Autobiographisches Schreiben

Ich überarbeite gerade mein neues Manuskript (Arbeitstitel: Tante Alles), in dem ich zum ersten Mal ziemlich direkt aus meinem Leben schreibe. Zum Teil in stark verdichteter, lyrischer Form, zum Teil aber auch in ausführlichen, tagebuchartigen Prosastücken. Ich erzähle darin von meinem Umgang mit dem Begriff Tante, als leibliche Tante meines verstorbenen Neffens und als Wahltante meines lebenden Patenkindes, von meinem endlosen Kreisen um die Frage, ob und wie ich selber ein Kind haben möchte, von meiner Erfahrung mit einer Fehlgeburt und von dort wieder zurück zu der Frage, wie und mit welchen Modellen ich als queere Person Familie leben will und kann.

Autobiographisches Schreiben, das für eine Öffentlichkeit gedacht ist, stellt mich vor andere Herausforderungen als fiktionales Schreiben.

Es gibt ziemlich offensichtliche Fragen dabei, zum Beispiel, wie ich angemessen die Teile meiner Geschichte erzählen kann, die eigentlich zur Geschichte anderer Menschen in meinem Leben gehören.

Oder auch: Wie erzähle ich das so, dass es auch für Menschen relevant ist, die mich nicht kennen, ohne etwas zu überdramatisieren oder in zu grelles Licht zu rücken?

Überraschender waren für mich andere Fragen: Wie gehe ich mit meiner eigenen Veränderung um, wie bilde ich also ab, dass sich alles, was ich fühle und denke, auch wieder verändern kann und oft bereits verändert hat?

Dazu gehört auch die Frage: Wie sehr bin ich bereit, meine eigenen Denkverstrickungen und meine eigene, zu dem Moment gehörende, Dummheit sichtbar zu machen? Wann unterliege ich der Versuchung, diese Stellen im Rückblick zu glätten, mir kleine Löcher in den Text zu bohren, aus denen ich mich herauswinden kann?

Und: Was von dieser Erzählung ist Selbstmythisierung, und wann ist die ein guter, stützender Rahmen für solche Texte, und wann ist das eine Decke, die die eigentliche Geschichte erstickt?

(Der Löffeltext war eine gute Übung hierfür, und die Hier-ist-etwas-Briefe sind regelmäßige kleine Übungen im Schreiben aus meinem Leben – was mir überraschend spät auffällt.)