Selbstmythisierung

Das Auswählen und Herauspicken von einzelnen Fäden in der eigenen Geschichte (eine handschriftliche Notiz und eine Anekdote vom Großvater, eine Zeichnung, die ich im Kindergarten machte, eine Sehnsucht, die ich als Kind hatte, ein Satz einer Lehrerin, einzelne Abschnitte im Tagebuch von damals) und das Nutzen dieser einzelnen Fäden zum Flechten eines neuen Outfits, das genau so ist, wie ich es jetzt gerade haben will.

Auch: Das Schmücken dieses Outfits.

Auch: Das Katalogisieren und Archivieren dieser Fäden.

Diese Form der Selbstmythisierung, oder Mythologisierung, ist ein mehr oder weniger bewusstes Neu-Schreiben der eigenen Geschichte.

Dafür verwenden Menschen oft Modelle von Geschichten, die sie kennen, also meistens eine Variante der klassischen sogenannten Heldenreise – eine Form von Erzählung, die sich auf eine:n Held:in konzentriert, der:die sich einer feindlichen Welt ausgesetzt sieht, den Kampf mit ihr aufnimmt und damit eine neue Welt betritt, sich durch verschiedene Prüfungen und Herausforderungen bewegt, um als neue und stärkere Person in die ursprüngliche Welt zurück zu kehren und sie verändern zu können.

It shifts your focus from playing not to lose to playing to win, and from only conserving resources to maximizing the quality of the contribution you can make.“ – Tad WaddingtonDiese Form der Erzählung scheint so verlockend, dass sich zahllose therapeutische Ansätze darauf berufen, um Einzelpersonen dabei zu unterstützen, ihr Leben in dem Rahmen einer Held:innenreise neu zu sehen und dadurch die Kraft zu entwickeln, sich aktiv mit den Widerständen in ihrem Leben auseinanderzusetzen.

Dabei ist das gesamte Konzept im Kern umstritten: Ursula K. Le Guin beschreibt in der Tragetaschentheorie der Fiktion die Nutzlosigkeit und Gefahr von Heldenerzählungen. Märchenforscher:innen kritisieren die wissenschaftlichen Grundlagen, auf denen das Modell des Hero’s Journey entwickelt wurde. They’re not really bringing back an elixir. They’re navigating our patriarchal society with unequal pay and inequalities. In the final chapter they may end up on equal footing. But when you have oppressed groups, all you can hope for is to get half as far by working twice as hard.“ – Alice Meichi LiEs ist im Kern eine Erzählung von und für weiße Cis-Männer, die privilegiert sind und in einer patriarchalen Welt handeln können, ohne dabei strukturellen Ungleichheiten ausgesetzt zu sein. Und es ist eine Erzählung, die gut in eine vom Kapitalismus geprägte Kultur passt, in der einzelne Heldentaten immer wichtiger erscheinen als gemeinschaftliches Handeln und Sorgen.

Auf welcher Puppe schneidere ich also mein neues Outfit? Wer und was beeinflusst meine Vorstellungen von dem Outfit, das ich jetzt gerade tragen will?

(Nicht kämpfen zu müssen ist auch ein Privileg.)Ist es ein Outfit für einen Kampf? Brauche ich es zur Stärkung, zur Sichtbarmachung, zur Selbstbehauptung?

Ist es ein Outfit für eine Gemeinschaft, um Beziehungen zu knüpfen?

Oder ist es ein Outfit nur für mich, und gibt es so etwas überhaupt?


siehe auch autobiographisches Schreiben und Mangel an Fantasie