer näheren Zukunft vertraut.

Der Sternenkucker hatte ihrem Mann Jeff und ihr nämlich geraten bis Mitte 2012 das Haus (das seit mehreren Generationen Jeffs Familie gehört) zu verkaufen, und den beiden leuchtete das ein – bei den zunehmenden Umweltkatastrophen solle man keinesfalls ein Haus an einer Küste besitzen.

Nur über die Frage wohin stattdessen und wohin mit den Möbeln aus einem dreistöckigen vielzimmrigen und sehr vollgestelltem Haus, darüber waren sie sich noch nicht komplett im Klaren. Wir hörten alles von einer Pension im Harz, die ihrem Freund Gunter gehöre, und die sie zur Künstlerkolonie umarbeiten wollten, bis hin zur Übernahme der einzigen Kneipe auf dem Cape, die auch im Winter offen hat und jeden Abend live Musik spielt.

EINE SCHÖNE FRAU AUF CAPE COD

Die Kneipe war ein richtiger Irish Pub, mit offenem Feuer und bitterem Bier. Offensichtlich der einzige Treffpunkt für all diese verrückten und überzeugten Nicht-Touristen, die Year-roundler. Als wir eintrafen, saß eine Gruppe älterer Damen und Herren in einem Stuhlkreis beisammen, die mit Blockflöte und Kleinklampfe schwerfällig irische Lieder übten. Kurz darauf wurde zum Glück der Act des Abends an das Mikrophon gebeten, ein echter melancholischer Country-Sänger mit großer Gitarre.

Die stehen hier so sehr auf diese alten Lieder, die singen mit und tanzen und wünschen sich welche. Wir aßen Clam Chowder und lauschten, selbst Janni war mal einige Minuten am Stück ruhig.

Eine wunderschöne Frau, sie war männlich groß mit breiten Schultern unter einem Ledermantel und riesigen Händen, hatte dazu aber ein klassisch fraulich schönes Gesicht und ganz eindringliche Augen, tanzte mit allen bärtigen Männern im Pub. Immer der, mit dem sie eben noch getanzt hatte, musste zusehen wie sie einen anderen anfunkelte, und in den Pausen zwischen den Tänzen stand sie alleine weit hinten bei den leeren Tischen, mit einer Zigarette in der Hand auf dem Weg zum Rauchen, aber sie konnte sich doch noch nicht von der Musik trennen und sog drum im Dunkeln noch ein paar Takte ein.

Sie kam aus London und hasste London und hatte auf dem Cape endlich den Ort gefunden, an dem sie frei denken könne, sie goss mir von ihrem zimtigen Bier in mein Glas, um mit mir anzustoßen, sie fasste mich am Ellbogen und bat mich diese Welt zu ändern, ich sei jung und voller Energie …

Wald, MA

TIERE IM WALD UND IN MENSCHENNÄHE

Wir waren Eis essen und Lamas fotografieren und sind knappe anderthalb Stunden nach Hause gelaufen. Unterwegs haben wir einen verlassenen Schrotthof betrachtet, mit vielen rostigen Pick-Ups darin, die schimmerten in den schönsten Farbtönen, als plötzlich zwei kleine schneeweiße Hasen unter den Autos heraushoppelten. Fast bekam ich es mit der Angst zu tun, so ein seltsam verzauberter Augenblick war das. Aber sowas passiert hier vermutlich öfter, it’s that kind of country, you know.

Auf einem anderen Spaziergang schauten wir an einer recht breiten Straße das Kadaver eines Porcupines an. Dabei hielt ein Auto auf der nicht vielbefahrenen Straße und ein rauchendes Mädchen mit Pferdeschwanz und breitem Gesicht rief uns was zu, was wir denn da machten. Ich zeigte auf die Kamera, hatte keine Lust auf weitere Erklärungen oder etwaige Belehrungen, aber das Mädchen rief nur, ja, wie schön diese Tiere seien, und wenn wir uns trauten, sollten wir doch einen Quill rausreißen, die Native Americans („to whom I do not belong, but nevertheless“) hätten diese Stachel für heilig gehalten.

Das Sofa riecht nach nassem Hund, die Mäuse essen nachts die Schokolade direkt aus der Packung, sie ist jetzt ringsrum von langen dünnen Zahnreihen gemustert, der Wald ist voll wilder Truthähne, die Wanderwege voller plattgefahrener Schlangen, die liegen da wie Buchstaben aus einer geheimen schnörkeligen Schrift, in den Büschen rascheln und piepen die Chipmunks, diese munter quietschenden, hübsch gestreiften kleinen Nager, und über uns kreisen die Greifvögel und ich habe noch keinen einzigen bestimmen können, so weit oben fliegen sie.

DAS FEUER IN DER HÜTTE

Ich heize hier mit Feuer. Hab’ einen kleinen schmalen Ofen, etwa armlang, mit Fenster vorne, in dem ich ein Feuerchen mache, genau so wie es Bill mir beigebracht hat. Dafür lege ich einen Tunnel aus zwei dicken Holzspalten links und rechts, mit locker geknüllten Zeitungspapierbollen dazwischen bis ganz nach hinten, und einem dritten Spalt schräg dadrüber. Darauf schichte ich Kleingestöck, und dann zünde ich vorne das Zeitungspapier an und warte bis die Flammen sich nach hinten durchgefressen haben.

EINE ANFRAGE ZU EINEM AUSFLUG

Bill klopfte fröhlich an meiner Tür, oh good you’re awake, ob ich mitkommen wolle, twelvish rum, sie führen an den Gorge „and to a town that sells books“.

Sehr schöne Ankündigung, natürlich komme ich mit.

SPAZIERGÄNGE (FETZEN)

Beim Laufen suche ich Chipmunks, die hiesigen Amseln, und denke nach.

Ich war draußen, in einem Apple Orchard, saß auf einem Stein und habe gelesen.

Morgen wird ein wenig so sein wie heute, und ein bisschen anders, mit einem anderen Spaziergang und neuem Licht, das ist schön so.

