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Montag

Wie kann ich Tabs schließen? Wie kann ich mich wieder mal auf meinen Text konzentrieren? Auf welche Gedanken kann ich verzichten? Wie kann ich mich auf die Woche vorbereiten? Wie kann ich beschreiben, wie in dem kurzen Moment vor dem Einschlafen die Blütenkelche sich an einem langen Stiel zu kleinen Schnäuzen geneigt haben, winzige runde weiße tiefe gekippte Suppenschüsselchen aus denen getrunken wird, die genau über die kleine Schnauze passen?

Ich habe eine Stunde am Risotto gerührt und es hat mir nicht geschmeckt.

Ich entdecke Jesse Ball. Jesse Ball schreibt einen gesamten Roman in sechs Tagen, weil das Schreiben für ihn eine Performance ist, die an einem Stück durchlebt und für die Leser erlebbar gemacht werden muss. Vergleichbar mit einem Klavierkonzert, das Fehler enthalten darf, aber durch das Erleben am Stück mehr Reichtum enthält, als wenn es fehlerfrei aus einzelnen Aufnahmen zusammengstückelt würde.

It’s a matter of just setting the things down and accepting that other people might not like them. You set a sentence down and it should be the least that’s possible to say about the subject.
— Jesse Ball

Daran merke ich, wie sehr ich selber offensichtlich glaube, dass ein Buch lange brauchen muss, und dass auch dieser Glaube abschüttelbar ist. Vielleicht könnte das Schreiben ja Spaß machen und schnell gehen? Ich traue dem noch nicht.

Seine Freundin braucht länger für ihre Bücher und findet, dass das Ding mit der Zeit überbewertet und ein Buch kein Kuchen ist:

Ball wird hier gefragt, wie er sich auf das Schreiben seines Buches vorbereitet, und er antwortet:

The preparation is about paying attention to what you love and to be able to see as clearly as possible. It’s a matter of your whole life’s regime […].
— Jesse Ball

Ich habe eine Stunde am Risotto gerührt und es hat mir nicht geschmeckt.

Ich habe die Aquarellfarben ausgepackt und blasse Bilder gemacht.

Where's the point if I'm not having any fun?

Die Freude kommt mit der Aufmerksamkeit, mit was auch sonst, und die kommt mit der Wachheit. Ich verabschiede mich (zum wiederholten Mal) von der ebenfalls immer noch in mir verkrallten Vorstellung, dass Kunst nur das sein kann, was nichts mit unmittelbaren Bedürfnissen, mit Körper und Alltag und dem eigentlichen Leben zu tun hat.

kohlblattfarben.jpg

Ich will diese falschen Wertungen des Angewandten nicht mehr, ich will diese Stimmen nicht in mir, ich will vom Essen schreiben, ich will so viel Geld machen und so viele hübsche Fotos und dumme Sprüchlein, wie ich eben will und ganze Schmucklabels und große rohe Mengen an Texten, ich will Tiere und Babies mögen, ich will lila flatternde Kohlblätter zusammenbinden oder auch nicht, es spielt keine Rolle und natürlich spielt nur das eigentlich eine Rolle: Wie fühlen wir dabei mehr?

Was würde ich sagen, wenn ich weniger sagen wollen würde?

Ricarda Kielzitat, essay of a sort
Hohe Hüte, kleine Knöpfe. Ein Pilztagebuch.

Ledrig, wie lackiert, wie schon gekocht, wie leuchtend im dunkeln, matt, stumpf, zerbrochen, zerfleddert, geschuppt, glitzernd vom Schneckenschleim, genoppt, beperlt, sandig, auf dürren Stängeln, auf dicken runden Hälsen, kugelig wie Astronauten, verschrumpelt, zusammengezogen wie Haselnuss-Umhüllungen, mit gelben leuchträndern, mit nassen schwarzen Triefrändern, hohe Hüte, kleine Knöpfe, gesprenkelt, gepunktet, in matten braunen Massen, einzelne stolze Skulpturen, leuchtrot, lackrot, lachsrosa, zartrosa, hellweiß, beige, gelbocker, lederbraun, grünlich leuchtend, violett mit zarten Streifen.

