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Lisboa

Heute Flohmarkt, und die kleinen schmalen bunten Gassen hinter unserem Haus, die Vollverkachelung, steilen Anstiege, jeder Hügel von jeder Seite und der blaue Himmel darüber, dort Pornos auf Video-Kassetten für 50 Cent und kleine rote Ansteckpimmel, daneben eine Schale mit einem Hahn bemalt und alte Gläser mit verwaschenen Aufdrucken, und eine kleine Band mit zufriedenen Gesichtern, die spielte und spielte während wir am Plastiktisch aus Alu-Geschirr zu Mittag aßen in einem schattigen, vollen Bistro.

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Wir werden vermutlich nicht wieder kommen, denke ich heute. So schön das hier ist und so gut jeder Hügel und Blick: Eine Stadt, die nur touristisch funktioniert, macht keine richtige Freude. Und mich nicht neugierig. Wir stolperten in der Dämmerung über eine Feier in Alfama, es standen junge Menschen mit bemalten Gesichtern und manche mit Umhängen an einer Straßenecke unter drei hohen Bäumen voller Singvögel, die pfiffen und piepsten nach Leibeskräften, es war schon recht dunkel und nur das Neonlicht des Bistros leuchtete, und wir waren die fremdesten Fremden.

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Ich sah eine Taube im Straßenrand sterben. Wir traten in eine gekachelte Bäckerei, die Fußball zeigte und Lose verkaufte, und ich bestellte eine dieser kleinen Nata-Pasteten, und bekam einen Zimtstreuer dazu gereicht.

Ricarda Kielreise, bild
Feierabend

Ich schaue auf die beiden Frauen, die vor dem Blumenbüdchen zum Feierabend kehren, und habe das Gefühl, ich sei schon seit Ewigkeiten hier, so lange, wie ich in Portland war, so lange, wie ich in der Glockenstraße wohne, ich habe mein gesamtes letztes Leben bei mir und suche Wörtchen darin und schaue dann raus und es ist alles immer noch wie heute morgen unten an der Kreuzung, nur dass jetzt gekehrt wird.

Ricarda Kielreise
Grund für das Tagebuchschreiben
The most urgent question for a writer may seem to be, What experiences do I have as my material, what experiences do I feel able to narrate? But that’s not right. The more pressing question is, What is the word, what is the rhythm of the sentence, what tone best suits the things I know? Without the right words, without long practice in putting them together, nothing comes out alive and true.
— E. Ferrante

von hier

Es ist die richtige Menge Fremdheit hier.

I am easing into my own time, napping, reading about writing, watching the street. Schalte die Uhren aus. Ich gehe ein zweites Mal einkaufen, mit dem Mittagsschlaf noch in mir, dieses Mal mit einer Liste, die mir Zweck und Ziel gibt, und in dem Moment fängt es an zu regnen, ein leichter warmer Regen aus teils blauem Himmel, ein Spielzeugregen. Im Supermarkt denkt eine Frau es wäre schon der zehnte Juni und glaubt, alles sei abgelaufen. Ich probiere Sitzgelegenheiten aus. Ich stelle einen Kassenzettel auf, um mich hier einzurichten. Ich hänge meine Kette an die Wand, um den Raum zu meinem zu machen.

Ricarda Kielreise, zitat
Marseille

In der Boite kleine krumme Crevetten gegessen, und Pferdeäpfel aus Sardinen, dazu Wein getrunken. Ein bisschen umhergelaufen. In ein kleines hübsches Bistrot gesetzt, Wein getrunken.

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Eine Elster besuchte den Nebentisch und durfte aus einem Wasserglas trinken, immer sitzt irgendwo ein dunkler Typ und lächelt die C an oder fixiert sie, immer laufen wilde Gewänder und irre Typen vorbei, Landstreicher mit Sack und Pack, Mütterchen mit Klumpfüßen, lange schwarze Frauen mit funkelnden Augen, kleine rollige Frauen mit Kopftüchern, kleine Männer in Sakkos mit Rolli drunter, kleine Männer, die Rotwein trinken und “Boss International” auf ihrem Pulli gestickt haben und vor ihnen liegt ein Skizzenbuch, ein junger Mann mit Buch, ein junger Mann mit Zeitung, bonjour les amis, hier sind alle und jeder hat eine Geschichte und ich will gar nicht mehr nach München zurück.

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Drei Baguettes in einem sportlichen Rucksack, eingeklemmt. Daneben zwei Pastis-Gläser auf dem Gepäckträger eines Mopeds.

