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Draussen so
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(Manifestation der Zeit, die ich mir in diesen Tagen nehme. Und dessen, dass ich diese Formen nicht benennen kann. Und der Sonne, immer der Sonne.)

Ricarda Kielalltag, bild
Lisboa

Heute Flohmarkt, und die kleinen schmalen bunten Gassen hinter unserem Haus, die Vollverkachelung, steilen Anstiege, jeder Hügel von jeder Seite und der blaue Himmel darüber, dort Pornos auf Video-Kassetten für 50 Cent und kleine rote Ansteckpimmel, daneben eine Schale mit einem Hahn bemalt und alte Gläser mit verwaschenen Aufdrucken, und eine kleine Band mit zufriedenen Gesichtern, die spielte und spielte während wir am Plastiktisch aus Alu-Geschirr zu Mittag aßen in einem schattigen, vollen Bistro.

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Wir werden vermutlich nicht wieder kommen, denke ich heute. So schön das hier ist und so gut jeder Hügel und Blick: Eine Stadt, die nur touristisch funktioniert, macht keine richtige Freude. Und mich nicht neugierig. Wir stolperten in der Dämmerung über eine Feier in Alfama, es standen junge Menschen mit bemalten Gesichtern und manche mit Umhängen an einer Straßenecke unter drei hohen Bäumen voller Singvögel, die pfiffen und piepsten nach Leibeskräften, es war schon recht dunkel und nur das Neonlicht des Bistros leuchtete, und wir waren die fremdesten Fremden.

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Ich sah eine Taube im Straßenrand sterben. Wir traten in eine gekachelte Bäckerei, die Fußball zeigte und Lose verkaufte, und ich bestellte eine dieser kleinen Nata-Pasteten, und bekam einen Zimtstreuer dazu gereicht.

Ricarda Kielreise, bild
Scraps of Paper

“HI!!” I’m shouting right now from the middle of the storm; wind gusts blowing scraps of paper and compost and peanuts all around us … “HOW ARE YOU??!”

Ricarda Kielgedicht, bild
Oh Quappe

Wir sind völlig vernarrt in unsere Kaulquappen.

Sie essen und saugen und schwänzeln und legen lauter klitzekleine Kackstifte in ihrer Schüssel ab.

Wir sind neugierig auf das Leben, wir wollen ein Teil sein von, wir sind scharf auf die Hinter- oder Vorderbeinchen, was immer zuerst kommt.

Als wir begriffen hatten, wie illegal das Halten dieser Tiere ist, da hatten wir ihnen schon längst Namen gegeben. Jetzt sind wir angetrieben von Sorge und schlechtem Gewissen und einer mütterlichen Liebe, die uns überrascht: Wir wollen unbedingt, dass diese drei Kerlchen es zur Kröte schaffen. Ich will sie wachsen sehen.

Diese Zehen! Die durchsichtigen, geästelten Schwanzflossen! Die klitzekleinen Glupschaugen! Die amphibische Metamorphose — der Körpersack, in dem sich Beinchen bilden!

Nichts, wenn man es sich genauer anschaut, ist gewöhnlich.

Beuel oder Breuel

Es ist Frühling, ich erkenne Gerüche von letztem Jahr wieder, und noch viel ältere, und das Gefühl von Unterführungskühle auf verschwitzten Armen.

Ich spiele hier in Bonn deutsch, deutscher als in München, obwohl wir so nah an Frankreich sind, man ist immer nah an irgendwas und es dudelt immer ein Radio und auf dem Land schmeckt es salziger und es ist verrauchter. Einer liest, eine schreibt, zwei essen Petersilien-Cappucino, vierundzwanzig spielen Karten, alle Engel schauen zu, einer serviert und räumt und grinst, der gelbe Pullover hustet und hustet und spielt und alle nehmen alles ernst und rauchen zu viel.

Ich esse im Restaurant des Hotels weil ich dann das Gefühl habe, dazu zu gehören. Ich trinke Weißwein, den mir der Kellner versteckt schenkt. An meinem Bett stehen Erdbeeren, die nach mir gerufen haben.

Macht sich außer mir irgendwer so viele Gedanken über die Putzfrau (ist es überhaupt eine Frau?), die in meiner Abwesenheit das Appartement reinigt? Kommuniziert sie mit mir — rückt sie absichtlich die Bettdecke ein Stückchen mehr nach links, hat sie heute bewusst das Zipfelfalten des Klopapiers vergessen, versucht sie mich zu geschlossenen Fenstern zu erziehen?