Nature is full of things that we can all agree on and I trust the power of that more than anything these days.
— Sarah Ryhanen

Wie er sich im Bad einen winzigen Waschlappen nimmt, um sein Gesicht damit abzutrocknen. Wie sie mit den weißen Haare in der Gaststube mit dem Strohhalm in ihrem Glas stocherte, eine Frucht herausfischte, so aussah, als kenne sie weder das Getränk noch das Prozedere. Wie der Koch von seinen Waldpilzen schwärmte, wie g’molt hätten die dagelegen. Die Katze, die uns auf der Straße um die Beine schleicht, Socks, sage ich, Sockety Sock, sagt er.

Auf dem öden Rasenstück vor dem Wohnblock gegenüber vom Friedhof wachsen dicke weiße Champignons, von Hundeschnauzen zerschnüffelt.

Laurie Anderson sagt:

The world may end. You’re right. But that’s not a reason to be scared. None of us know what will happen. Don’t spend time worrying about it. Make the most beautiful thing you can. Try to do that every day. That’s it.
Wut als Werkzeug

Ich bemerke an mir, und das lässt mich aufhorchen, dass die heiße Wut insgesamt weitestgehend aus meinem Gefühlsarsenal geschwunden ist. Sie ist nicht mehr so griffbereit wie früher, als ich türenschmetternd Klassenzimmer verließ und Berufsschullehrer anbrüllte. 

So wie damals will ich sie auch gar nicht mehr, da überkam sie mich und ich war machtlos.

Ich will mir meine Wut gerne als Werkzeug nutzbar machen.

Darüber habe ich auf Wepsert in meinem Plädoyer für die Wut als Werkzeug geschrieben.

Ricarda Kielessay of a sort
Is this trying to fix me?

How to structure my life so that it complies as little as possible with Capitalism and the Patriarchy, and includes as much Experiences, Awareness and Joy as possible:

(an ongoing list)

  1. Believe, always: There is nothing wrong with me. There is nothing that needs to be fixed.
  2. Treat others knowing that they are not broken and do not need to be fixed.
  3. Ask myself before starting anything new – yoga, meditation, intuition training, morning pages, clean eating, whatever: Is this trying to fix me? Then remember 1: There is nothing that needs to be fixed.
  4. How can I do this new thing (and try to „get better“, to grow, to change, to evolve) without putting myself into a shameful place of „not good enough“? By liking beginnings. By not counting. Take the numbers out. Try a life with less numbers. Try feeling my way through stuff.
  5. Be careful of what I choose to track. Really careful. What are the relevant stats to my life?
  6. Take responsibility for my own goals and for the tools I choose to use.
  7. Nurture myself to the place where I can take this responsibility.
  8. Choose to be in my body. It does not matter what that looks like on the outside.
Nichts in mir ist kaputt.

Ich will ruhen, schnitzen, nichts tun, spazieren gehen, einfach nur um des Ruhens, des Holzes, des Nichtstuns, des Spaziergangs willen. Und nicht, um danach besser zu arbeiten, besser zu denken, mehr zu sein.

(Ist das heute überhaupt noch möglich? Noch denkbar?)

Ihr Optimierer, App-Entwickler, Self-help-Autorinnen, ihr versucht, mich von innen her zu kapitalisieren, aber ich mache nicht mit. Mein Innenraum ist meiner, und hier ist kein Platz für diese verzerrten Wertungen, hier ist schon genug los.

Nichts in mir ist kaputt, nichts muss repariert werden.

Fangen wir wieder dort an, bei der Dankbarkeit: Ich bin dankbar für den ersten Morgen im Jahr, an dem ich mit offenem Fenster Yoga machen kann, für diese süße Mango in meinem Mandelmüsli, für Rosen, die gedeihen, für eine durchgeschlafene Nacht mit Träumen von einem wildbemaltem Overall und Artischoken-Marmelade in Schokoladentafelform, I was always on the go, für Umarmungen und Anrufe.

Und fangen wir wieder bei den Zweifeln an: Dienen die Dankbarkeitsübungen, verankernden Meditationen, Atemübungen – dienen die nicht hauptsächlich dazu, mich still und stumm zu stellen? Voller Ruhe und innerer Stille, damit ich aushalten kann, was kommt? Wouldn't it be so much more important for me to cultivate a practice of loudness?

Hier ist kein guter Ort für Paranoia.