Könnte ich jedes einzelne dieser Herbstblätter wahrnehmen?

HERBSTABENDE IM WALD

Ich mag dieses abendlich herbstliche Rein- und rausgehen. Also man will noch was im Garten erledigen, noch einen Scheit Holz hacken, aber es wird zu früh bereits dunkel, und in den Kürbisen brennen Kerzchen, und die Luft ist kühl und scharf.

Als ich abends im Dunkeln den heimkehrenden Bill begrüßte, kläffte der Hund Jill so aufgeregt, dass Bill ihn einfach wie ein Lamm hochhob und eine Weile vor seiner Brust umarmte. Da wurde der Hund ruhiger.

HALLOWEEN VORBEREITUNGEN IN EINER WEIHNACHTLICHEN STIMMUNG

Heute vormittag in der großen Küche drüben, draußen Schnee und Sonne und Marge am Werkeln, drinnen Aina, die Kürbisse und ich. In Ruhe und mit Sorgfalt bereitete ich eine Focaccia, einen Chocolate-Cheesecake-Pie und ein Curry zu. Knetete, rührte, drückte, schnitt. Dazu hörten wir 80er Jahre Pop-Lieder und schwiegen viel. Ich war glücklich wie beim Plätzchenbacken.

EINE PARTY

Fast alle Gäste waren im unerwartetem Schneefall steckengeblieben oder gar nicht erst losgefahren, wir saßen voll verkleidet vor dem Kamin und warteten auf unsere Suchtrupps, die aber ohne gute Nachrichten heimkehrten, ein Baum war umgekracht, die Freunde schafften es nicht den rutschigen Berg hoch, sie mussten also in’s Motel. Wir setzten uns dann sehr spät und bereits betrunken an einen Tisch, der für viel mehr Menschen gedeckt war und luden uns die Teller voll.

Es gab genug Essen für mehrere Tage, und das war gut so, denn mehrere Tage blieben Strom und fließendes Wasser aus, Benzin gab es auch keins.

Dieses Essen im Dunkeln, auf das wir so lange gewartet hatten, das war ein intimes und schräges Essen: All die Vorbereitungen, das Machen und Ausdenken über Tage und Wochen – dann das langsame Ausbleiben der Gäste und die sich steigernde Gefährlichkeit und Realität des Schneesturms. Wir, wir und Susan-Sheldan-Shandra, und der Stromausfall, und der monströs große Gasthund, der vierte Hund, der Hot Tub inmitten der Schneewehen, dieser Riesenteller Essen, no peasants with pitchforks outside, banging to be let in, just us in the barely lit room.

Portland, OR

Ricarda is back in town und living the good life.

EINE ERINNERUNG UND EINE STRASSE IN PORTLAND

In Portland gibt es eine Wygant Street, benannt nach dem Pionier Wygant. Der notierte in seinen Tagebüchern des Treks nach Westen: Killed a crow this morning; made our breakfast upon him and some coffee. Killed a few doves for dinner; ate rosebuds for dessert.

Das erinnerte mich an das schöne uralte Computerspiel Oregon Trail, bei dem wir kleine Pixelpioniere mit Waren und Waffen ausstatteten für die große Reise, nicht alle kamen heil an, in Zwischenepisoden musste man Büffel schießen.

EIN HAUSINNERES

Das Reden fiel uns leicht. Wir liefen schnell und lange durch den Regen und sprachen über Politik und Hoffnung, er erzählte von seiner Ex-Freundin, die zur Zeit in China in den Bergen Englisch unterrichtet. Er zeigte mir sein Haus, eine Rumpelbude voller Minikunst und Platten und Pflanzen und Vorhangsfransen an den Decken.

Ein Mitbewohner spielte uns im glitzernden Keller ein Stück Computer-Drums vor, über das sich die beiden Jungs kaputtlachten, die dünne schwarze Katze und ich wussten nicht worum es geht, sie schaute mich kurz aus grünen Augen an.

In der Küche traute ich mich zu fotografieren, überhaupt traue ich mich in Portland viel, weil jeder zum Mythos der Stadt auf seine Weise beitragen will, weil ich mich hier sicher fühle. Die dicke grauweiße Katze mit dem riesigen Fell-Latz ließ sich außerdem gerne ablichten.

Neil spielte mir tighte Musik vom Abend zuvor vor, der andere Mitbewohner trug einen dicken bunten Bademantel und sagte er sei müde.

Please have an awesome evening, schrieb Neil gegen später.

INTIMER MOMENT MIT KATER

Als ich auf dem Sofa lag, was ich selten tue, setzte sich der schwarz-weiße Riesenkater eine Weile auf die Armlehne und sprang plötzlich mit großer Selbstverständlichkeit auf meine Brust. Er machte ein paar schwere Schritte, legte zuerst seinen kleinen Kopf ganz nah an meinen (schnurrbarthaarnah), und dann seinen gesamten Körper auf meinen Oberkörper.

Katzenklops, der mit mir atmetete. So lagen wir eine Weile, während es draußen dunkel wurde.

SPAZIERGÄNGE (FETZEN)

People in Portland use their houses like kids play with their dollhouses — stuffing the front porches in unretrievable ways, hanging bikes from trees, planting edibles all over the yard, more decorating than living, nothing is sacred.

Die Baumfarben hier sind unfassbar schön, wie Lippenstiftproben.

EIN POETRY-SLAM

Ich habe mit beinah offenem Mund diesen wahnsinnigen und expressiven Mädchen, und Jungsmädchen, und Mädchenjungs, gelauscht. Besonders gefallen haben mir die Geschichten von Gummibärchen und Minnesota und das Mädchen mit den Nerd-Augen in dem spitzen blonden Gesicht (die hatte auch einen richtigen Computerjungsbuckel), die ihr Mädchen beschrieb und wie sie sie rannehmen würde, Zeichnungen in ihre Haut ritzen mit einer Nadel und Dreck von dem Ort an dem sie geboren wurde, das ganz liebevoll und eigentlich sehr kindlich, überhaupt waren die alle so schön und strahlend jung.