In der Stadt habe ich den Respekt vor der Nacht verloren, da sause ich auf dem Fahrrad durch beleuchtete Straßen und es ist immer noch jemand anderes da. Hier nicht. Hier laufe ich an sehr dunklen Stellen den Rhein entlang, Finger fest um den gabelschwanzigen Verlagsschlüssel, wachsam, mit angestrengten Augen, die in der Dunkelheit immer weniger erkennen, um mich herum wieder kein Mensch.

Nur eine schemenhafte Gestalt unter der Brücke, die aufrecht in einem Schlafsack sitzt und bestimmt noch mehr Angst hat als ich, oder die Angst schon lange integriert hat.

Tagsüber beobachte ich Vögel und versuche Hasen zu fotografieren. Großartig sind die perligen kleinen Stare auf dem Rasen vor dem Studio. Die rennen wie auf Schienen hin und her und tragen jeder einen fetten Wurm im Schnabel. Heute kamen zwei klitzekleine bunte Finken dazu.

Ich schlage Räder durch die leeren Verlagsflure. Ich bewege die Hände bei den Aufnahmen täglich mehr und habe eine Marotte entwickelt, wo ich drei Mal das Handgelenk schüttele bevor ich das erste Wort sage.

All diese Hasen. Und mein Hasenherz. Das große Fenster auf den Rhein, die Nachtluft, die warm ist, die Morgende, die Abende, die Arbeitenden, die Züge. Jeden Morgen Bircher Müsli und ein Obstsalat. Ich schaue jedem Hasen in die Augen, und in die Löffelohren. Ich schau den Mann in seinem Schlafsack unter der Brücke, der immer etwas aus einer Tupperdose isst, wenn ich vorbeikomme, den schaue ich jetzt auch immer an und forme mit dem Mund dabei ein Hallo.

Am lezten Tag sehe ich: Einen kleinen Baum in kugeliger Form, wie Kinder einen Baum zeichnen würden, und oben am Stamm, ganz mittig, wo sich die Äste symmetrisch im Kreis verzweigen und eine kleine Kuhle entsteht, da nistet in einem schönen, sauberen Nest eine Taube mit gelbem Auge und gurrt und gurrt.

Ricarda Kielreise, bild
Links-vom-Bosporus

Istanbul — was ich bisher davon gesehen habe (eine Nachtfahrt quer durch und raus auf die Hügel, enge und steile Gassen voller Katzen, ein kleines Fischlokal mit begeistert mitklatschendenden und händeschüttelnden Kellnern und dicken Zitronenschnitzen, ein nächtlicher Blick auf den Bosporus mit seinen Windungen und Lichtern und trägen Schiffen) — ist sehr ähnlich dem Istanbul, von dem ich immer wieder geträumt habe. Sehr zart, sehr hügelig, sehr geheimnisvoll.

Nur lauter.

Ich stelle fest, dass ich Musik aus offenen Autotüren mag und die türkische Art und Weise zu essen, und dass mit viel Lächeln und Herzlichkeit und ein bisschen mehr Trinkgeld auch die komischsten Situationen zu meistern sind.

„Zeit unter Schreibenden“: Man spricht von den selben Dingen und meint etwas völlig anderes, jedes Auge hat sein eigenes Sandkorn.

Mir scheint trotzdem die Frage seltsam, ob man schon was geschrieben habe, weil irgendetwas schreibt man doch immer, und ist ein Gedicht mehr wert als ein Tagebucheintrag? Vielleicht weil man es teilen kann, es hat Henkel.

Ich seh vor lauter Mitreisenden den Bosporus nicht mehr, und dann doch, und dann finde ich trotz all der anderen schöns auch die funkelnde Lichtermasse auf der anderen Seite schön, und dann sehen wir sogar noch Delfine.

Es ist alles wie früher, hier wiederholt sich alles, eine systemische Wundertüte.

Ui, draußen explodiert etwas, es bellt und beginnt zu regnen.

Die Türken, die wir bisher kennengelernt haben (= alle Oberkellner, die C heiraten wollten), haben Humor und Schalk, und sind ganz liebenswürdig.

For you: free, sagen sie immer zu ihr und sie wünscht ihnen auf Deutsch Gesundheit und schüttelt mit beiden Händen, wie die Ärztin, die sie ist, ihre Hände.

Es roch nach geräuchertem Auberginensalat und schwarzgebrannten Kastanien, jede einzeln aus ihrem Bett gepult und sorgfältig hingelegt.

Mir ist Mensch wichtiger als Gedicht.

(Zehn Tage später träume ich wieder von Istanbul: Dort sind mir die Austern versagt worden. Dabei habe ich noch gesehen, wie die Kellner für jeden, auch für mich, weiße Porzellanschalen mit flüssiger Butter ausgestrichen haben.)

Ricarda Kielreise, bild