Ich muss mir das gestalten, was mir dient, und selber die Verantwortung darüber behalten, wie laut und leise, wie still und stark ich sein und werden will.

„Die wollen, dass wir …“ ist eine wichtige Aussage.

„Aber ich werde nicht.“ ist doch die wichtigere Aussage, für die muss die erste nicht mal wahr sein.

Wenn ich mich auf die zweite Aussage konzentriere, nur das kontrolliere, was ich kontrollieren kann, lasse ich dann aber „die“ aus der ersten Aussage aus ihrer Verantwortung?

Wo ziehe ich diese Grenze, wann will ich jemanden stellen, wo habe ich die feste Überzeugung, dass jemand (eine Person, ein Staat, ein System) eine Verantwortung hat und sie tragen muss? Wann bin ich mal wirklich fucking wütend? Wann ist das dienlich und wann ist es nur Rausch und Verschwendung der eigentlichen Energien. What fuels me?

    Nudges

    Ich mache einen Online-Kurs zur Stärkung meiner Intuition. Jeden Tag erhalte ich eine Mail mit etwas aufmunterndem Text zu den „Nudges“, also den Intuitions-Stupsern, die ich erhalte oder erhalten soll, und eine kleine Übung dazu.

    Ein Teil von mir spottet jeden Morgen über diese Mails und die Übungen, die hauptsächlich Anregungen für Collagen sind. Ein anderer Teil von mir rollt die Augen und setzt sich trotzdem hin und verbringt eine Stunde damit, Bild- und Wortfetzen auszuschneiden. Ein weiterer Teil von mir atmet auf in dieser Stunde, und glaubt, auch hier natürlich etwas lernen zu können.

    Dieser Teil lernt: Alles können Stupser sein – auch all die alltäglichen Sätze und Bilder, die sich aus unbestimmten Gründen wichtig anfühlen. Die ich irgendwo lese, aufschnappe, träume. Also eigentlich alles, was ich mir ohnehin schon immer notiere.

    Der interessante Sprung passiert dann, wenn ich dieses „was ich mir eh schon immer notiere“ als Werkzeug begreife, um zu hören, was drinnen los ist und was deshalb draußen hängen bleibt. Was sich zeigen will.

    Dafür muss ich vermutlich das Gefühl loslassen, dass es Luxus und frivol und egoistisch ist, sich so viel mit diesem Innen zu beschäftigen. Ich will davon ausgehen, dass das Zuhören und Achtgeben ein normaler, gesunder und wichtiger Teil meiner Arbeit ist. Dass das einfach die andere Hälfte ist:

     
    Heart Museum aus  Durga Chew-Bose ,  Too Much and Not the Mood

    Heart Museum aus Durga Chew-Bose, Too Much and Not the Mood

     

    Taking more pride in my thoughts. Selbstbewusster mein inneres Werkeln dokumentieren.

    Das ist, wie so vieles andere auch, eine Frage von gefühlter Berechtigung.

    Kein Recht darauf und voll dabei.
    When I write something that I don’t have the right to write, that could fail, then I’m not being a professional – I’m being an artist.

    As an artist, my job is doing things that might not work.
    — Seth Godin

    Ich denke über Kunst und Selbstsicherheit nach.

    Zu sagen: Ich schreibe an einem Buch, ich mache Kunst (nicht „ein Projekt“, sondern Kunst), ich bin Künstlerin – das braucht so viel Selbstbewusstsein.

    Mal habe ich’s, mal nicht. Ich begreife erst jetzt allmählich, dass ich das in Teilen steuern kann. Dass ich mich entscheiden kann, meine Impulse ernst zu nehmen und mir bewusst die Überzeugung aufzubauen, dass ich eine Künstlerin bin. Es muss ja damit anfangen, dass ich meine Arbeit, und mich, ernst nehme.

    Ich frage mich dabei zwei-, nein, dreierlei:

    1. Wann habe ich das Recht, zu sagen, dass ich Kunst mache?

    Wieso bleibt wider besseren Wissens in mir der Wunsch, dass es eine Art von Jüngstem Kunstgericht gäbe, jemand, der aufteilt und sagt: Das hier ja, das dort nein?

    (Weil ich gerne eine Sicherheit hätte, aber zu faul bin, mir die selber zu erarbeiten?)

