Ich habe eine Stunde am Risotto gerührt und es hat mir nicht geschmeckt.

Ich entdecke Jesse Ball. Jesse Ball schreibt einen gesamten Roman in sechs Tagen, weil das Schreiben für ihn eine Performance ist, die an einem Stück durchlebt und für die Leser erlebbar gemacht werden muss. Vergleichbar mit einem Klavierkonzert, das Fehler enthalten darf, aber durch das Erleben am Stück mehr Reichtum enthält, als wenn es fehlerfrei aus einzelnen Aufnahmen zusammengstückelt würde.

It’s a matter of just setting the things down and accepting that other people might not like them. You set a sentence down and it should be the least that’s possible to say about the subject.
— Jesse Ball

Daran merke ich, wie sehr ich selber offensichtlich glaube, dass ein Buch lange brauchen muss, und dass auch dieser Glaube abschüttelbar ist. Vielleicht könnte das Schreiben ja Spaß machen und schnell gehen? Ich traue dem noch nicht.

Seine Freundin braucht länger für ihre Bücher und findet, dass das Ding mit der Zeit überbewertet und ein Buch kein Kuchen ist:

Ball wird hier gefragt, wie er sich auf das Schreiben seines Buches vorbereitet, und er antwortet:

The preparation is about paying attention to what you love and to be able to see as clearly as possible. It’s a matter of your whole life’s regime […].
— Jesse Ball

Ich habe eine Stunde am Risotto gerührt und es hat mir nicht geschmeckt.

Ich habe die Aquarellfarben ausgepackt und blasse Bilder gemacht.

Where's the point if I'm not having any fun?

Die Freude kommt mit der Aufmerksamkeit, mit was auch sonst, und die kommt mit der Wachheit. Ich verabschiede mich (zum wiederholten Mal) von der ebenfalls immer noch in mir verkrallten Vorstellung, dass Kunst nur das sein kann, was nichts mit unmittelbaren Bedürfnissen, mit Körper und Alltag und dem eigentlichen Leben zu tun hat.

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Ich will diese falschen Wertungen des Angewandten nicht mehr, ich will diese Stimmen nicht in mir, ich will vom Essen schreiben, ich will so viel Geld machen und so viele hübsche Fotos und dumme Sprüchlein, wie ich eben will und ganze Schmucklabels und große rohe Mengen an Texten, ich will Tiere und Babies mögen, ich will lila flatternde Kohlblätter zusammenbinden oder auch nicht, es spielt keine Rolle und natürlich spielt nur das eigentlich eine Rolle: Wie fühlen wir dabei mehr?

Was würde ich sagen, wenn ich weniger sagen wollen würde?

Ricarda Kielzitat, essay of a sort
i think that works let me check on smthing
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The truly free man is the one who will turn down an invitation to dinner without giving an excuse.
— Jules Renard

Oh, but to become this man as a woman is difficult.

Es ist Freitag Nachmittag, und ich habe noch zwei Stunden vor meiner Verabredung. Ich habe eine Liste von To-Dos für meine Nebenprojekte, die ich angehen könnte, und einen Stapel unbeantworteter E-Mails für meine Erwerbsarbeit, die ich beantworten könnte.

Hier kommt die Frage: Do you want to be a reliable source of literary art (or whatever writing you do), or of prompt emails?

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Ich entscheide mich dafür, mein Atelier zu putzen.

Weil ich dabei über das Verhältnis von Neben und Erwerb nachdenken kann, weil ich dabei merke, dass ich einen Körper habe, weil ich nur im Körper die Unruhe stillen kann, die mich davon abhält, es in meinem Kopf zu mögen, weil es dreckig war.

(Zitat von Renard von hier)

Ricarda Kielalltag, zitat
I Await the Devil's Coming

Ich sitze in einem neuen Stuhl mit engen Armlehnen um zu tippen muss ich meine Arme eng an meinen Körper drücken. Aber ich tippe trotzdem denn ich habe mir vorgenommen zu veröffentlichen ich habe mir vorgenommen diesen Raum zu füllen den ich als meinen abgesteckt habe der endlos ist wie heute alles endlos ist. Ich versuche ihn mit Bildern zu füllen die meine sind aber das ist schon lange ein Witz. An einem Buch zu schreiben und gleichzeitig einen Raum zu füllen und gleichzeitig viele kleine Räumchen zu füllen und gleichzeitig in tausend andere Räumchen hineinzuschauen hat mein Hirn in Knoten gelegt.

