Scham

At its core, shame is a painful and profound belief that there is something fundamentally “wrong” with us and, therefore, that we are “unworthy of love and belonging.” This sense of “wrong-ness” is different from guilt, which is an often-healthy and pro-social sense of regret over a specific behavior. Guilt can be addressed with behavioral change, and with dignity for all involved. Shame insists that we are unredeemable or fraudulent.“ – Thomas Page McBee in The Limiting Belief Behind the Worst Kind of Writer’s BlockIm Beobachten meiner eigenen Scham-Momente begreife ich: Scham entsteht oft in Relation zur Norm, und enthält die Angst, nicht mehr dazu zu gehören.

Ich spüre das, wenn die Pandemie-Maßnahmen wieder gelockert werden und ich mich zum ersten Mal seit einer Weile wieder in einer Gruppe bewege. Danach kriecht die Scham in mir hoch und klopft jede Interaktion ab: War das normal? War ich auffällig, war ich komisch? Was denken die anderen jetzt?

Ich spüre das, wenn ich etwas verlange und mich im gleichen Moment ausgestellt fühle, wenn ich merke, dass irgendwelche Kräfte mir nicht zugestehen, deutlich und entspannt mehr oder etwas anderes als die anderen zu wollen.

Ich spüre das, wenn meine Handlungen von meinem Selbstbild abweichen, von meiner inneren Norm, diese Schablone, die ich nicht selber ausgeschnitten habe.

Scham muss keinen Sinn machen: Eine Person schämt sich, weil die anderen wegen ihr Englisch sprechen. Eine andere schämt sich, weil sie glaubt, nicht so gut Englisch zu sprechen. Eine dritte Person schämt sich, weil sie englischsprachig aufgewachsen ist und Sorge hat, mit fließendem Englisch die anderen unter Druck zu setzen. Eine vierte schämt sich, nicht vorher an all das gedacht zu haben. Alle verstummen ein bisschen.

Scham sagt mir: Du gehörst nicht automatisch und bedingungslos dazu. Du gehörst nur dazu, wenn du funktionierst, wenn du das Richtige sagst und tust und denkst. Du gehörst nur dazu, wenn dein Körper nicht weiter auffällt, wenn du dem dir zugewiesenem Geschlecht entsprichst, wenn du dich in „deinen Kreisen“ bewegst und dort bleibst.

Scham ist damit ein selten sichtbares Werkzeug ungefähr jeder unterdrückenden Struktur. Scham lähmt. Scham bringt mir bei, mir selber zu mißtrauen.

In Lea Schneiders Essay Scham ist ihr Werkzeug zum Umgang mit der Scham im Schreiben die Neugier: Die Scham anschauen, sich für sie interessieren, sie auseinanderschrauben und schauen, was darin ist. Sie als Anzeiger dafür nehmen, dass etwas auf dem Tisch liegt. Dass ein Risiko da ist, dass es um etwas geht. Dass es nicht egal ist, was oder dass geschrieben wird.

Shame, after all, is a fear of disconnection. To connect despite that fear isn’t just life-affirming — it’s sublime.“ – Thomas Page McBeeThomas Page McBee beschreibt hier sein strukturiertes Auseinanderschrauben der Schreibscham, wie er meditiert, schreibt, sich selber lektoriert, mit dem Ziel, wieder in Beziehung zu treten mit sich selber, seiner Arbeit und den Menschen in seinem Umfeld.

Ich unternehme den Versuch, das auf den Rest des Lebens zu übertragen.

I am not here to ride the line of acceptability or monitor being too much or too little.“ – Anna FuscoMich für die Bewegungen interessieren, mit denen ich mich aus der Schablone schraube. Beobachten, was ich versuche und versuche, möglich zu machen. Meinen Beziehungen glauben. Der Müdigkeit glauben. Der Bewegungsfreude glauben. Mir selber in jedem Molekül glauben. Den Sätzen glauben, die mir rausrutschen und denen, die ich lange schon sagen wollte.

Eine andere Form von Scham ist die Scham für meine Vorfahren und Ahnen, all die weißen Menschen, die zwar selber zum Teil durchaus Vertriebene und Geflohene waren, die definitiv ihre Traumata trugen, die aber auf jeden Fall aktiv mit an all dem gearbeitet haben, was uns heute so hart auf die Füße fällt. Diese Scham ist eine Schuld, für die ich mich nicht entschuldigen kann.

Auch diese Scham lähmt auf eine Art, auch ihr kann ich vielleicht mit Neugier begegnen, ich bin noch dran – noch weiß ich nicht, wie damit umgehen.