Ricarda Kielreise
Dinge, die mir beim Joggen im Frühling passierten

Wie mein Gehirn automatisch versucht die Ereignisse der letzten Wochen zu gruppieren:

Wir hatten für die halbe Strecke einen Hund, der lief ganz nah an uns am Ufer entlang. Auf der Rückstrecke platzte einem Auto Reifen und Achse, der Fahrer schleifte das abgeknickte Reifenbeinchen noch viele Meter mit, die Tee-Verkäufer an ihrem Stand riefen ihm Dinge zu, boten uns im gleichen Atemzug einen Chai an, den wir ablehnten, woraufhin sie uns good girls nannten.

Am nächsten Morgen lag in der frühen Sonne ein Geldbeutel mit ausgebreiteten Geldscheinen und Karten, drumherum Absperrband.

Einige Tage später war ich in der Abenddämmerung in einem Waldstück weit hinter der Sportschule von Hennef joggen und habe mich dabei intensivst verlaufen. So dass es plötzlich sehr dunkel war und ich von einer Frau mit Hund gerettet und zurückgefahren werden musste, sie hat mich einfach in ihren Wagen gesetzt und von ihren Kühen erzählt und dass sie die Wege hier auch ohne Licht kennt.

(Die Taxifahrerin am nächsten Morgen kannte meine Retterin — deren Kühe stünden auf der Wiese neben ihrem Haus und der Bauer käme gelegentlich zum Kuscheln und es wären die saubersten Kühe, die sie kennt. Außerdem war sie gelernte Pferdewirtin wie ich Goldschmiedin: mit Sehnsucht, und erzählte mir detailliert ihren Ausbildungsalltag.)

Kurz darauf lief ich eine viel zu lange Strecke am Rhein recht früh morgens, und es lief mir quer über den Weg ein knallroter, sehr großer Fuchs.

Ricarda Kielreise
Momente, in denen ich aus vollem Hals erfundene Country-Lieder singe, die immer von Heimat oder Liebe handeln

Ich kochte mir Appartement-Nudeln, ohne Pfeffer, ohne Zitrone, nur Gemüse und Butter und Kremfresch, dabei sang ich laut und tief aus dem Bauch heraus erfundene und sentimentale Country-Lieder, während draußen ein goldener Sturzregen niederging und aufgeregt Stühle herumgetragen wurden. Es blieben leuchtende Tropfen und Flächen auf Fenstern und Flachdächern.

Dann las ich, mit dem Sessel ganz nah an das große Fenster gerückt, Diderots Nonne aus dem Bücherschrank. Als es zu dunkel wurde, las ich im kühlen Bett weiter. Duschte dann heiß und schlief ein, ohne ein weiteres Wort zu schreiben oder zu denken.

Ricarda Kielreise
Beuel oder Breuel

Es ist Frühling, ich erkenne Gerüche von letztem Jahr wieder, und noch viel ältere, und das Gefühl von Unterführungskühle auf verschwitzten Armen.

Ich spiele hier in Bonn deutsch, deutscher als in München, obwohl wir so nah an Frankreich sind, man ist immer nah an irgendwas und es dudelt immer ein Radio und auf dem Land schmeckt es salziger und es ist verrauchter. Einer liest, eine schreibt, zwei essen Petersilien-Cappucino, vierundzwanzig spielen Karten, alle Engel schauen zu, einer serviert und räumt und grinst, der gelbe Pullover hustet und hustet und spielt und alle nehmen alles ernst und rauchen zu viel.

Ich esse im Restaurant des Hotels weil ich dann das Gefühl habe, dazu zu gehören. Ich trinke Weißwein, den mir der Kellner versteckt schenkt. An meinem Bett stehen Erdbeeren, die nach mir gerufen haben.

Macht sich außer mir irgendwer so viele Gedanken über die Putzfrau (ist es überhaupt eine Frau?), die in meiner Abwesenheit das Appartement reinigt? Kommuniziert sie mit mir — rückt sie absichtlich die Bettdecke ein Stückchen mehr nach links, hat sie heute bewusst das Zipfelfalten des Klopapiers vergessen, versucht sie mich zu geschlossenen Fenstern zu erziehen?

In der Stadt habe ich den Respekt vor der Nacht verloren, da sause ich auf dem Fahrrad durch beleuchtete Straßen und es ist immer noch jemand anderes da. Hier nicht. Hier laufe ich an sehr dunklen Stellen den Rhein entlang, Finger fest um den gabelschwanzigen Verlagsschlüssel, wachsam, mit angestrengten Augen, die in der Dunkelheit immer weniger erkennen, um mich herum wieder kein Mensch.

