Posts tagged alltag
Draussen so
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(Manifestation der Zeit, die ich mir in diesen Tagen nehme. Und dessen, dass ich diese Formen nicht benennen kann. Und der Sonne, immer der Sonne.)

Ricarda Kielalltag
Figs with Salt

Ich schreibe über die Neue Süßigkeit in meinem ohnehin schon sehr süßen Leben und setze einen dicken Disclaimer davor.

Ich schüttele meinen Haselnussast und es fallen sieben dicke Raupen raus.

Ich greife in die Pretzeltüte und erhalte zwei unzertrennlich Befreundete.

Ricarda Kielalltag
Ordnung halten

Ich hoffe es, immer und immer wieder, dass Inbox Zero

und ein staubfreier erdnusskrümelloser Tisch,

ein dokumentenleerer Desktop

mir die Kraft geben, mein Tagwerk zu bewältigen,

dass Aufräumen und Einsortieren Rüstungen sind,

die mich schützen vor der Lust auf meine TV-Serien, vor der Müdigkeit,

dass Detox-Tees und Flohsamenschalenkuren meine Eingeweide aufräumen,

mich von den eitrigen Stellen in meinem Gesicht

reinwaschen, dass jeder Krümel

eine Bedeutung hat, jedes Bakterium gut ist,

dass Leben Sinn macht,

das erhoffe ich mir 

von meinen farbkodierten Ordnern und ich werde

regelmäßig getäuscht und ich weiß nur

ich habe es versucht und ich weiß nur

jeder Stapel hatte seinen Zweck und ich weiß nur,

dass ich die Büroklammern mal mochte und

sie mich liebten

wie kleine vernarrte Kälber

die kalte Füße hatten und

auf Socken und einen Apèro hofften.

Ricarda Kielalltag
manches aus manchem

Ich mag es, dass ich inzwischen Sachen auch mal sein lassen kann. So will ich sein.

Did you have fun today? Did you grow today? Did you fill out more space? Das sind die neuen Fragen, die ich mir auf dem Nachhauseweg stelle.

(aus meinem neuen Patchworkbericht)

Ricarda Kielalltag
Montag

Wie kann ich Tabs schließen? Wie kann ich mich wieder mal auf meinen Text konzentrieren? Auf welche Gedanken kann ich verzichten? Wie kann ich mich auf die Woche vorbereiten? Wie kann ich beschreiben, wie in dem kurzen Moment vor dem Einschlafen die Blütenkelche sich an einem langen Stiel zu kleinen Schnäuzen geneigt haben, winzige runde weiße tiefe gekippte Suppenschüsselchen aus denen getrunken wird, die genau über die kleine Schnauze passen?

Fleißig ist kein Gefühl.

Nur weil ich am Schreibtisch sitze, muss ich nicht geldarbeiten. Ich kann einen kompletten Vormittag an meinem Wepsert-Artikel werkeln, ich spüre das allmählich. Spüre den Herbstnebel draußen und die kleinen aufgeregten Meisen, spüre, wie viel ich gearbeitet habe dieses Jahr, und wie ich in mir kultivieren will, dass ich eine Künstlerin bin, dass ich nach meiner Uhr ticke, dass das Leben auch schön ist und „fleißig“ kein Gefühl.

Mein neuer Patchwork-Tagebuchbericht ist online, er ist loser, fließender, intuitiver als sonst, aber genau darum geht es auch. Darum, dass ich nicht alles farbig kodieren und exakt planen muss, dass ich manches loslassen kann, dass Essays nicht perfekt sein müssen, dass Sachen raus müssen, damit wir weitermachen können.

i think that works let me check on smthing
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The truly free man is the one who will turn down an invitation to dinner without giving an excuse.
— Jules Renard

Oh, but to become this man as a woman is difficult.

Es ist Freitag Nachmittag, und ich habe noch zwei Stunden vor meiner Verabredung. Ich habe eine Liste von To-Dos für meine Nebenprojekte, die ich angehen könnte, und einen Stapel unbeantworteter E-Mails für meine Erwerbsarbeit, die ich beantworten könnte.

Hier kommt die Frage: Do you want to be a reliable source of literary art (or whatever writing you do), or of prompt emails?

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Ich entscheide mich dafür, mein Atelier zu putzen.