Sie hatten Mappen dabei mit ihren Gedichten drin oder gefaltete Zettel und schrottige Bücher, eine zog ihr Handy aus ihrem Ausschnitt und rezitierte daraus.

EIN FRÜHSTÜCK NACH EINER WHISKEYREICHEN NACHT

Was war ich betrunken. Und wie anstrengend, dieses Gift aus meinem Körper zu schwemmen. Gegengift: four kinds of starches on one plate. Rosemarys Gravy Baby wurde das Gericht genannt, nach dem Kultfilm, den ich eben erst an Halloween gesehen hatte, es waren biscuits with salty, garlicky, peppery fat white sauce, soft grits, a potato pancake. Das Frühstücksmenü machte mir deutlich, dass ich hier fremd bin, kaum ein Begriff war mir vertraut, ich wusste überhaupt nicht, was ich auswählen sollte.

Ich bin ja auch fremd und deutsch, durch und durch, meine V’s und W’s (an denen man erkennt, dass ich in den letzten zwanzig Jahren vor allem deutsch gesprochen habe), die mag ich, und meine manchmal holprigen Formulierungen — aber ich habe jemanden, für den ich formuliere und der mir zumindest manches erklärt, was nichts verständlicher macht, aber mir mehr Bilder gibt.

Cinematic Morning Ice Pack, so nennen wir die Eiswürfel, die ich mir am Morgen auf die schmerzende Stirn drücke. Fast walks with low clouds. Last chance for breakfast. Einzelne Lieder tauchen in Neils Bewusstsein auf, er singt und summt sie, kennt die Texte, es ist als spazierte man mit einem Radio mit Situationskenntnis, The Clashs ‚Straight to Hell‘ und Paul Simons ‚You can call me Al‘.

Eine schwarze Frau fragte uns aus ihrem Auto heraus, wo die Rodney Street sei. Neil zeigte ihr die Richtung, sie lächelte uns an, sagte God bless you und fuhr weiter, wir zwei areligiösen modernen Menschen nahmen diesen Segen deutlich und dankbar wahr.

EIN SELTSAMES UND VERMUTLICH VERWIRRENDES DEUTSCH-ENGLISCHES NARRATIV EINES ABENDS ZU DRITT

So in the car I mentioned that skull, and Neil asked A human skull? and Mary-Ann burst out laughing, and Neil just said That’s not even funny, which made it even funnier and more atrocious.

We had put on our dancing pants and big mouths, and embarked on a four-wheeled adventure that was to bring us happiness. At least so said my fortune cookie from the Pho place, where we were the last guests and Mary-Ann devoured the egg rolls and left the noodles, and Neil was sort of still testing the situation to see if we combine well, which we did.

She has beautiful almond eyes, she really does, and the prettiest tiny brown mole smack on her nose, and N.s straight-out way of showing displeasure, and she taught me the trick to perfect high-fives: just watch that elbow.

There was a knife in the car door, kinda pointing at me, added mystery. Old-fashioned mellow 2005 techno unterwegs, amazing Raymond Scott at Neils place. Die restliche Musik unimaginative oder nichtssagend, aber das macht nichts, ich hatte genug Mühe, dem schnellen Schlagabtausch zu folgen, dieses Mädchen hat kalifornische Sprüche drauf, und einen Ex-Mann und zwei Kinder und eine fehlende Zahnecke, die zu einer Geschichte über Street Cred und einen Freund der Selbstmord beging gehört, that’s just Life Cred sage ich; xyz motherfucker, let’s call you porn names, I’ve been there, man, I’ve been there …

Aus irgendeinem Grund sagte Neil zu mir, dass ich ja auch irgendwann sterben würde und aus vollstem Herzen stimmte ich ihm zu — gottseidank, sagte ich und meinte es so.

And by no means am I looking forward to dying, but it is a good and healthy feeling, knowing that it will be over at some time.

Tomorrow we will eat more raw oysters together.

DIE FORTSETZUNG DES BESCHRIEBENEN ABENDS

Diese Stadt ist eine Wundertüte. Diese Straße allein ist eine Wundertüte, heute waren wir nur in meiner Straße und es ist schon wieder so viel passiert, dass ich es kaum verarbeiten kann.

Austern und Bier, Po’s und Gumbos und Catfish und Turtle Soup in einem der seelenvollsten Restaurants in dem ich seit langem war, After-Dinner-Indulgence in dieser seltsamen französisch angehauchten Patisserie mit den schrecklich schönen, overly dressed pastries, Küchlein und Pralinen. Aber die haben auch Glitzerpralinen, und guten Grappa der nach Earl Grey schmeckt, und eine Bar an der man lange und albern sitzen kann, also wirklich gar nicht so schlecht. Außerdem ist überall Blattgold drauf, hold the gold Mary Ann, I’m closer to the gold than you are Neil.

Ein überwitziger Armer-Tropf-Kellner, uns filmende Touristengäste, überall Kumpels und Soundguy-Kollegen. Der Tall Bike Rider, der in sich zusammenfällt wie ein nasser Hund, sobald er sitzt. Vielleicht weil er sonst immer so weit oben ist und diese Anstrengung eigentlich nicht aushält. Er bestellt etwas in C-form gekrümmt, krümmt sich towards meiner Kamera und Mary Anns Bike Expertise, tanzt wie ein Wilder mit Neil, der immer schlingernd tanzt sobald jemand sagt those are not dancing pants that you are wearing und niemand findet ihn creepy.

Keiner sagt etwas Krummes, alle sind aufgeräumt und freundlich und reden. Kontakt ist hier wie atmen. Persönliche Geschichten sind geteiltes Gut, Erfahrungen sind toll und immer wieder neu machbar. Sie reden gerne hier.

Ah, bis so eine Deutsche mal spricht.

Ich bin jedes Mal stolz wenn ich auch einen kleinen Spruch klopfe, wenn ich mitkomme und beitrage. Wir sind Friends, ja und jetzt, nach einer Woche, nach zwei Tagen.