Nur eine schemenhafte Gestalt unter der Brücke, die aufrecht in einem Schlafsack sitzt und bestimmt noch mehr Angst hat als ich, oder die Angst schon lange integriert hat.

Tagsüber beobachte ich Vögel und versuche Hasen zu fotografieren. Großartig sind die perligen kleinen Stare auf dem Rasen vor dem Studio. Die rennen wie auf Schienen hin und her und tragen jeder einen fetten Wurm im Schnabel. Heute kamen zwei klitzekleine bunte Finken dazu.

Ich schlage Räder durch die leeren Verlagsflure. Ich bewege die Hände bei den Aufnahmen täglich mehr und habe eine Marotte entwickelt, wo ich drei Mal das Handgelenk schüttele bevor ich das erste Wort sage.

All diese Hasen. Und mein Hasenherz. Das große Fenster auf den Rhein, die Nachtluft, die warm ist, die Morgende, die Abende, die Arbeitenden, die Züge. Jeden Morgen Bircher Müsli und ein Obstsalat. Ich schaue jedem Hasen in die Augen, und in die Löffelohren. Ich schau den Mann in seinem Schlafsack unter der Brücke, der immer etwas aus einer Tupperdose isst, wenn ich vorbeikomme, den schaue ich jetzt auch immer an und forme mit dem Mund dabei ein Hallo.

Am lezten Tag sehe ich: Einen kleinen Baum in kugeliger Form, wie Kinder einen Baum zeichnen würden, und oben am Stamm, ganz mittig, wo sich die Äste symmetrisch im Kreis verzweigen und eine kleine Kuhle entsteht, da nistet in einem schönen, sauberen Nest eine Taube mit gelbem Auge und gurrt und gurrt.

Ricarda Kielreise, bild
Links-vom-Bosporus

Istanbul — was ich bisher davon gesehen habe (eine Nachtfahrt quer durch und raus auf die Hügel, enge und steile Gassen voller Katzen, ein kleines Fischlokal mit begeistert mitklatschendenden und händeschüttelnden Kellnern und dicken Zitronenschnitzen, ein nächtlicher Blick auf den Bosporus mit seinen Windungen und Lichtern und trägen Schiffen) — ist sehr ähnlich dem Istanbul, von dem ich immer wieder geträumt habe. Sehr zart, sehr hügelig, sehr geheimnisvoll.

Nur lauter.

Ich stelle fest, dass ich Musik aus offenen Autotüren mag und die türkische Art und Weise zu essen, und dass mit viel Lächeln und Herzlichkeit und ein bisschen mehr Trinkgeld auch die komischsten Situationen zu meistern sind.

„Zeit unter Schreibenden“: Man spricht von den selben Dingen und meint etwas völlig anderes, jedes Auge hat sein eigenes Sandkorn.

Mir scheint trotzdem die Frage seltsam, ob man schon was geschrieben habe, weil irgendetwas schreibt man doch immer, und ist ein Gedicht mehr wert als ein Tagebucheintrag? Vielleicht weil man es teilen kann, es hat Henkel.

Ich seh vor lauter Mitreisenden den Bosporus nicht mehr, und dann doch, und dann finde ich trotz all der anderen schöns auch die funkelnde Lichtermasse auf der anderen Seite schön, und dann sehen wir sogar noch Delfine.

Es ist alles wie früher, hier wiederholt sich alles, eine systemische Wundertüte.

Ui, draußen explodiert etwas, es bellt und beginnt zu regnen.

Die Türken, die wir bisher kennengelernt haben (= alle Oberkellner, die C heiraten wollten), haben Humor und Schalk, und sind ganz liebenswürdig.

For you: free, sagen sie immer zu ihr und sie wünscht ihnen auf Deutsch Gesundheit und schüttelt mit beiden Händen, wie die Ärztin, die sie ist, ihre Hände.

Es roch nach geräuchertem Auberginensalat und schwarzgebrannten Kastanien, jede einzeln aus ihrem Bett gepult und sorgfältig hingelegt.

Mir ist Mensch wichtiger als Gedicht.

(Zehn Tage später träume ich wieder von Istanbul: Dort sind mir die Austern versagt worden. Dabei habe ich noch gesehen, wie die Kellner für jeden, auch für mich, weiße Porzellanschalen mit flüssiger Butter ausgestrichen haben.)