Weil ich dabei über das Verhältnis von Neben und Erwerb nachdenken kann, weil ich dabei merke, dass ich einen Körper habe, weil ich nur im Körper die Unruhe stillen kann, die mich davon abhält, es in meinem Kopf zu mögen, weil es dreckig war.

(Zitat von Renard von hier)

Ricarda Kielalltag, zitat
I Await the Devil's Coming

Ich sitze in einem neuen Stuhl mit engen Armlehnen um zu tippen muss ich meine Arme eng an meinen Körper drücken. Aber ich tippe trotzdem denn ich habe mir vorgenommen zu veröffentlichen ich habe mir vorgenommen diesen Raum zu füllen den ich als meinen abgesteckt habe der endlos ist wie heute alles endlos ist. Ich versuche ihn mit Bildern zu füllen die meine sind aber das ist schon lange ein Witz. An einem Buch zu schreiben und gleichzeitig einen Raum zu füllen und gleichzeitig viele kleine Räumchen zu füllen und gleichzeitig in tausend andere Räumchen hineinzuschauen hat mein Hirn in Knoten gelegt.

I think it’s strange that silence is often perceived now as non-action. Being silent doesn’t mean you’ll be silent forever. It just means that you’re interacting with the world in a different way, and perhaps that’s a sensible protest to a world that rewards shouting and instant reaction. I think that’s why I like books so much, because that gestation period is so long that it resists that notion of having to be available right now, right here. It doesn’t.
— Chelsea Hodson
Ricarda Kielalltag, zitat
Warum weinen? Warum nicht weinen?

Je langsamer ich gehe, umso reicher wird mein Tag. K Saß, Schrickel und Dr. Michel. Zwei Männer, die wartend in Autos sitzen, einer davon lächelt mich aufmunternd an. Eine Taube, die sehr weit oben in einer Birke sitzt, auf der wackligen Birkenspitze. Droopy, droopy, denke ich beim Anblick der hängenden Holunderbeeren. Vergessene Becher auf alten Kindergartengeländen. Eine junge Frau mit Staubsauger und Zigarette. All die Paradiese der einzelnen Häuser mit ihren raschelnden Gärten. Die zwei Stöcke und der Porzellanteller vor dem Kellereingang. Die Stillleben vom Samstag, trockene Holunderbeerbüschel und faulende Äpfel, sorgfältig gelegte Stein- und Astflüsse, ein großer hohler Stamm gespickt mit Blüten und Blättern.

Ricarda Kielalltag
Bodies

Meine Schulter schmerzt von den ersten Schnitzversuchen, von einem Tag, den ich nur in der Werkstatt verbracht habe. Bin ich wohl nicht mehr gewohnt.

Beim Duschen dann Überlegungen, wie das wieder zu richten ist.

Dann der Gedanke von einem Freund von mir: Diese ganze Unversehrtheit des Körpers ist ein bürgerliches Ideal. Ein Bauer, eine Bäuerin hat ihren Körper einfach als Werkzeug eingesetzt und als er fertig war, war fertig.

Dann der Gedanke an Beuys, der lacht und sagt er müsse sich verschleißen, sonst wäre er ja am Ende noch gut, das wäre doch sinnlos:

Jeder Mensch muss sich verschleißen. Wenn man noch gut ist, wenn man stirbt, ist das Verschwendung. Man muss lebendig zu Asche verbrennen, nicht erst im Tod.
— Joseph Beuys
Ricarda Kielzitat, alltag
Experience on the page
As kids we went to the page to find something, to have an experience. As adults we have it backwards. We think that we need to have an experience before we go to the page.
— Lynda Barry (via Austin Kleon)

Genau das: Früher habe ich gezeichnet, und es war ein Erlebnis. Im Zeichnen habe ich Geschichten, Orte, Wesen erfunden und gelebt, im Zeichnen war ich woanders, Zeichnen war Leben wie alles andere auch.

Wenn ich heute versuche zu zeichnen, versuche ich, etwas zu erreichen. Ich will eine Person sein, die zeichnet. Und scheitere, denn so und zur Zeit bin ich keine Person, die zeichnet.

Was vermutlich daran liegt, dass ich im Zeichnen selbst kein Erlebnis mehr habe.