Slurping oysters is kinda like letting those huge blobs of strawberry slide from your PBJ-Sandwich into your mouth.

You guys are just jello! — I am not appreciating your ironic version of the word jealous here, Gelatine. — Not approved.

THANKSGIVING

Interessant an dem Thanksgiving Dinner waren vor allem die komischen kleinen Geschichten, die plötzlich zwischen den mashed potatoes, den gepushten Brüsten und den von jedem Gast zu küssenden Säuglingswangen auftauchten.

Von Ananda, die Polizeibesuch bereits erwartete und deshalb dem Sheriff einen Brief schrieb, bevor sie zum Burning Man fuhr, aber das junge Pärchen, das bei ihr zu Besuch war, nicht vorwarnte, die blonde Tierärztin aus dem Mittleren Westen machte mit ihrem vielen Zahnfleisch ihren Verlobten vor dem Cop nach: this is serious man, oh my god, und nein, er habe keine medical marijuana card … Außerdem habe sie, die Tierärztin, kürzlich an einem Sonntagabend vor einer Bar auf ihren Typen gekotzt, so geil ist Portland. Sie möge es nicht, wenn er über Politik redet, lässt ihr Freund oder vermutlich Verlobter mich mitten in einem Gespräch über Politik wissen, right on, wiederholt er immer wieder, right on.

Der schwule Junge ruft betont laut pussies thump-thumpin’ on wood und Ulli muss auch hier ihr Burning Man Liedchen zeigen und zu viel über’s Essen reden, Bryan der Jäger weiß es besser: the only reason to detox is to retox! usw.

Auf meinem frühen Heimweg machte ich Blitzfotos von Persimmons, der Regen tropfend auf ihrer matten Haut, und vom klaren Nachthimmel mit seinen deutlich Wolken. Yeah, it probably was new moon.

EIN AUFGESCHNAPPTER SATZ AUF EINER STRASSE IN PORTLAND

Ambulance concert, lights flash by, guy in a wheelchair says Can’t be me, cuz I’m over here.

DOWNTOWN

Vor einem kleinen Food Cart im Schüttregen mit knatternder krachender Plane haben wir 6 indische Gerichte für 6 Dollar gegessen, mit erdigen Linsen und einer cremigen roten Soße für das Naan. Die Food Cart Frau entschuldigte sich bei uns für den Regen.

Neil verschenkte seinen üppigen Rest an ein sehr ordentlich aussehendes und ziemlich fröhliches junges Mädchen mit bittendem Pappschild vor dem riesigen (weltgrößten) Buchladen Powells.

Ein anderer Mann, an einer anderen Ecke, hatte ein ganz kleines Pappschild auf dem in Druckbuchstaben einfach nur HELP stand. Das rührte uns lange noch in der Bauchgegend.

EIN FRÜHSTÜCK IN EINEM RICHTIGEN DINER

Go to town like a man, sagte Neil zum Kater, strich sich unter dem Schnurrbart an der Oberlippe entlang, und dann zum F: You will be flattened by this breakfast. Flattened F.

Ugly mug und how can be lounge. French Toast mit Sausage und Pepper Jack und Maple Syrup, und Poached Eggs und Greasy Bacon, Kaffee der endlos nachgefüllt wird — wie im Film.

Es war ein sonnig strahlender Vormittag, in einer Stadt in der immer alle Zeit haben um ihre Hunde auszuführen und ausführlich schwebende vulkanische Berge zu besprechen.

EINE UNTERSCHEIDUNG

Was, wenn ich irgendwann das nicht schlechte fast deutsche Vollkornbrot der teuren Portländer Bäckerei Fressen nicht mehr von einem wirklich guten deutschen Vollkornbrot unterscheiden könnte? Das wäre eine Selbsttäuschung.

Wahrnehmung verändert sich mit der Zeit, Wahrnehmung verändert sich überhaupt permanent.

DER ABSCHIEDSBRUNCH

Am letzten Samstag waren wir brunchen, mit der fröhlichen U, die war in ihrem Element. Im berühmten Tasty & Sons saßen wir am Tresen und schauten den tätowierten Köchen beim Arbeiten zu, einer rieb motiviert von Hand eine Karotte, drückte sie kraftvoll in einem Käsetuch aus, den leuchtenden Saft fing er in einem Plastikbehälter auf. Wir hatten alle drei zugeschaut und fragten uns in welchem Gericht der Saft wohl verwendet wird, da nahm der Junge den Becher und trank ihn einfach aus.

Schön-schön fand ich es dort nicht, nicht so wie in der Oysterbar Eat, zu wenig Grit und zu wenig Zufall, aber es funktionierte gut für uns. Für die Bloody Maries und den Grapefruit Mimosa, für French Toast und Shakshuka und Datteln und klitzekleine Doughnuts, für Us Lippenstift, der langsam in der Serviette verschwand.

Es ist nämlich selten das Essen selber oder der Raum oder die Locken der Kellnerin, es ist die Stimmung und es sind die Leute mit denen man isst, die über eine Erfahrung entscheiden.

Küste, OR

Ein Ausflug.

A VARIETY OF FINE.

It was such a small dog / we were petting / when the wave came.

Ein Jeep im Herbst, kalte Nebelluft strömt durch das halboffene Fenster, vermischt sich mit dem Zigarettenrauch und den glimmenden Funken und dem heißem Luftstrom aus der Heizung. He first thought I was kidding when I said I like these smells and mixed thermics. Er weiß von Art Schools und ihren Auswirkungen auf Menschen, er kennt die Sad Chapters und die längeren Geschichten, er duldet keinen Fatalismus, er kaut auf einzelnen Gedanken von mir eine Weile herum, er improvisiert kleine Dialoge. Wir hören selbstaufgenommene Musik und sammeln Pappbecher in der Automitte, sitzen zwischen Drumsticks und halb aufgegessenen Pizzen, fahren eine lange gerade Straße durch den Nebel, noch deutet nichts auf die Küste hin.

