X = Y & + - 0

Die automatischen, faulen Gleichungen sind's, die ich nicht mehr ertrage, und die mich tatsächlich einengen: Wenn du dieses tust, bist / musst / hast / verlierst du jenes.

Wenn du in Leipzig wohnst, bist du ein Hipster, wenn du in Gohlis wohnst, bist du ein Vorortlangweiler, wenn du in München wohnst, bist du reicher Schnösel. Wenn du heiratest, bist du gesettled, wenn du feiern gehst, bist du noch jung, wenn du Nasenring trägst, hast du Spaß, wenn du schreibst, müssen es Romane sein, wenn du Kunst machst, musst du ein Arsch sein, wenn du Frau bist, musst du Mutter werden, wenn du Mutter wirst, verlierst du Arbeit und Kunst.

Und das sind ja nur die groben, offensichtlichen Gleichungen und Gattungen dieser Art, die Klischees. Die noch viel gefährlicheren sind die stillen, kleinen. Lauter faule Verknüpfungen, denen wir nicht auf den Grund gehen und in denen wir uns endlos verstricken, bis wir stumm und staunend nicht mehr wissen, in wessen Leben wir eigentlich stecken.

Es bleibt aber nichts, wie es ist, und jede Sicherheit ist trügerisch. Städte verändern sich, Menschen verändern sich, Gleichungen fallen auseinander. Wir können uns mit nichts wirklich polstern. Wir sterben alle alleine, wir leben tief in uns alle alleine, davor muss niemand Angst haben. Gültig bleibt: Bis dahin so viel Liebe und Verknüpfung wie möglich erfahren und geben. So viel Hinfühlen wie möglich, so viel Wahrheit wie denk- und lebbar, und ja, meinetwegen auch im Internet.

Ricarda Kielessay of a sort