Ricarda Kielreise, bild
Ein Ausflug

Die Landschaft gehört uns. Weil wir uns ihr vielleicht anvertrauen werden, weil wir sie in unsere Überlegungen miteinbeziehen, weil wir sie ernst nehmen, weil wir durch sie hindurchlaufen. Jeder Grashalm und jeder Tannenzweig und jede Pfütze, jede ziehende Großwolke und jeder übriggebliebene Schneefleck gehört uns.

Wieder zuhause öffnete ich das Honiggläschen und eine Tannennadel fiel auf mein Toast.

Ricarda Kielreise, bild
Mitbringsel von Insel

Ich habe keine Kamera dabei und versuche die neuen Welten botanisch und sprachlich zu erfassen. Ich klaue hier und dort Wedel, und hier und dort Worte. Officina Dino + der Salat Ripchevkoya/Ripcovich.

Zwei Tage in einer hügeligen Stadt mit einer uralten Tram, ein liebes Bähnchen. Einmal kurz durch Slowenien gedüst, dann runter zu Joyce’s Silvester Seebad in einer unglaublichen Bucht. Mehr Worte, mehr Stille, alle meine dunklen Süßies, zum Abend ein windiger Prosecco und keiner bereut etwas. I. sieht eine Inversionswetterlage, wir glauben an Berge, alle haben Mückenstiche.

Dann mit einer richtigen Fähre über ein richtiges Stückchen Meer auf eine Insel gefahren, mit quasi-karibisch blauen Buchten.

In einer Bucht zu sitzen.

Die Inselmechanik interessiert uns. Wie wird das Leitungswasser aus dem Süßwassersee in die Orte gebracht? Wie ist die Logistik hinter den Lädchen und der Gastronomie hier aufgebaut? Was machen die drei süßen Küchenhilfen, die gegenüber wohnen, weiß gekleidet wie junge Krankenschwestern, sonst? Wer wohnt hier wo und tut was im Winter?

Wieviel kostet das Haus, das wir gestern gesehen haben, for sale / vendizije? Wie würden wir es umbauen? Mit eigenem Feigen- und Granatapfelbaum im Garten, langschwänzigen Schafen mit gebundenen Füßen davor, ein winziges Aprikosenbäumchen um die Ecke.

In diesem Ort auch die Landschaft, die mir so traumartig vorkam — die steinumgrenzten Abschnitte völlig verwildert, die Mäuerchen bröckeln und die Macchia erobert sich alles zurück und trotzdem sieht es aus wie ein Park, mit menschengemachter Wegführung und Winkeln zum Verstecken.

Und der Blick auf’s Meer, von ganz oben von der Insel. So ein weiter Horizont, dass man erkennen kann, dass die Erde wirklich keine Scheibe ist. Hier und dort flache, waldige Weitere Inseln, ansonsten nur Meer aus großer Höhe, die Wellenlinien ganz fein darin und ein größer werdender Lichtfleck darauf.

Lieben, geliebt werden, Liebe verdienen. Essen verdienen, Sex verdienen, Blüten verdienen.

Tiere

  • 6 Katzen, 3 Salamander, unzählige Wandschnecken, riesige Erhebungen in schrägem Laternenlicht
  • 1 riesige Möwe, immer zwei Hunde, vereinzelte Katzen, ein schwarz-goldener Käfer und eine sehr junge, tastende, fast durchscheinende Nacktschnecke
  • Gänsegeier (fliegend), Möwen, Schwalben, Trinkinsekten (?) wie Kolibri
  • Winston der Weberknecht, gelbgepunktete Spinne (u.a. sehr groß), Kellerasseln, Centipedi
  • Dicke weiße Falter
  • Daumennagelgroße, transparente Skorpionbabies
  • Hund mit Raccoon-Schwanz
  • Fische (Schwarmsilber, gestreift)
  • Eine Sprungfischschar beim Abschiedsessen, der italienische Papa lachte über unser Staunen und sagte: stupende.
  • 2 sehr weiße Schafe (wie Jesus über den Schultern trug)

Pop

Und ich habe Lyrics für einen Sommer-Hit geschrieben:

Ich weiß nicht wie spät es ist / Deshalb sage ich Wind-Zeit / Das ist nämlich wahr so wie diese Bora bläst / Unter meinen Sohlen und quer über den Tisch

Da muss das Hirn ran / Oder nennt man das Herz? / Ich will nicht vergessen wie diese Wolken rasen

Aber der Wind macht mich müde / Ich pflücke dir Pflanzen die dich / Nicht begeistern werden / Aber der Wind strengt mich an

Ricarda Kielreise, bild