Pappbecherchen Mut

„Könnten wir den zweiten Versuch ein bisschen solidarischer machen? Ein bisschen näher an den Menschen, die ein Großteil der Diskriminierungen am stärksten betrifft? Ein bisschen mutiger, diverser, schräger, streitbarer, persönlicher, verknüpfender? Sodass es keine Ratgeber-Konferenz für die eigene Konzernkarriere wird, sondern ein Forum und eine Ermutigung für alle starken Frauen* – für die mit den Stöckelschuhen genauso wie die mit den weißen Latschen? Auch wenn das dann vielleicht weniger schick glänzt, dafür aber mehr bringt?“

Aus meinem ziemlich kritischen Bericht über die femMit Konferenz in Leipzig.

Ricarda Kielgeschrieben
Draussen so
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(Manifestation der Zeit, die ich mir in diesen Tagen nehme. Und dessen, dass ich diese Formen nicht benennen kann. Und der Sonne, immer der Sonne.)

Ricarda Kielalltag, bild
Figs with Salt

Ich schreibe über die Neue Süßigkeit in meinem ohnehin schon sehr süßen Leben und setze einen dicken Disclaimer davor.

Ich schüttele meinen Haselnussast und es fallen sieben dicke Raupen raus.

Ich greife in die Pretzeltüte und erhalte zwei unzertrennlich Befreundete.

Ordnung halten

Ich hoffe es, immer und immer wieder, dass Inbox Zero

und ein staubfreier erdnusskrümelloser Tisch,

ein dokumentenleerer Desktop

mir die Kraft geben, mein Tagwerk zu bewältigen,

dass Aufräumen und Einsortieren Rüstungen sind,

die mich schützen vor der Lust auf meine TV-Serien, vor der Müdigkeit,

dass Detox-Tees und Flohsamenschalenkuren meine Eingeweide aufräumen,

mich von den eitrigen Stellen in meinem Gesicht

reinwaschen, dass jeder Krümel

eine Bedeutung hat, jedes Bakterium gut ist,

dass Leben Sinn macht,

das erhoffe ich mir 

von meinen farbkodierten Ordnern und ich werde

regelmäßig getäuscht und ich weiß nur

ich habe es versucht und ich weiß nur

jeder Stapel hatte seinen Zweck und ich weiß nur,

dass ich die Büroklammern mal mochte und

sie mich liebten

wie kleine vernarrte Kälber

die kalte Füße hatten und

auf Socken und einen Apèro hofften.

Ricarda Kielalltag
manches aus manchem

Ich mag es, dass ich inzwischen Sachen auch mal sein lassen kann. So will ich sein.

Did you have fun today? Did you grow today? Did you fill out more space? Das sind die neuen Fragen, die ich mir auf dem Nachhauseweg stelle.

(aus meinem neuen Patchworkbericht)

Ricarda Kielgeschrieben
Eine Feministin auf einer Blockchain-Party

Laurie Penny berichtet von einer 4-tägigen Crypto-Konferenz auf einem Cruise-Ship, von bezahlten jungen Osteuropäerinnen, die den Frauenanteil erhöhen und für Spaß sorgen sollen, von einem Panel von „Frauen in Bitcoin“, denen kaum jemand zuhört (trotz der großartigen Zusammenfassung von Olga Feldmeier: „Being a woman in blockchain is like riding a bicycle. Except the bicycle is on fire. And everything is on fire. And you are going to hell.“), von großen Häufen Lobstern und einem Schwangerschaftstest als Teil des spaßigen Begrüßungskits.

… as if you’d been sealed in a single-use packet and slipped into the pocket of god.
— Laurie Penny
Ricarda Kielzitat
Montag

Wie kann ich Tabs schließen? Wie kann ich mich wieder mal auf meinen Text konzentrieren? Auf welche Gedanken kann ich verzichten? Wie kann ich mich auf die Woche vorbereiten? Wie kann ich beschreiben, wie in dem kurzen Moment vor dem Einschlafen die Blütenkelche sich an einem langen Stiel zu kleinen Schnäuzen geneigt haben, winzige runde weiße tiefe gekippte Suppenschüsselchen aus denen getrunken wird, die genau über die kleine Schnauze passen?

Fleißig ist kein Gefühl.

