Bleiben, aber nicht in der Biobubbel.

Was mir die gewalttätigen Nazi-Aufmärsche in Chemnitz und deren mediale Aufbereitung zur Zeit beibringen: Wir müssen komplexere Geschichten ertragen. Wir müssen den Hass anschauen, aufbrechen, präzisieren. Nicht nachbilden. Wir müssen genauer werden, offener werden, uns selber in die Verantwortung stellen.

Wir müssen bei uns bleiben und bei dem, was wir ändern können. Bei den Haltungen, die wir leben. Bei den Dingen und Privilegien, auf die wir verzichten, damit es anderen auch gut gehen kann. Bei dem, was wir zu der Situation beigetragen haben. Bei unserem Herz, und bei unserer Empathie.

Es hilft nicht, jetzt gesammelt „die Ostdeutschen“ zu verteufeln.

Die Nazis sind organisierte Nazis, da muss sofort mehr (und vermutlich andere) Polizei her, eine Polizei und ein Rechtsstaat, die wirklich ihre Aufgaben ernst nehmen, die AfD muss vom Verfassungsschutz beobachtet werden, Politiker müssten noch viel deutlicher demokratische Positionen verteidigen, da muss sofort und überdeutlich eine Grenze gezogen werden.

Mich interessieren die Mitläufer. Diejenigen, die hinter den Nazis laufen und dabei in die Kamera brüllen, sie seien nicht rechts. Ich glaube fest daran: Das sind die, die wir noch erreichen könnten. Deren Erleben und deren Biografien wir nicht ignorieren dürfen. Was haben die erlebt, dass sie eine solche Wut in sich haben? Wo ist da was schiefgegangen?

Und, eine noch steilere Frage: Könnte es sein, dass wir Westdeutschen daran vielleicht einen Anteil haben? Kann es sein, dass wir sie über den Tisch gezogen haben? Dass uns in den letzten 30 Jahren eine Integration misslungen ist? Wo findet diese Unterhaltung statt?

Wir müssen komplexere Geschichten ertragen.

Allein deshalb, weil wir wirklich mehr sind und es uns (insgesamt gesehen) besser geht. Das bringt auch eine Verantwortung mit sich.

Oder, wie Carolin Emcke das in dem Vorwort zu ihrem Buch „Gegen den Hass“ formuliert, und was für alle Seiten des politischen Spektrums und für alle Blickwinkel gilt (Dank für die Erinnerung daran an @nikejane):

Präzise lässt sich nicht gut hassen. Mit der Präzision käme die Zartheit, das genau Hinsehen oder Hinhören, mit der Präzision käme jene Differenzierung, die die einzelne Person mit all ihren vielfältigen, widersprüchlichen Eingenschaften und Neigungen als menschliches Wesen erkennt.
— Carolin Emcke

Oder, wie Bertrand Russell das in seinen Regeln für eine lebendige Demokratie formuliert: „Do not feel absolutely certain of anything.“

Oder, wie Kai Heddergott das hier formuliert: „Mehr Komplexität wagen. Auch wenn’s schwer fällt und mitunter weh tut, weil sicher geglaubte Positionen ergänzt oder überdacht werden müssen. Man nennt das Demokratie, Lernen, Miteinander, Fortschritt - choose yours.“

All das schreibe ich als freiwillige und hier sehr glückliche Neu-Sächsin. Seitdem ich hier lebe, wird mir erst so richtig klar, wie stark der deutsche öffentliche Diskurs immer noch westgeprägt ist, wie gut wir im Schaffen von kleinen seligen Biobubbeln sind, wie gern wir in denen drin bleiben.

Morgen fahre ich nach Chemnitz zum Demonstrieren. Obwohl ich Massenveranstaltungen grundsätzlich meide und weiterhin Angst habe, dass die Polizei die Lage nicht angemessen im Griff hat.

Aber: Auch das ist Teil meiner Arbeit, ob ich das will oder nicht.

Teil meiner Arbeit als Mensch, als Künstlerin, als Selbständige. Ich will hier leben und ich will hier frei und demokratisch und miteinander leben, also muss ich wohl was tun.

Ich muss laut und deutlich gegen die eindeutig Rechten und ihre organisierte Gewalt demonstrieren. Und ich muss denen zuhören, die auf der Kippe zu der Gewalt stehen – und dabei grundsätzlich bereit sein, auch etwas in meinem Verhalten oder meiner Wahrnehmung zu verändern, auch von ihnen zu lernen. Was viel verlangt ist im Moment, aber sonst ist es kein Dialog.

Ricarda Kiel