    2. Wann haben Andere das Recht, zu sagen, dass sie Kunst machen?

    Erstmal im Sinne von: Wann gestehe ich es ihnen zu, was akzeptiere ich selber als Kunst? Habe ich dafür sichere und klare Kriterien?

    Aber auch und vor allem im Sinne von: Wie können wir unsere Gesellschaft anders strukturieren, und zwar so, dass nicht nur weiße, gesunde Männer aus gutem Hause das mit größter Überzeugung sagen?

    Wie bauen wir uns Strukturen für die am Rand? Brauchen wir am Rand überhaupt Strukturen? Ist das nicht auch gerade das Schöne, dass wir hier auf nichts und niemanden achten müssen?

    (Ja, das ist schön. Aber nur hilfreich, solange wir es nutzen.)

    3. Und drittens: Wie wäre es mit der Überlegung, dass es vor allem dann Kunst ist, solange wir nicht das Recht dazu haben?

    Und sobald wir das Recht dazu haben, wird es Beruf und Profession und professionell, was alles wunderbar ist, aber eben keine Arbeit mehr am Rand?

    Ist es dann eher Kunst, wenn ich von einem anderen Ort aus arbeite als aus dem Recht darauf? Aus einem anderen Selbstbewusstsein als dem erarbeiteten, ererbten, eingeübten? Von der kippligen Kante und stolz darauf?

    PS. Ich schreibe an einem Buch. 

    Was sich zeigen will

    Ich war lange nicht hier.

    Ich war auf anderen Baustellen – ich habe wepsert ein neues Zuhause gebaut, die Patchwork-Plattform erstellt und befüllt, diegutewebsite.de komplett überarbeitet.

    Ich war unterwegs, zwischen München und Leipzig und hundert Orten dazwischen und auf zwei Inseln, für die Arbeit, für Erholung, für Abenteuer, mit Freunden, mit Familie, mit Fremden, in fröhlicher Mission, in trauriger Mission.

    Ich war am Ankommen, in meinem neuen riesigen Atelier mit den viel zu vielen Räumen, die ich alle einzeln erst kennenlernen und untersuchen musste, und jetzt natürlich nicht mehr missen mag.

    Und ich hatte den Rhythmus verloren, den Rhythmus, in dem ich einfach so etwas von mir zeige, ohne Programm und Plan und Plattform. Eine Weile ging das ganz gut auf Instagram, aber ich habe mich dort zu sehr ablenken lassen, also hab ich's erstmal für mich gesperrt.

    Aber irgendwas will doch raus, will sich zeigen, will veröffentlichen ohne Grund und Ziel.

    Deshalb habe ich mir meine Seite jetzt zu meiner eigenen Social Media Plattform umgebaut.

    So wie ich sie mir erträume, mit der richtigen Mischung für mich aus Bild und Text, Ernst und Quatsch, oben und unten. Als ein Ort, an dem ich eine Auswahl aus meinem täglichen Gedanken- und Bilderfluss platzieren kann, um sie in diesem Prozess gleichzeitig zu strukturieren und Freude daran zu haben.

    Ich verstehe auf einmal, dass ich meinen eigenen Blog nicht als mehr Arbeit sehen will, als ein weiteres hustling, sondern als eine Pause. Als eine Reflektion vom Tag, von der Woche, ein Sortieren der bereits gemachten Arbeit, als ein kleines Sabbatical.

    Zwei Gedanken haben mir dabei geholfen, mir diesen digitalen Ort wieder zu erobern. Zum einen Austin Kleons Überlegungen zur laufenden Arbeit mit Notiz- und Tagebüchern:

    Almost every writer will tell you how important it is to keep a daily diary or notebook, but very few emphasize how important it is, if you want to publish, to have a system for going back through those personal notebooks and diaries and turning them into public writing.
    — Austin Kleon

    Zum anderen, wie schon so häufig, Sarah Ryhanens Weisheit, und ihre eigene ausdauernde, liebevolle, selbstverständliche Nutzung ihres Blogs. Hier ein Ausschnitt aus ihren Notizen während ihres Sabbaticals:

    This morning I woke up and realized I don’t want to be a business woman. That is the purple, the radical. Instead, I really only want to make the most beautiful flowers in the world and share them. I want to let myself go back to the place where ecstasy and aching are knit together - a creative place that fills me up so much that it overflows - then only can I really begin.