Nur weil ich am Schreibtisch sitze, muss ich nicht geldarbeiten. Ich kann einen kompletten Vormittag an meinem Wepsert-Artikel werkeln, ich spüre das allmählich. Spüre den Herbstnebel draußen und die kleinen aufgeregten Meisen, spüre, wie viel ich gearbeitet habe dieses Jahr, und wie ich in mir kultivieren will, dass ich eine Künstlerin bin, dass ich nach meiner Uhr ticke, dass das Leben auch schön ist und „fleißig“ kein Gefühl.

Mein neuer Patchwork-Tagebuchbericht ist online, er ist loser, fließender, intuitiver als sonst, aber genau darum geht es auch. Darum, dass ich nicht alles farbig kodieren und exakt planen muss, dass ich manches loslassen kann, dass Essays nicht perfekt sein müssen, dass Sachen raus müssen, damit wir weitermachen können.

Ricarda Kielgeschrieben
Mitlaufen
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Je mehr mich die politischen und gesellschaftlichen Nachrichten verstören, umso bedeutsamer wird mir Plattform und Hexenzirkel von wepsert, als laufender Auftrag, mich zu formulieren, meine Zweifel und Überlegungen und inneren Prozesse nach außen zu bringen. Was, daran müssen wir uns immer wieder erinnern, in sich schon ein politischer Akt ist.

In meinem neuesten Artikel dort beschäftige ich mich mit der Frage, wie ich als hochsensible Individualistin auf eine Demo komme, und wie wichtig das ist, dass ich meinen Körper in diese Proteste hineinplatziere.

Klar wünsche ich mir, dass ich eine Demo finde, wo genau meine Forderungen exakt so abgebildet werden, in präzise der Sprache, die ich für richtig halte. Aber hüstel, hüstel: Dann müsste ich die vermutlich selber organisieren. Solange ich das nicht tue, schließe ich mich denen an, die sich im Großen und Ganzen mit meinen Ideen decken.

Hier geht’s zum Artikel.

Ricarda Kielgeschrieben
Ich habe eine Stunde am Risotto gerührt und es hat mir nicht geschmeckt.

Ich entdecke Jesse Ball. Jesse Ball schreibt einen gesamten Roman in sechs Tagen, weil das Schreiben für ihn eine Performance ist, die an einem Stück durchlebt und für die Leser erlebbar gemacht werden muss. Vergleichbar mit einem Klavierkonzert, das Fehler enthalten darf, aber durch das Erleben am Stück mehr Reichtum enthält, als wenn es fehlerfrei aus einzelnen Aufnahmen zusammengstückelt würde.

It’s a matter of just setting the things down and accepting that other people might not like them. You set a sentence down and it should be the least that’s possible to say about the subject.
— Jesse Ball

Daran merke ich, wie sehr ich selber offensichtlich glaube, dass ein Buch lange brauchen muss, und dass auch dieser Glaube abschüttelbar ist. Vielleicht könnte das Schreiben ja Spaß machen und schnell gehen? Ich traue dem noch nicht.

Seine Freundin braucht länger für ihre Bücher und findet, dass das Ding mit der Zeit überbewertet und ein Buch kein Kuchen ist:

Ball wird hier gefragt, wie er sich auf das Schreiben seines Buches vorbereitet, und er antwortet:

The preparation is about paying attention to what you love and to be able to see as clearly as possible. It’s a matter of your whole life’s regime […].
— Jesse Ball

Ich habe eine Stunde am Risotto gerührt und es hat mir nicht geschmeckt.

Ich habe die Aquarellfarben ausgepackt und blasse Bilder gemacht.

Where's the point if I'm not having any fun?

Die Freude kommt mit der Aufmerksamkeit, mit was auch sonst, und die kommt mit der Wachheit. Ich verabschiede mich (zum wiederholten Mal) von der ebenfalls immer noch in mir verkrallten Vorstellung, dass Kunst nur das sein kann, was nichts mit unmittelbaren Bedürfnissen, mit Körper und Alltag und dem eigentlichen Leben zu tun hat.

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Ich will diese falschen Wertungen des Angewandten nicht mehr, ich will diese Stimmen nicht in mir, ich will vom Essen schreiben, ich will so viel Geld machen und so viele hübsche Fotos und dumme Sprüchlein, wie ich eben will und ganze Schmucklabels und große rohe Mengen an Texten, ich will Tiere und Babies mögen, ich will lila flatternde Kohlblätter zusammenbinden oder auch nicht, es spielt keine Rolle und natürlich spielt nur das eigentlich eine Rolle: Wie fühlen wir dabei mehr?

Was würde ich sagen, wenn ich weniger sagen wollen würde?

Ricarda Kielzitat, essay of a sort