X = Y & + - 0

Die automatischen, faulen Gleichungen sind's, die ich nicht mehr ertrage, und die mich tatsächlich einengen: Wenn du dieses tust, bist / musst / hast / verlierst du jenes.

Wenn du in Leipzig wohnst, bist du ein Hipster, wenn du in Gohlis wohnst, bist du ein Vorortlangweiler, wenn du in München wohnst, bist du reicher Schnösel. Wenn du heiratest, bist du gesettled, wenn du feiern gehst, bist du noch jung, wenn du Nasenring trägst, hast du Spaß, wenn du schreibst, müssen es Romane sein, wenn du Kunst machst, musst du ein Arsch sein, wenn du Frau bist, musst du Mutter werden, wenn du Mutter wirst, verlierst du Arbeit und Kunst.

Und das sind ja nur die groben, offensichtlichen Gleichungen und Gattungen dieser Art, die Klischees. Die noch viel gefährlicheren sind die stillen, kleinen. Lauter faule Verknüpfungen, denen wir nicht auf den Grund gehen und in denen wir uns endlos verstricken, bis wir stumm und staunend nicht mehr wissen, in wessen Leben wir eigentlich stecken.

Es bleibt aber nichts, wie es ist, und jede Sicherheit ist trügerisch. Städte verändern sich, Menschen verändern sich, Gleichungen fallen auseinander. Wir können uns mit nichts wirklich polstern. Wir sterben alle alleine, wir leben tief in uns alle alleine, davor muss niemand Angst haben. Gültig bleibt: Bis dahin so viel Liebe und Verknüpfung wie möglich erfahren und geben. So viel Hinfühlen wie möglich, so viel Wahrheit wie denk- und lebbar, und ja, meinetwegen auch im Internet.

Ricarda Kielessay of a sort
Ende Sommer
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Ich stopfe große Mengen Zwetschgen in mich, ich interessiere mich nicht und ausschließlich für Essen, überall summen Fliegen, große und kleine Fliegen, ich stopfe die Traurigkeit in die Fabrik, die Müdigkeit in den Baum, die Endlichkeit trinke ich, die Lust in die Sonne. Ich will keinen Altweibersommer, ich will Hauptsommer, ich will dieses Gefühl, dass es aus meiner Hand gleitet, dass ich nichts tun kann, dass alles größer ist als ich.

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Ricarda Kielalltag
1 handygroßer Kuchen und zwei Meter Keks

Ich träumte von einer fingerlangen Riesenhaferflocke. Von einem riesigen Drogeriemarkt, ich stellte mich sofort an eine der Kassenschlangen, ohne etwas zu kaufen zu haben. Es gab Reihen von Tiefkühltruhen und übergroße Kekse für Rinder in Form von Knochen, Zweimeterkekse.

Davor wartete ich auf die Eltern, die mich irgendwo abholen wollten, die Mutter hörte Jazz auf dem Handy, ich hatte einen handygroßen Kuchen gebacken, ein Junge kam über das Dachfenster hinein geklettert, um mir einen Schlüssel zu bringen, die Vermieterin war entsetzt usw.

Die Kunstmesse, das Stäbchen mit der kleinen Hand, mein Winkewerk, das ich vorne auf meiner Website abbilden wollte usw.

Ich fahre Zug schnell wie Google Maps, von Leipzig nach Stuttgart nach München nach Florida, draußen sind Hochhäuser und Flüsse mit gesperrten Brücken, auf denen mittelalterliche Rituale re-enacted werden und riesig hohe Bäume mit diesen kugelrunden festen trockenen Früchten.

Sind das Platanen?

Ricarda Kielalltag, traum
Tampons & Slipeinlagen

Slata Roschal hat auf Fixpoetry die Heinis zusammen mit dem großartigen Band „ich sehe die einsamkeit vor mir und sie ist leicht“ von Ianina Ilitcheva besprochen und ich habe fast geweint. Was für eine schöne Gesellschaft!

Es geht ums Essen, um Tiere, um schwitzende Bauarbeiter, immer um etwas Bekanntes, das, was da ist, sich festhalten lässt.
— Slata Roschal

Hier geht’s zu der gesamten Rezension.

(Und lustigerweise hat Fabian Widerna im Signaturen-Magazin eine weitere Doppelrezension zu den Heinis und zu Roschals Debüt „Wir verzichten auf das gelobte Land“ geschrieben.)

Ricarda Kielheinis
Das mit dem Platz in der Wohnung
Diese Gedichte nehmen sich nicht vor, über etwas hinaus zu gehen. Sie tun es einfach. Sie wollen auch nirgendwo hin, sondern sind ganz bei sich selbst. Weder grübelnd noch nach Erkenntnis suchend, sondern einfach nur erlebend. Lebendig. Und das ist ihr Trost.

Auf Fixpoetry schreibt Elke Engelhardt sehr schön über die Heinis.

Ricarda Kielheinis
Pappbecherchen Mut

„Könnten wir den zweiten Versuch ein bisschen solidarischer machen? Ein bisschen näher an den Menschen, die ein Großteil der Diskriminierungen am stärksten betrifft? Ein bisschen mutiger, diverser, schräger, streitbarer, persönlicher, verknüpfender? Sodass es keine Ratgeber-Konferenz für die eigene Konzernkarriere wird, sondern ein Forum und eine Ermutigung für alle starken Frauen* – für die mit den Stöckelschuhen genauso wie die mit den weißen Latschen? Auch wenn das dann vielleicht weniger schick glänzt, dafür aber mehr bringt?“

Aus meinem ziemlich kritischen Bericht über die femMit Konferenz in Leipzig.

Ricarda Kielgeschrieben
Draussen so
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(Manifestation der Zeit, die ich mir in diesen Tagen nehme. Und dessen, dass ich diese Formen nicht benennen kann. Und der Sonne, immer der Sonne.)

Ricarda Kielalltag, bild