Plötzlich sind wir doch am Wasser und auf flachem schönen strahlenden Sand, eine kitschige Touristenstadt, bereits halbverschlossen, seit Jahren bin ich überzeugte und zufällige Nachsaisonlerin.

Wir bücken uns, um einen Hund zu streicheln, sein Herrchen pfeift ihn zurück, immer dringender, wir zwinkern dem Hund zu, nee zu dem willste nich zurück, wa, in dem Moment werden wir alle drei beinah von einer sehr schnellen, sehr nassen Welle überrollt. Seitlich nasse Socken, und noch Stunden später muss ich darüber lachen.

Im nächsten Ort essen wir Clam Chowder, von einem freundlichen Jungen mit Piercings serviert. Haystack Rock, Life in a Postcard. Mehr Hüpfen, viel lange gedehnte schöne Zeit, genau so gehen Strandspaziergänge, solche Tage sind Geschenke, erst recht mitten im November. Jeder neue Winkel brachte mehr Schönheit und anderes Licht, jeder Satz bringt irgendwann den nächsten hervor.

Bierchen? Bierchen in Manzanita.

Es war dunkel draußen und der helle Pub erinnerte mich an den Irish Pub auf der anderen Seite des Kontinents, auf Cape Cod (diese Reise ist wie Arme ausstrecken — ich will noch gar nicht nach Hause, wie eine Yoga-Pose in der ich gerne bleiben möchte). Oatmeal Stud, oder so ähnlich, ein dunkles starkes Bier, schön und wild wie Belgien, schon sprachen wir über Belgien, und über Politik und Chaos und mein Deutschsein und früher und die Eltern und später, so geht Kennenlernen.

Fish & Chips und dann Nachtisch? Fish & Chips und dann der Pie.

Und ein trockener Cider in alberner Verpackung, und Malt Vinegar auf den guten selbstgemachten Pommes, diese dicken weißen Fischsegmente, und ein hoher luftiger Erdnussbutter-Pie, dessen feinen Geschmack ich am nächsten Tag noch verfolge.

Colby ist ein Landschaftsgärtner, rund und freundlich, er nimmt uns in den nächsten Pub mit, zum Lighthouse. Dort gibt es noch mehr runde freundliche Menschen in Batik-Tshirts und karierten Kurzarmhemden, Neil spielt Schlagzeug und ich tanze mit dem Gärtner, der riesige Hände hat und seine Füße nur shuffelt. This is amazing, so stellt mich Colby vor, der mich seit einer knappen Stunde kennt, otherwise known as Ricarda.

Später, als er sich eigentlich schon verabschiedet hatte, nimmt er mich an der Hand und zieht mich raus, um mir den Mond zu zeigen: ein gleißend helles Halbrund in einem riesigen leuchtenden Halo. Noch nie habe ich so einen Ring um den Mond gesehen.

Ein Stück Sugarshockcake, so eine richtig amerikanische Geburtstagstorte mit Zuckergußrosen drauf, und wilde Geschichten von dem Guns’n’Porn-Laden an der dunklen Straße Richtung Portland. Ein Trailer und unausgebaute Gästezimmer werden uns angeboten, aber wir fahren spät in der Nacht noch los.

Ich bekämpfe die Müdigkeit, um nach Elchkühen Ausschau zu halten, Neil trinkt schluckweise kalten Kaffee, ich sitze auf meinen Händen, Neil hält die CD-Queue in der Hand. Wir sprechen fast nur noch über Musik und Mixtapes und Schulwege und über das Tanzen, und wir sind stolz und dankbar für unser spontanes und glückliches Schnappen dieses Tages.

Seattle, WA

Ein anderer Ausflug.

ANGENOMMENE HILFE

I thought you might be lost, sagte eine alte japanische Dame mit Kopftuch zu mir, sie wohnte schon lange in Seattle und kannte sich aus. Sie suchte mir den richtigen Bus und brachte mich beinah bis zur Haustür, obwohl sie einen ganz anderen Bus hätte nehmen müssen, voller Ruhe und Selbstverständlichkeit.

Do you have pets? fragte sie unschuldig wie ein Kind als sie mir gegenüber saß.

EIN ZAUBERSATZ

I will prepare some snacks strahlt Liebe und Fürsorglichkeit und Leichtigkeit aus.

F SOLL MEIN GANZES AMERIKA SCHMECKEN

Espresso, der mehr Creme als Flüssigkeit war, kleine Märkte und Occupy Zelte und vier Sorten Chowder, was keine Marke ist, das sind unsere ersten gemeinsamen Schritte in Amerika.

Auf der Fähre schien die Sonne, die Insel war (obwohl hübsch aus der Ferne) eher langweilig, wir haben dennoch gut gegessen, diesmal einen richtigen Chowder und einen tollen Bagel mit Cream Cheese und Smoked Salmon und Kapern.

An der Fährstation waren Begriffe aus der Unterwasserwissenschaft auf die Geländer geschrieben, ich verarbeitete diese Begriffe in einem Heftchen, ich nannte es Biological Soup.

Outflow at surface, pacific spiny lumpsucker ist meine Lieblingsstelle.

Der Südwesten

Letztes Amerika.

DIE WÜSTE

Das ist ein Teil. Diese Berge, diese Bergvielfalt, diese Muster, diese Farben. Mehr Inspiration bräuchte ich ein Leben lang nicht.

Da ist Airbrush in der Luft, da ist Grit und Gebet dabei, das ist schön und klar und so viel Himmel.

Wir fuhren bis Tortilla Flat, durch den Phoenix-Fladen hindurch an den Rand der Berge, an Zitrushainen und echten Cowboys vorbei, Apocalypse McKelleps, a ship full of citrus to ship citrus in, bis hin zu den überraschenden Grüns und den hübschen Piepmätzen.

PHOENIX (FETZEN)

Phoenix hat Pop-Potential, alleine schon durch diese Dauersonne.