Was ich so sehr vermisse.

Da will ich wieder hinkommen. Durch den Schmerz hindurch, durch die Scham, durch die krüppeligen Collagen, durch die hässlichen Striche. Oder an ihnen vorbei, in einem anderen Boot.

Auch hier – on the page – beim Zeichnen und Schreiben und Collagieren, geht es wieder um Intuition und das Auswählen und Nutzen der Werkzeuge dafür.

Und auch hier um die Erfahrung, um so etwas wie Präsenz und Ziellosigkeit und Unoptimierbarkeit: nicht zeichnen, um so oder so zu sein, sondern zeichnen, weil es Spaß macht.

    Ricarda Kielzitat, alltag
    Nichts in mir ist kaputt.

    Ich will ruhen, schnitzen, nichts tun, spazieren gehen, einfach nur um des Ruhens, des Holzes, des Nichtstuns, des Spaziergangs willen. Und nicht, um danach besser zu arbeiten, besser zu denken, mehr zu sein.

    (Ist das heute überhaupt noch möglich? Noch denkbar?)

    Ihr Optimierer, App-Entwickler, Self-help-Autorinnen, ihr versucht, mich von innen her zu kapitalisieren, aber ich mache nicht mit. Mein Innenraum ist meiner, und hier ist kein Platz für diese verzerrten Wertungen, hier ist schon genug los.

    Nichts in mir ist kaputt, nichts muss repariert werden.

    Fangen wir wieder dort an, bei der Dankbarkeit: Ich bin dankbar für den ersten Morgen im Jahr, an dem ich mit offenem Fenster Yoga machen kann, für diese süße Mango in meinem Mandelmüsli, für Rosen, die gedeihen, für eine durchgeschlafene Nacht mit Träumen von einem wildbemaltem Overall und Artischoken-Marmelade in Schokoladentafelform, I was always on the go, für Umarmungen und Anrufe.

    Und fangen wir wieder bei den Zweifeln an: Dienen die Dankbarkeitsübungen, verankernden Meditationen, Atemübungen – dienen die nicht hauptsächlich dazu, mich still und stumm zu stellen? Voller Ruhe und innerer Stille, damit ich aushalten kann, was kommt? Wouldn't it be so much more important for me to cultivate a practice of loudness?

    Hier ist kein guter Ort für Paranoia.

    Ich muss mir das gestalten, was mir dient, und selber die Verantwortung darüber behalten, wie laut und leise, wie still und stark ich sein und werden will.

    „Die wollen, dass wir …“ ist eine wichtige Aussage.

    „Aber ich werde nicht.“ ist doch die wichtigere Aussage, für die muss die erste nicht mal wahr sein.

    Wenn ich mich auf die zweite Aussage konzentriere, nur das kontrolliere, was ich kontrollieren kann, lasse ich dann aber „die“ aus der ersten Aussage aus ihrer Verantwortung?

    Wo ziehe ich diese Grenze, wann will ich jemanden stellen, wo habe ich die feste Überzeugung, dass jemand (eine Person, ein Staat, ein System) eine Verantwortung hat und sie tragen muss? Wann bin ich mal wirklich fucking wütend? Wann ist das dienlich und wann ist es nur Rausch und Verschwendung der eigentlichen Energien. What fuels me?

      Was sich zeigen will

      Ich war lange nicht hier.

      Ich war auf anderen Baustellen – ich habe wepsert ein neues Zuhause gebaut, die Patchwork-Plattform erstellt und befüllt, diegutewebsite.de komplett überarbeitet.

      Ich war unterwegs, zwischen München und Leipzig und hundert Orten dazwischen und auf zwei Inseln, für die Arbeit, für Erholung, für Abenteuer, mit Freunden, mit Familie, mit Fremden, in fröhlicher Mission, in trauriger Mission.

      Ich war am Ankommen, in meinem neuen riesigen Atelier mit den viel zu vielen Räumen, die ich alle einzeln erst kennenlernen und untersuchen musste, und jetzt natürlich nicht mehr missen mag.

      Und ich hatte den Rhythmus verloren, den Rhythmus, in dem ich einfach so etwas von mir zeige, ohne Programm und Plan und Plattform. Eine Weile ging das ganz gut auf Instagram, aber ich habe mich dort zu sehr ablenken lassen, also hab ich's erstmal für mich gesperrt.