    I think as success oriented women, we so easily slide away from knowing or listening to what is really calling us, what we really want. We turn our creativity into commodity - make an armor of personal dogma and sell the shit out of it. Sacrifice our essence for the sterile image of perfection as so easily witnessed on social media these days. I’m thinking so much lately about how to earn a living doing what I love and staying close to what I really want. Excuses about money or fear of failure sort of fade when you are living at the bottom of a pond. I remind myself to stay present with what matters most. I can, after all, always wait tables.
    — Sarah Ryhanen

    Ich staune über die Sicherheit und Eindeutigkeit, mit der ich auf einmal weiß, wie es weitergeht, wie ich Lust darauf habe, wie sich aus all dem Grübeln und Zeit-geben und Mäandern jetzt doch eine Linie ergibt. Wie die eingeübte Ehrlichkeit der letzten Monate, mit Patchwork und wepsert, sich auf einmal auszahlt, wie ich gleichzeitig begreife, dass ich eine Zeitlang schon mal viel ehrlicher war, wie ich verstehe, dass das Phasen sind.

    Wie ich darauf vertraue, dass die nächste Phase beginnt, und dass ich in dieser Phase mit einer neuen und schönen Selbstverständlichkeit das erkennen und bei dem bleiben kann, was mich ausmacht.

    Die Rosen-Nüsschen, die ich im Herbst umständlich aus einer dicken Handvoll Hagebutten herausgeklaubt habe und die im Kühlschrank überwinterten, fangen dieser Tage an zu keimen. Ich pflanze sie ein und begreife dabei, dass das genau das Gleiche ist: Kleine Mulden drücken und sie füllen.

    Sonnenrand

    Ich sehe am Sonnenrand des Vorhangs doch wie schnell sich die Welt dreht.

    Ich hab's nicht im Griff. Wir haben es alle nicht im Griff. Damit müssen wir leben, und das Herz öfter in die Hand nehmen und genau hinhören (Hi, Herz), und wie wild um die Freiheit in unseren Köpfen und Herzen und Seelen kämpfen, um Alternativen und Platz in uns, egal wie die Situation außen aussieht. Die Situation außen ist meist eh nicht so interessant.

    Das Frühstück

    Der Bademeister sagte zu C, sie müsse immer schlafen, wenn sie müde sei. 

    Das gilt auch für mich, denn ich höre nicht drauf, sitze müde an meinen Marmelade-Broten und versuche, meinen Tag zu begreifen. Und mich zu begreifen, was aber eine zu große Aufgabe für den Frühstückstisch ist.

    Warum bin ich so kritisch? Wieso gibt es so wenig Zeichnungen, die mich erreichen? Warum lasse ich mich von glasigen Worte nicht tragen? Ich bin ein einzelner Hering, und suche im Moment nur den einen Tonfall – ich hoffe heute, dass ich irgendwann richtig lesen und hören lerne.

    Ich beobachte die Wunde an meiner Hand, und wie die Haut sich täglich, stündlich beinah, sortiert und aufbaut und Zellchen für Zellchen versucht, den Originalzustand wieder herzustellen. Alles drumrum ist ganz rot vor Anstrengung.

    Wenn ich an das Glück denke, fällt mir bald darauf der Tod ein. Der dumme Zufall des Erstarrungsmoments. Die hohe Wahrscheinlichkeit, dass man seinen letzten Tag größtenteils am Computer verbracht haben wird.

    Morgens im Bett, kurz draußen gewesen und dann wieder als Paket unter der kalten Decke, die sich rasch aufwärmt – durch mich! Durch meine eigene Körpertemperatur, durch mein Leben.

    So, jetzt machen wir das Jahr voll. Denn das nächste beginnt zeitig.

    Mädchen

    Ich komme sowas von nicht zu kurz. Ich habe von allem im Überfluss.

    Vor allem habe ich eine Freundin, die mit mir Kakteen malt und Köfte mitbringt und mir Kakteen leiht und über die ich schreiben kann.

    Ich will über Mädchen schreiben, die sich lieben, so wie sich Mädchen lieben, inklusive aller Törtchen und dem permanenten beinahigen Auseinanderbrechen, wie diese doppelten Brötchen, die aber wiederum wenigstens von uns zwei Freundinnen auseinandergebrochen und gegessen wurden.