I think it’s strange that silence is often perceived now as non-action. Being silent doesn’t mean you’ll be silent forever. It just means that you’re interacting with the world in a different way, and perhaps that’s a sensible protest to a world that rewards shouting and instant reaction. I think that’s why I like books so much, because that gestation period is so long that it resists that notion of having to be available right now, right here. It doesn’t.
— Chelsea Hodson
Ricarda Kielalltag, zitat
Hohe Hüte, kleine Knöpfe. Ein Pilztagebuch.

Ledrig, wie lackiert, wie schon gekocht, wie leuchtend im dunkeln, matt, stumpf, zerbrochen, zerfleddert, geschuppt, glitzernd vom Schneckenschleim, genoppt, beperlt, sandig, auf dürren Stängeln, auf dicken runden Hälsen, kugelig wie Astronauten, verschrumpelt, zusammengezogen wie Haselnuss-Umhüllungen, mit gelben leuchträndern, mit nassen schwarzen Triefrändern, hohe Hüte, kleine Knöpfe, gesprenkelt, gepunktet, in matten braunen Massen, einzelne stolze Skulpturen, leuchtrot, lackrot, lachsrosa, zartrosa, hellweiß, beige, gelbocker, lederbraun, grünlich leuchtend, violett mit zarten Streifen.

Nature is full of things that we can all agree on and I trust the power of that more than anything these days.
— Sarah Ryhanen

Wie er sich im Bad einen winzigen Waschlappen nimmt, um sein Gesicht damit abzutrocknen. Wie sie mit den weißen Haare in der Gaststube mit dem Strohhalm in ihrem Glas stocherte, eine Frucht herausfischte, so aussah, als kenne sie weder das Getränk noch das Prozedere. Wie der Koch von seinen Waldpilzen schwärmte, wie g’molt hätten die dagelegen. Die Katze, die uns auf der Straße um die Beine schleicht, Socks, sage ich, Sockety Sock, sagt er.

Auf dem öden Rasenstück vor dem Wohnblock gegenüber vom Friedhof wachsen dicke weiße Champignons, von Hundeschnauzen zerschnüffelt.

Laurie Anderson sagt:

The world may end. You’re right. But that’s not a reason to be scared. None of us know what will happen. Don’t spend time worrying about it. Make the most beautiful thing you can. Try to do that every day. That’s it.
Jederseits in ungefähr sieben Reihen

Ich glaube, mich werden die Spaziergänge ins Atelier retten. Zu Fuß zu gehen anstatt zu radeln gibt mir und meinem Körper das Gefühl, dass ich Zeit habe, dass ich zeitreich bin, dass ich kucken darf. Ich grüße einzelne Bäume mit Shake-Hand oder High-Five. Ich bleibe an Verschenke-Kisten voller Tierbücher stehen und decke mich ein mit Sachbüchern aus den Fünfzigern mit Bildtafeln und rührenden Sätzen.

Überhaupt, diese Sachbücher aus dem letzten Jahrhundert. Mit welcher Aufmerksamkeit und Liebe darin erzählt wird, und nicht einfach nur gesachbucht. Das sind die Texte, die ich mit am liebsten lese.

Die weißen Tupfen sind jederseits in ungefähr sieben Reihen über die lebhaft braune Decke verteilt.
— Richard Gerlach

Es musste natürlich auch mehr in Worten erzählt und beschrieben werden, weil Bilder seltener und nicht farbig waren. Das macht es ein bisschen schade, dass inzwischen alles sofort mit einem Foto, oder gleich einem Video, erzählt werden kann.

Das ist eine Abkürzung wie das Radfahren vermutlich, mit eigenen Freuden und eigenem Fahrtwind, und eigenen Verlusten.