Der pechschwarzhaarige Mann hinter dem Tresen trug seinen Bauch mit großer Selbstverständlichkeit und hatte kleine kluge glitzernde Augen und eine samtweiche Stimme, schmeichelnder als ein klitzekleines Kätzchen. Mit dieser Stimme wünschte er uns: Have a lively day.

Phoenix ist ein glitzernder Riesenpfannkuchen mitten in der Wüste, voll siebenspuriger Straßen und Palmen und Ampeln mit fünf Lichtern und flacher brauner Shopping-Malls. Aus diesem immensem Fladen ragen, wie Eisberge, kleine Berge hoch, rotbraune Klumpen und Spitzen voller Armkakteen und Ohrenkakteen.

AUF EINEN DIESER BERGE SIND WIR GEKLETTERT

Der hieß Camelback, denn der Berg sieht von weitem aus wie ein großes kniendes Kamel. Der Weg war steil und voller Gesteinsbrocken und die Sonne ziemlich heiß und die Luft eiskalt, aber der Rundumblick von oben war das alles wert. Stadtfladen so weit das Auge reicht, in jede Richtung — ein abruptes Begreifen dieser Ausmaße, Dehnung meiner Vorstellungskraft.

Fotos funktionieren nicht von allem; dieses Land ist zu groß für meine Kamera. Irgendetwas Schönes (Poesie) werde ich in den Bildern finden und weitergeben können. Aber einen wahrhaftigen Eindruck von Bergform und Beschaffenheit, von der Lebendigkeit der Luft, von dieser Dimension werde ich nicht weitergeben können. Wie sprachlos in der Weite. Realität rules und rules ewiglich.

F nannte den tönernen Camelback ein Werk of God’s Pottery.

An uns rannten die Trail Runner vorbei — Phoenixianer, die anstatt im Park zu joggen, diesen Berg mehrere Male an einem Morgen hoch- und runterrennen, mit nichts als ihrem knappen Sportdress, einer Wasserflasche in der Hand und den iPod-Stöpseln im Ohr. Nach mehreren Stunden und drei Auf- und Abstiegen klettern sie unten leicht verschwitzt in ihren Riesenschnauzen-Pick-Up und fahren zurück in ihren Vorort.

Diese Stadt besteht nur aus Vororten.

SEDONA

Der Motelmann begrüßte uns heute morgen mit dem gleichen seligen Lächeln wie gestern, in weißem losem Hemd und kurzen Hosen (direkt aus der Yogapose, so F), er lächelte beglückt als wäre er genuin und aktiv dankbar dafür, uns als Gäste gehabt zu haben, überhaupt Gäste zu haben, ein Office zu haben, mit zarter Stimme über rote Steine und blauen Himmel reden zu dürfen, Rad zu fahren und Lebensmittel einzukaufen, ab und an Kaffee zu trinken.

PETRIFIED FOREST

Die Welt ist ein dickes Ding.

Wir fuhren auf verschneitem endlosem Weg in den Petrified Forest, ich hatte Angst, dass man nichts von der Besonderheit des Parks erkennen können würde, dass alle magischen kristallenen Baumringe unter Schnee versteckt wären. Aber dann sahen wir einen Coyote am Wegesrand, der uns lange und nachdenklich anschaute, und so viele pastellene Töne in der Ferne, und dicke Käsebretter in faszinierenden Farben im Gift Shop, und einen informativen Film aus den Achtzigern im Visitor Center und wieder einen Ranger mit samtiger Stimme, fette Logs in Scheiben auf einem kleinen Trail und so viel menschenleere Schönheit um uns.

Der Schnee machte alles nur noch kontrastreicher und intensiver und geheimnisvoller. Diese unvorstellbare, nicht beschreibbare und kaum begreifbare Weite. Die Klumpen und Täler und Streifen in den Hügeln, die fetten schwarzen Raben, die krähen und atmen mit offenem Mund in die endlose Stille, der reinblaue kuppelige Himmel. All diese versteinerten Schönheiten, Petrification rocks, das ist magisch und einlullend.

Ich will auch versteinern, von silica-haltigem Gas durchzogen werden und dann Zelle um Zelle zu Quartz und Amethyst werden, gefärbt durch alles was eben so rumliegt.

EIN PIZZA HUT IN GALLUP / INDIANERERFAHRUNGEN

Dann fuhren wir in den Osten, Richtung Albuquerque, mit einem dicken hellen Mond und vielen Trucks. Hielten in Gallups Pizza Hut, ein niedriger dunkler Ort war das, wir saßen in einem Booth und das Sonnenlicht kam schräg gestreift herein. Um uns saßen dicke indianische Familien, die Jungs mit Baseball Caps, die Mädels mit blonden Strähnen im blauschwarzen Haar, mit dünnen Kindern, die streng kuckten in ihren Jeanshemden und kleinen Cowboystiefeln.

Eindringlich schöne Gesichter sind dabei, schräge kühle ruhende Augen und dicke flache Lippen, aber F und ich, wir wollen die nicht in einem Pizza Hut sehen. Was natürlich Quatsch ist, denn die haben genauso ein Recht auf amerikanisches Fast Food wie wir. Aber es berührt uns, aus Kitsch oder Respekt oder Angst.