    Ich bin nicht „schon glücklich“.

    Ich bin in Gedanken. In Gedanken über das Land, in dem ich geboren wurde und in dem ich immer noch lebe.

    Hauptsächlich bin ich in Gedanken über die vielen lauten Menschen in diesem Land, die so unglaublich stark fühlen, dass sie zu kurz kommen.

    Dass ihnen etwas zusteht, was sie bald nicht mehr bekommen oder noch nie bekommen haben, auf jeden Fall ist irgendetwas furchtbar knapp und bitter. Und nein, dann kann man natürlich auch kein Verständnis dafür haben, dass ein Flüchtling sich Zeit nimmt, um aus den Kleiderspenden etwas herauszufischen, das ihr gefällt.

    Ich kann kaum hinsehen, wie wir es nicht schaffen, den Menschen, die zu uns flüchten, auch nur einen Moment Ruhe zu geben. Ihnen stattdessen gleich weiter Angst und Druck machen, mit Krawallen und Brandanschlägen und Steinen und nächtlichen Polizei-Einsätzen in Rauch und Blaulicht.

    Ich kann nicht mehr hören, dass man hier in Deutschland „schon glücklich“ sei, dankeschön, man brauche nicht noch zwangsweise fremde Menschen dazu. Denn es stimmt schlichtweg nicht, wir brauchen diese fremden Menschen, und zwar langfristig und auf ganz vielen Ebenen. Außerdem: wenn wir hier schon so glücklich wären, dann wären wir nicht von so einem Mangelgefühl bestimmt.

    Ja, es gibt neoliberale Tendenzen in der Flüchtlingspolitik, es gibt Linke, die bei jedem Gegenargument sofort „Nazi“ rufen, man kann Zahlen zur Zuwanderung und ihrem Bedarf so rum lesen oder auch so rum und zu allem Überfluß haben wir eine Kanzlerin, die tagelang einfach nur schweigt.

    Aber all das ist mir im Moment egal, hier ist ein Elend vor meiner Tür und ich kann jetzt nicht einfach nur auf meinen Händen sitzen.

    Die Welt als Ganzes wird nicht mit einem Schlag besser. Das sind nicht die letzten traumatisierten Menschen, die zu uns kommen. Und einige davon werden, ob wir das wollen oder nicht, bleiben. Wie wir heute mit Flüchtlingen umgehen, wie wir sie aufnehmen, annehmen, anschauen, ausbilden, wird somit unsere Zukunft prägen – wiederum ob wir das wollen oder nicht, ob wir es bewusst gestalten oder nicht.

    Ich esse meine Crêpes, ich weine über der Tagesschau, ich gehe zum Sport und es gewittert draußen und ich google Stellen in München, die ehrenamtliche Helfer suchen. Denn auch wenn die Situation vielleicht eigentlich strukturell falsch ist, darf es nicht auch noch menschlich falsch werden, nicht noch falscher, und vielleicht kann ich einen kleinen Unterschied machen.

    Wir Menschen leben so sehr von den kleinen Dingen, das ist meine einzige Hoffnung auch hier.

    P.S. So geht superschnelles Helfen vom Sofa aus: Blogger für Flüchtlinge

    Ich werde steinern.

    Wie wir uns alle gegenübersitzen und versuchen, uns etwas zu erzählen und mitzuteilen, uns zu definieren! Klar und von innen heraus erkannt zu werden.

    Es passiert so vieles gleichzeitig, und es ändert sich erstmal nichts, solange bis abrupt alles anders ist. Ich beobachte mit wachsender Deutlichkeit, in welcher Lebensphase sich jemand befindet, was für Strukturen er sich schafft und wo die hinführen. Ich fange an, in Lebenslinien zu denken. Connect-the-dots. Und ich spüre, wie viele Facetten möglich sind — auch meine ist möglich — und wie schnell man sich nebeneinander fremd fühlt.

    Ich kann diese Tatsachen und Zusammenhänge inzwischen körperlich spüren, irgendwo zwischen Knochen und Fleisch und Haut.

    Ich weiß im Kopf schon lange, dass das, was ich täglich tue, meinen Alltag prägt und mein Leben formt. Jetzt, mit zwei Jahren über dreißig, spüre ich diese Formung. An mir selber am deutlichsten: ich spüre, dass ich geformt wurde und auskristallisiert bin. Und ich spüre es an anderen, ich fühle ihre Festigung.