Mein Nachbar wartete gestern extra auf mich, um mit großer Ernsthaftigkeit zu fragen, wieso ich mein Fahrrad denn jetzt manchmal an der anderen Straßenlaterne anschließe, zehn Meter entfernt von der Straßenlaterne, an der ich zuerst mein Fahrrad angeschlossen hatte. Seine Frau und er würden sich das öfter fragen. Was fragen sie sich dann jetzt, wenn ich plötzlich gar nicht mehr mit dem Fahrrad komme?

Ricarda Kiel
Warum weinen? Warum nicht weinen?

Je langsamer ich gehe, umso reicher wird mein Tag. K Saß, Schrickel und Dr. Michel. Zwei Männer, die wartend in Autos sitzen, einer davon lächelt mich aufmunternd an. Eine Taube, die sehr weit oben in einer Birke sitzt, auf der wackligen Birkenspitze. Droopy, droopy, denke ich beim Anblick der hängenden Holunderbeeren. Vergessene Becher auf alten Kindergartengeländen. Eine junge Frau mit Staubsauger und Zigarette. All die Paradiese der einzelnen Häuser mit ihren raschelnden Gärten. Die zwei Stöcke und der Porzellanteller vor dem Kellereingang. Die Stillleben vom Samstag, trockene Holunderbeerbüschel und faulende Äpfel, sorgfältig gelegte Stein- und Astflüsse, ein großer hohler Stamm gespickt mit Blüten und Blättern.

Ricarda Kielalltag
Bleiben, aber nicht in der Biobubbel.

Was mir die gewalttätigen Nazi-Aufmärsche in Chemnitz und deren mediale Aufbereitung zur Zeit beibringen: Wir müssen komplexere Geschichten ertragen. Wir müssen den Hass anschauen, aufbrechen, präzisieren. Nicht nachbilden. Wir müssen genauer werden, offener werden, uns selber in die Verantwortung stellen.

Wir müssen bei uns bleiben und bei dem, was wir ändern können. Bei den Haltungen, die wir leben. Bei den Dingen und Privilegien, auf die wir verzichten, damit es anderen auch gut gehen kann. Bei dem, was wir zu der Situation beigetragen haben. Bei unserem Herz, und bei unserer Empathie.

Es hilft nicht, jetzt gesammelt „die Ostdeutschen“ zu verteufeln.

Die Nazis sind organisierte Nazis, da muss sofort mehr (und vermutlich andere) Polizei her, eine Polizei und ein Rechtsstaat, die wirklich ihre Aufgaben ernst nehmen, die AfD muss vom Verfassungsschutz beobachtet werden, Politiker müssten noch viel deutlicher demokratische Positionen verteidigen, da muss sofort und überdeutlich eine Grenze gezogen werden.

Mich interessieren die Mitläufer. Diejenigen, die hinter den Nazis laufen und dabei in die Kamera brüllen, sie seien nicht rechts. Ich glaube fest daran: Das sind die, die wir noch erreichen könnten. Deren Erleben und deren Biografien wir nicht ignorieren dürfen. Was haben die erlebt, dass sie eine solche Wut in sich haben? Wo ist da was schiefgegangen?

Und, eine noch steilere Frage: Könnte es sein, dass wir Westdeutschen daran vielleicht einen Anteil haben? Kann es sein, dass wir sie über den Tisch gezogen haben? Dass uns in den letzten 30 Jahren eine Integration misslungen ist? Wo findet diese Unterhaltung statt?

Wir müssen komplexere Geschichten ertragen.

Allein deshalb, weil wir wirklich mehr sind und es uns (insgesamt gesehen) besser geht. Das bringt auch eine Verantwortung mit sich.

Oder, wie Carolin Emcke das in dem Vorwort zu ihrem Buch „Gegen den Hass“ formuliert, und was für alle Seiten des politischen Spektrums und für alle Blickwinkel gilt (Dank für die Erinnerung daran an @nikejane):

Präzise lässt sich nicht gut hassen. Mit der Präzision käme die Zartheit, das genau Hinsehen oder Hinhören, mit der Präzision käme jene Differenzierung, die die einzelne Person mit all ihren vielfältigen, widersprüchlichen Eingenschaften und Neigungen als menschliches Wesen erkennt.
— Carolin Emcke