Das sind unsere Fragen hier, unsere Neugier — wie entstanden diese Reservate, machen die Sinn, hätte es Alternativen gegeben, wie bewahrt man eine Kultur und macht gleichzeitig Platz für Fortschritt, wie geht das als Einzelner, wie als Community, wie als Nation? Wie entschuldigt man sich für Jahrhunderte des Verdrängens und Tötens und Assimilierens? Wie behauptet man sich als Kultur, die das Aufnehmen und Verschmelzen von Gegensätzen zu ihren Grundsätzen zählt? Wieso ist es schmerzhafter, wenn ein Indianerkind seinem Elternhaus den Rücken zudreht und in eine Stadt zieht, um sich einen Flatscreenfernseher leisten zu können, als wenn ein Amerikanerkind aus dem Mittleren Westen das tut? Hat jeder Amerikaner ein Anrecht auf einen riesenhaften Pick-Up? Entweiht es einen heiligen Tanz, wenn drumrum Plastikstühle stehen, gefüllt mit Touristen in Jeans? Entweihte es die koreanische Tracht, als N. sie mir auslieh und wir Fotos mit ihrer Trommel machten? Bleibt eine Kultur lebendiger und echter und heiliger wenn manche Rituale geheim bleiben? Wo finden sich in Deutschland geheime Rituale? Wo findet sich in Deutschland gelebte jüdische Kultur? Wen hätten wir noch schützen müssen, bei wem sich noch entschuldigen? Wie viele Indianer rechtfertigen einen Schutzraum? Wie viel gelebte Kultur rechtfertigt einen unabhängigen Staat im Staat? Wie geht eine Demokratie mit solchen Zellen um? Was, wenn eine Kultur von einem bestimmten Ort, einem Land, von Bergen und Liedern zu diesen Bergen abhängt? Was, wenn auf diesem Land dann vor allem Kasinos stehen? Was, wenn diese Kasinos Geld abwerfen, das kleine Dörfer und moderne Krankenhäuser unterhält, aber gleichzeitig Alkoholismus und Konsumräusche fördert? Was, wenn keiner mehr kochen kann, wenn Indianerkinder das erste Mal in der Schule an einem Papprahmen das Weben lernen, so wie jeder Sven und Enis einer deutschen Grundschule auch?

Wir suchen ein ehrliches Gesamtbild, es ist schwierig zu finden. Wir haben noch nicht mit vielen Indianern sprechen können. Und einiges zerfließt in Vor-Ort-Selbstverständlichkeit.

Who are we to judge? Aber Fragen stellen, das dürfen wir.

WILDLIFE REFUGE

Durch Berge und Schneehäufchen zu den Vögeln und den Rangers mit den weichen Stimmen, wie immer, das sind durchgehend vorsichtige, nachdenkliche, besorgte Menschen. Der Schnee hat alles verändert, erklärte er uns, und zeigte die Straßen und Wege, die noch passierbar waren, und berichtete uns, was dort gesichtet wurde, ein Bär und ein Bald Eagle der vor einer Gruppe von begeisterten Boy Scouts etwas gerissen hatte.

Wir waren auf einmal mittendrin, ganz plötzlich waren wir Teil des großen Birdwatching-Spiels, auf dem Parkplatz verstauten sie grundschulkindgroße Teleskope und mannshohe Stative, dann ging es ab auf den Trail. Am ersten Beobachtungsdeck schon sahen auch wir einen Bald Eagle. Ein majestätischer großer freier Weißkopfseeadler auf einem toten Baum in einem zugefrorenem Sumpf. Ein freundlicher Birdwatcher ließ uns durch sein Riesending kucken, und ich konnte den Blick des Vogels deuten, I saw single feathers ruffling. Dann schoss auch noch ein wilder Habicht direkt an uns vorbei mit großen gemusterten Flügeln, da war ich schon selig. Es kamen hinzu: seltene secretive Virginia Rails, seidengraue exotische Kraniche, spannende Spuren im Schnee, schwarzhalsige Gänse und fröhliche Enten, Erinnerungen an mehr Kinderbücher als ich noch wirklich kenne, Habichte und Falken und drei jugendliche Seeadler, im Flug und sitzend — gesehen durch das Teleskop einer netten Frau die mal in Karlsdorf gelebt hatte, und kleine Klappervögel mit roten Unterflügeln.

Wir hatten das Number One Piknik auf der Kühlerhaube: Avocado-Makrelen-Brote und roter Hummus mit Käse und Nüsse und Datteln und Birnensaft unter einer immensen blauen Winterhimmelskuppel mit Vögeln in allen Richtungen, eine Pause mitten im Kuckspiel, ein Mann mit Mütze stiefelte in einen Baum spähend an uns vorbei, a sparrow, a sparrow.

Kurz darauf beobachteten wir, wie ein Habicht, der gerade eben ein dickes schwarzes Wasservögelchen gerissen hatte, nun auf dem Eis saß und mit dem Schnabel dunkle Fetzen (Federn? Fleisch?) aus dessen Hals riss. Wir hielten an und stiegen aus, der Habicht blickte uns strafend an und flog fort, sein Habichtfreund kreiste noch einmal ärgerlich um die Szene und verzog sich dann ins Wäldchen. Das Wasservogel-Opfer lebte noch, es zitterte und stand auf — ein Freund von ihm löste sich, zuerst zögernd und dann bestimmt, aus einer nahen Wasserloch-hugging Gruppe und lief ihm entgegen. Langsame Trippelschritte auf dem Eis, der Gefahr und dem verwundeten Ebenbild entgegen.

TRUTH OR CONSEQUENCES

Das ist eine kleine Kleinstadt, die die Schrägheit aller mir bekannten Kleinstädte bei Weitem übertrifft.

In einem Buchladen findet ein Book Signing statt, die Vorsitzende eines amerikanischen Gedichte-Vereins signiert ihr neues Buch. Sie hat eine Partnerin dabei, die hat Kinderbücher geschrieben und Hunger. Die Vorsitzende kauft also für ihren Sidekick Kekse, Flourless Peanut Butter Cookies, denn: Debbie needs substance! Debbie ist mild apathisch und bereits recht substanzreich, mit zwei langen braunen Kleinmädchenzöpfen auf dem runden Rücken.

Have you been doing any good? So frage man in Missouri wie geht es dir, erzählt ein Mann am Tresen.

Mit dichtenden Ex-Militärs gesprochen, blaue Augen und Tornado-Assoziationen und exakt geschorene weiße Haare, aber auch er sehe die Army inzwischen kritisch. Die Gedichte würden ihm zufliegen, einfach so, seitdem seine Frau gestorben ist. Er schreibe über Rattlesnakes und so, vielleicht bald auch über die Deutschen. Der andere Alte mimt den Reaktionär und lobt Frau Merkel, er trägt uns Haikus vor, die wir überhaupt nicht verstehen.