    Ich schreibe. Ich arbeite selbständig. Ich liebe herausfordernde Menschen. Ich mache Liegestützen. Ich habe keine Kinder. Ich lebe in einer Stadt.

    Das sind meine täglichen Prozesse und Umstände, die mich umwandeln.

    Das sind andere Prozesse als die von Freunden, von denen ich dachte, wir wären uns ähnlich.

    Die schlabbrigen Strukturen verhärten sich, Abläufe werden Rituale, Möglichkeiten verblassen und Vertrauen wächst, Muskeln wachsen und bekommen feste Plätze, Faszien werden dehnbar kräftig und haben ihre Aufgaben, alles hat seine Aufgaben. Ich werde zu einem weichen Stein. Ich werde fester und fester — geschmeidig fest, nicht starr. Das ist eine erwachsene Festigkeit, die nicht mehr kurzfristig prägbar ist.

    Die früheren Indikatoren von Ähnlichkeit (im Sinne von: Kommunizierbarkeit, einer gemeinsamen Basis, die müheloses, fließendes Austauschen möglich macht) sind mir unzuverlässig geworden. Wie jemand sich kleidet und gibt, hilft mir nicht mehr, es sagt nichts aus — Musikgeschmack, Essenskultur, Herkunft, Reiseziele, Ausbildungen: es gibt nichts Äußeres, was einen leichten, wahren Austausch garantieren könnte.

    Also ausprobieren, ob das eine Person ist, mit der ich klicke. Prüfen, ob ich ihr in die Augen schauen kann, oder ob ihre Augen meistens auf einen Bildschirm geheftet sind. Schauen, ob ich etwas in ihr spüre, was sich wie Interesse oder Neugier anfühlt, und an das ich andocken kann. Beobachten, was sie gerade umformt.

    Die äußeren Dinge sind einfacher. Die sind sichtbar und laufen eh immer mit, und über die lässt es sich wunderbar diskutieren und mit ihnen die Welt erklären. Die anderen spüre ich so tief drinnen, in seltenen Knochenwinkeln, dass sie sich gut ignorieren lassen. Nur dass ich jetzt beschlossen habe … sie nicht mehr zu ignorieren.

    […] and life which was all uproar and confusion narrows down to form and purpose, and we exchange a great dim possibility for a small hard reality.
    — Gertrude Stein, Fernhurst
    Ginger Ale aus dem Internet

    Ich mache jetzt sogar mein eigenes Ginger Ale, aber irgendwie schmeckt alles nie ganz so schick, wie es in den Rezepten online beschrieben wird. Menschen sprechen gern über Essen, beschreiben Texturen und erzählen den Kontext, woran sie welcher Geschmack erinnert, wo welche Zutat herkommt.

    Menschen sprechen gerne über ihre Erfahrungen. Meine sind dann trotzdem anders. Wir gestalten laufend Erfahrungen für andere Menschen, sind aber meist nicht sehr gut dabei.

    Der eine erfährt zur Zeit vor allem Müdigkeit, und ich die Teilung seines Spargels.

    Oh Quappe

    Wir sind völlig vernarrt in unsere Kaulquappen.

    Sie essen und saugen und schwänzeln und legen lauter klitzekleine Kackstifte in ihrer Schüssel ab.

    Wir sind neugierig auf das Leben, wir wollen ein Teil sein von, wir sind scharf auf die Hinter- oder Vorderbeinchen, was immer zuerst kommt.

    Als wir begriffen hatten, wie illegal das Halten dieser Tiere ist, da hatten wir ihnen schon längst Namen gegeben. Jetzt sind wir angetrieben von Sorge und schlechtem Gewissen und einer mütterlichen Liebe, die uns überrascht: Wir wollen unbedingt, dass diese drei Kerlchen es zur Kröte schaffen. Ich will sie wachsen sehen.

    Diese Zehen! Die durchsichtigen, geästelten Schwanzflossen! Die klitzekleinen Glupschaugen! Die amphibische Metamorphose — der Körpersack, in dem sich Beinchen bilden!

    Nichts, wenn man es sich genauer anschaut, ist gewöhnlich.