      Aber irgendwas will doch raus, will sich zeigen, will veröffentlichen ohne Grund und Ziel.

      Deshalb habe ich mir meine Seite jetzt zu meiner eigenen Social Media Plattform umgebaut.

      So wie ich sie mir erträume, mit der richtigen Mischung für mich aus Bild und Text, Ernst und Quatsch, oben und unten. Als ein Ort, an dem ich eine Auswahl aus meinem täglichen Gedanken- und Bilderfluss platzieren kann, um sie in diesem Prozess gleichzeitig zu strukturieren und Freude daran zu haben.

      Ich verstehe auf einmal, dass ich meinen eigenen Blog nicht als mehr Arbeit sehen will, als ein weiteres hustling, sondern als eine Pause. Als eine Reflektion vom Tag, von der Woche, ein Sortieren der bereits gemachten Arbeit, als ein kleines Sabbatical.

      Zwei Gedanken haben mir dabei geholfen, mir diesen digitalen Ort wieder zu erobern. Zum einen Austin Kleons Überlegungen zur laufenden Arbeit mit Notiz- und Tagebüchern:

      Almost every writer will tell you how important it is to keep a daily diary or notebook, but very few emphasize how important it is, if you want to publish, to have a system for going back through those personal notebooks and diaries and turning them into public writing.
      — Austin Kleon

      Zum anderen, wie schon so häufig, Sarah Ryhanens Weisheit, und ihre eigene ausdauernde, liebevolle, selbstverständliche Nutzung ihres Blogs. Hier ein Ausschnitt aus ihren Notizen während ihres Sabbaticals:

      This morning I woke up and realized I don’t want to be a business woman. That is the purple, the radical. Instead, I really only want to make the most beautiful flowers in the world and share them. I want to let myself go back to the place where ecstasy and aching are knit together - a creative place that fills me up so much that it overflows - then only can I really begin.

      I think as success oriented women, we so easily slide away from knowing or listening to what is really calling us, what we really want. We turn our creativity into commodity - make an armor of personal dogma and sell the shit out of it. Sacrifice our essence for the sterile image of perfection as so easily witnessed on social media these days. I’m thinking so much lately about how to earn a living doing what I love and staying close to what I really want. Excuses about money or fear of failure sort of fade when you are living at the bottom of a pond. I remind myself to stay present with what matters most. I can, after all, always wait tables.
      — Sarah Ryhanen

      Ich staune über die Sicherheit und Eindeutigkeit, mit der ich auf einmal weiß, wie es weitergeht, wie ich Lust darauf habe, wie sich aus all dem Grübeln und Zeit-geben und Mäandern jetzt doch eine Linie ergibt. Wie die eingeübte Ehrlichkeit der letzten Monate, mit Patchwork und wepsert, sich auf einmal auszahlt, wie ich gleichzeitig begreife, dass ich eine Zeitlang schon mal viel ehrlicher war, wie ich verstehe, dass das Phasen sind.

      Wie ich darauf vertraue, dass die nächste Phase beginnt, und dass ich in dieser Phase mit einer neuen und schönen Selbstverständlichkeit das erkennen und bei dem bleiben kann, was mich ausmacht.

      Die Rosen-Nüsschen, die ich im Herbst umständlich aus einer dicken Handvoll Hagebutten herausgeklaubt habe und die im Kühlschrank überwinterten, fangen dieser Tage an zu keimen. Ich pflanze sie ein und begreife dabei, dass das genau das Gleiche ist: Kleine Mulden drücken und sie füllen.

      as if you had a little daughter watching

      Drüben auf wepsert.de (unserem neuen feministischen Widerspruchsblog) habe ich einen Essay veröffentlicht über sexuelle Übergriffigkeiten im Alltag und in Arbeitssituationen, und über die Verantwortung, die wir gesammelt für solche Situationen tragen, und darüber, dass wir alle manchmal mehr fragen und weniger handeln sollten. ⟾ ↝⇛  Hier geht's zu dem Artikel.

       

      Behave as if you had a little daughter watching.

      &

      So arbeiten, dass man nicht kapitalisiert werden kann.

      Ricarda Kielalltag