Design muss nicht einfach sein.

Wie Sheila Levrant de Bretteville in ihrem Essay „Some aspects of design from the perspective of a woman designererschienen 1973 in Icographic, ab Seite 6 feststellte: Designentscheidungen können dazu verwendet werden, unterdrückende Verhaltensweisen zu bestärken und bestimmte Gruppen von Menschen zu kontrollieren.

Das passiert meist durch eine starke Vereinfachung, die die Betrachter:innen in ihrer Wahrnehmung lenkt. Diese Vereinfachung können öde Klischees und eindimensionale Rollenzuschreibungen in Werbungen sein oder subtilere und unbewusstere Mechanismen wie Schriftgrößen und Layout-Entscheidungen, die nur eine Lesart des Textes ermöglichen.

zitat-levrant-de-bretteville.jpg Schnipsel aus dem obengenannten Essay, der zu mir gelangte über Ka Erthel im Rahmen unserer Arbeit an einem gemeinsamen Quilt, hier ergänzt mit einer Frage aus dem weichen Manifest von Cortney Cassidy

Levrant de Bretteville plädiert für offenere Herangehensweisen an Gestaltung, die mehr Mitwirkung von den Betrachtenden erlauben und erfordern. Sie geht davon aus, dass mehr Komplexität in der Gestaltung mehr Ansatzpunkte zum eigenen Denken und Fühlen ermöglicht, und damit eine Lust weckt, sich selber mit dem Material zu beschäftigen und eigene Ideen daraus zu entwickeln.

„I am for richness of meaning rather than clarity of meaning; for the implicit function as well as the explicit function. I prefer “both-and” to “either-or,” black and white, and sometimes gray, to black or white.“ — Robert VenturiUnd sie geht davon aus, dass diese Beteiligung und subjektive Wirkung wertvoller ist als die so oft gehypte Klarheit.

Ein weiterer Aspekt hier ist die kolonialistische Tendenz in unserer westlichen Vorstellung von Design: Die Ursprünge unseres heutigen minimalistischen Verständnisses von Design wurden zum Beispiel im Bauhaus gelegt, und von dort als Erwartungshaltung und Maßstab in die gesamte Welt verbreitet. Die theoretischen Design-Grundlagen, die heute noch gelehrt werden, bestehen zum größten Teil aus Texten von weißen, männlichen Akademikern aus Europa und den USA.

Aber wer sagt denn, dass dieses minimalistische, „pure“, „saubere“ Design für Menschen in Indien oder China überhaupt ansprechend ist? Was gibt uns das Recht, unsere Lieblings-Art von Gestaltung „sauber“ zu nennen – und was für eine Gestaltung bezeichnen wir somit im Umkehrschluss automatisch (wenn auch vielleicht nicht so ausgesprochen) als „dreckig“?