Ich beschäftigte mich vor allem mit Indianerbüchern:

You going
coming back being.
Grandmothers always singing you going.
Grandchildren always singing you coming back.
Somebody always singing you.

DIE GILA

gesprochen „Hila“

Am Eingang der Gila-Wildnis besuchten wir in der High School eines kleinen freundlichen Ortes ein sogenanntes Singer-Songwriter-Konzert. Es war Seelenstripcountry eines Ehepaars, mit kitschigen Texten und der Art von Aufmerksamkeit einfordernder Liebe, wie sie nur zwischen Amerikanern wachsen kann.

Der erwachsene Sohn klatschte brav nach jedem Lied, selbst nach dem Lied über seine Geburt und die Zeit während er sich noch in seiner Mutter befand — sinnigerweise ‚The Child in You‘ genannt. F schalt mich für meine Zynik. Als hausgemachte staubtrockene Brownies und Cider im Plastikglas serviert wurden und eine leicht eklige flirtende Karo-Kombo aus Austin die Bühne betrat, reichte es auch ihm und wir flohen.

Unterwegs entdeckte ich eine tote Kuh, die vor einiger Zeit einen kleinen Abahng hinuntergestürzt sein musste und deren trockenes honigbraunes Fell sich über ihre Knochen zog.

In unserer Herberge lernten wir den ehemaligen Rancher Gary kennen, der sein heißgeliebtes Texas verlassen hatte weil er seine durch Suburbia, Feuer und Fluten zerstörte Heimat nicht wiedererkennt.

Wer hier keinen Sinn für Landschaft entwickelt, kann keinen Sinn für die Menschen entwickeln.

TUCSON, ARIZONA

gesprochen „Tu-son“

Wir hatten beschlossen, dem Regen in Tucson zu entfliehen. Dort regnete es aber auch und wir wanden uns innenräumigen Tätigkeiten zu, gingen in’s Kino und besuchten das wilde Biosphere 2, ein futuristisches Labor in der Wüste, in dem Astronauten mehrere Jahre lang versuchten, ohne Kontakt in die Außenwelt zu überleben.

We could be friends — cos I like the way you eat sagte die fröhliche kleine Kellnerin zu uns, als wir nach unserem Salted Caramel Tart auch noch einen dicken Keks mit riesigen Schokostücken verdrückten, und F zu seinem Cappu einen doppelten Espresso nahm.

AJO, ARIZONA

An einer Outback-Tanke hielt ich einem Farmer mit schlechtem Zähnen, er war vermutlich so alt wie ich, die Tür auf, er grinste und sagte thanks sweetie.

Am Abend vor Fs Geburtstag waren wir Billiardspielen in einer Bowling Alley, es war Mittwoch und somit Bowling Night, der Laden voller Grenzbeamten und ihrer Frauen. Zum Abendbrot hatten wir nebenan sehr mittelmäßig chinesisch gegessen und F ließ die Take-Out-Reste in der Styroporschachtel in der Plastiktüte vor der Tür zur Bowling Alley stehen. Wir hatten schon den Billiardtisch aufgebaut, als eine schwer geschminkte alte Dame mit wackelndem Kopf mir entgegenkam, sie krümmte den lackierten Zeigefinger ich solle herkommen, ob wir das hätten stehenlassen, das locke Javelinas an. Javelinas sind garstige Wüstenschweine. Ich log ein bisschen rum, Essen kühl halten und so, sie gab nicht nach und wir holten das widerliche Essen wieder herein. Ihr alptraumartig gekrümmter Finger blieb mir noch eine ganze Weile im Gedächtnis.

Ich verlor zwei Spiele, im Fernsehen lief Boxen, an der Wand hing ein Hirsch über einem Weihnachtsbaum. Die Leute hier sind so jenseits, das ist Grenzgebiet, echtes Grenzgebiet.

Um unsere Motel-Cabin heulen Kojoten und flattern Kolibris — auch das kein Scherz.

ORGAN PIPE CACTUS NATIONAL MONUMENT

Wieder vorbei an der Border Patrol fuhren wir fröhlich zum Organ Pipe Cactus National Monument, Ohrenpieperpark nannte es der F. So viel Sonne, kaum Menschen, ein Rundweg für das Auto und ein Trail namens Bull Pastures für die Füße. Manchmal geht es einfach um Kakteenpersönlichkeiten und Bergausblicke.

Auf dem Berg gab es Echsen und Spechte und Kaninchen. Der Lizard hat vielleicht kristallines Urin, so hatten wir es im Visitor Center gelernt, auf jeden Fall hatte er keine Angst vor uns. Er bewegte sich kaum, klimperte mich mit dunklen ruhigen Augen an und wartete, bis ich Platz auf meiner Speicherkarte geschaffen hatte.

Da oben hab ich mich von Amerika verabschiedet und mir und den Steinen, den Kakteen, dem Blau im Himmel und den Wolken darin versprochen, dass es diesmal keine achtzehn Jahre braucht, bis ich zurückkehre.

Auf der Nachtstraße sahen wir Hasen vor uns weghoppeln und eine große Eule tief swoopen. Die Border Patrols stellten dumme Fragen die F lächelnd falsch beantwortete, wir hätten locker zwei Kilo Hasch im Kofferraum liegen haben können, ausgetauscht mit grimmigen Mexikanern am Picknickplatz unter dem erhabenen steinernen Bogen.

The End

Die Fragen, mit denen ich loszog, haben sich zum Teil aufgelöst. Durch die Realität, durch atmen essen laufen schauen fotografieren diskutieren berichten.

Ich habe meine losen Sehnsüchte umgewandelt und griffiger gemacht, es muss jetzt nicht mehr in mir ziehen jedesmal wenn ich im Film eine Gallon of Milk oder ein amerikanisches Polizeiauto sehe.

Dafür vermisse ich jetzt das Hupen der amerikanischen Güterzüge. Und noch mehr Menschen.