Oder, wie Bertrand Russell das in seinen Regeln für eine lebendige Demokratie formuliert: „Do not feel absolutely certain of anything.“

Oder, wie Kai Heddergott das hier formuliert: „Mehr Komplexität wagen. Auch wenn’s schwer fällt und mitunter weh tut, weil sicher geglaubte Positionen ergänzt oder überdacht werden müssen. Man nennt das Demokratie, Lernen, Miteinander, Fortschritt - choose yours.“

All das schreibe ich als freiwillige und hier sehr glückliche Neu-Sächsin. Seitdem ich hier lebe, wird mir erst so richtig klar, wie stark der deutsche öffentliche Diskurs immer noch westgeprägt ist, wie gut wir im Schaffen von kleinen seligen Biobubbeln sind, wie gern wir in denen drin bleiben.

Morgen fahre ich nach Chemnitz zum Demonstrieren. Obwohl ich Massenveranstaltungen grundsätzlich meide und weiterhin Angst habe, dass die Polizei die Lage nicht angemessen im Griff hat.

Aber: Auch das ist Teil meiner Arbeit, ob ich das will oder nicht.

Teil meiner Arbeit als Mensch, als Künstlerin, als Selbständige. Ich will hier leben und ich will hier frei und demokratisch und miteinander leben, also muss ich wohl was tun.

Ich muss laut und deutlich gegen die eindeutig Rechten und ihre organisierte Gewalt demonstrieren. Und ich muss denen zuhören, die auf der Kippe zu der Gewalt stehen – und dabei grundsätzlich bereit sein, auch etwas in meinem Verhalten oder meiner Wahrnehmung zu verändern, auch von ihnen zu lernen. Was viel verlangt ist im Moment, aber sonst ist es kein Dialog.

Ricarda Kiel
Wut als Werkzeug

Ich bemerke an mir, und das lässt mich aufhorchen, dass die heiße Wut insgesamt weitestgehend aus meinem Gefühlsarsenal geschwunden ist. Sie ist nicht mehr so griffbereit wie früher, als ich türenschmetternd Klassenzimmer verließ und Berufsschullehrer anbrüllte. 

So wie damals will ich sie auch gar nicht mehr, da überkam sie mich und ich war machtlos.

Ich will mir meine Wut gerne als Werkzeug nutzbar machen.

Darüber habe ich auf Wepsert in meinem Plädoyer für die Wut als Werkzeug geschrieben.

Ricarda Kielessay of a sort
Anxiety stops you from enjoying being in your head.
Do all of the things. Don’t just write a book right now. DO ALL OF THE THINGS RIGHT NOW. Enjoy them and celebrate them. Today is all you have. You don’t need a future. You don’t need a finish line. When you realize that, time slows down. You just need this day.

Believe in this day. Celebrate your funky, fucked-up brain and your off-kilter, uncertain life today, and you’re a success, period. (…)That’s all there is. It is enough.
— Heather Havrilesky

Das ist von hier und die einzige Art von Fatalismus, die ich gerade ertragen kann, und die ich dringend brauche. Mein Problem ist nicht, dass ich die Dinge nicht ernst genug nehme, sondern dass ich sie nicht genug genieße. Wie Hund: rein ins Wasser.

Da wieder hinkommen: Es in meinem Kopf mögen, und total abfeiern, was dort passiert.

Ricarda Kielzitat
Ich weiß nicht was ich sagen soll. Dann erzähl ich es allen.
who can time their needs to all those current trends
— Anna Artmann

Aus diesem Artikel, den ich lese und gleich darauf das nächste Loblied auf Anna und ihre Texte schreiben will. Sie inspiriert mich so sehr, weiter zu schreiben und mit dieser Öffentlichkeit umzugehen, einfach so und weiter so.

Und dann überrede ich sie, für Wepsert einen Artikel auf deutsch zu schreiben. Dabei ist ihr Text „Mit den Händen arbeiten“ entstanden, in den ich mich sehr verliebt habe. Ich frage mich, woran das liegt: Weil das eine Realität ist, die ich kenne, aber so selten höre? Weil Romanfiguren und lyrische Ichs sonst keine Bauerneltern haben oder handwerklich arbeiten?

Sie schreibt dabei über das Schmuckmachen und ihre Wut und wie das Handwerk verklärt wird und was weh tut und wie sie ihr Leben von anderen erklärt bekommt und vom Land und der Stadt, und ich bin ihr schon wieder so dankbar, weil irgendwie wirklich niemand über diese Themen schreibt, oder nicht so, dass es bei mir ankommt.

Da musst du schon ganz hart sein, um mit 14 zwei alte Männer und die Metallkälte aushalten zu können. Den Flexgeruch. So viel Spezi kannst du gar nicht saufen. Wenn die in der Mittagspause draußen im Hof, auf der Waschbetonbank ihre Plastikdosen aufmachen, willst du weinen.
— Anna Artmann
Ricarda Kielzitat
Keiner weiß, wie es geht.
When you make movies, it’s always disturbing how confident everyone involved is that they know how things should be done. And you have to constantly remind them, No, you don’t know how it’s done, I don’t know how it’s done, nobody knows how it’s done. You create chaos as a way of destabilizing the surroundings that could bring you to make something that would otherwise be conventional.
— Olivier Assayas

Du schaffst dir Chaos, um deine Umgebung aus dem Gleichgewicht zu bringen, die sonst dazu führen würde, dass du etwas Konventionelles machst.

Aus diesem Artikel über Claire Denis, wie auch dieser Gedanke, in einer weiteren Beschreibung ihrer Herangehensweise:

You watch ‘Chocolat,’ and it’s remarkable. This is a first movie by someone who has not one question about what her rights are as a storyteller.
— Barry Jenkins

Having no questions about what my rights are as a storyteller – das klingt so schön und furchtlos. Ich habe Fragen zu meinem Recht, Kunst zu machen, aber auch das ist in Ordnung, denn auch das ist ein destabilisierendes Element.

Die wichtigste Erinnerung: Keiner weiß, wie es geht, und das ist gut so.

Ricarda Kielzitat
Bodies

Meine Schulter schmerzt von den ersten Schnitzversuchen, von einem Tag, den ich nur in der Werkstatt verbracht habe. Bin ich wohl nicht mehr gewohnt.

Beim Duschen dann Überlegungen, wie das wieder zu richten ist.

Dann der Gedanke von einem Freund von mir: Diese ganze Unversehrtheit des Körpers ist ein bürgerliches Ideal. Ein Bauer, eine Bäuerin hat ihren Körper einfach als Werkzeug eingesetzt und als er fertig war, war fertig.

Dann der Gedanke an Beuys, der lacht und sagt er müsse sich verschleißen, sonst wäre er ja am Ende noch gut, das wäre doch sinnlos:

Jeder Mensch muss sich verschleißen. Wenn man noch gut ist, wenn man stirbt, ist das Verschwendung. Man muss lebendig zu Asche verbrennen, nicht erst im Tod.
— Joseph Beuys
Ricarda Kielzitat, alltag
Experience on the page
As kids we went to the page to find something, to have an experience. As adults we have it backwards. We think that we need to have an experience before we go to the page.
— Lynda Barry (via Austin Kleon)

Genau das: Früher habe ich gezeichnet, und es war ein Erlebnis. Im Zeichnen habe ich Geschichten, Orte, Wesen erfunden und gelebt, im Zeichnen war ich woanders, Zeichnen war Leben wie alles andere auch.

Wenn ich heute versuche zu zeichnen, versuche ich, etwas zu erreichen. Ich will eine Person sein, die zeichnet. Und scheitere, denn so und zur Zeit bin ich keine Person, die zeichnet.

Was vermutlich daran liegt, dass ich im Zeichnen selbst kein Erlebnis mehr habe.

Was ich so sehr vermisse.

Da will ich wieder hinkommen. Durch den Schmerz hindurch, durch die Scham, durch die krüppeligen Collagen, durch die hässlichen Striche. Oder an ihnen vorbei, in einem anderen Boot.

Auch hier – on the page – beim Zeichnen und Schreiben und Collagieren, geht es wieder um Intuition und das Auswählen und Nutzen der Werkzeuge dafür.

Und auch hier um die Erfahrung, um so etwas wie Präsenz und Ziellosigkeit und Unoptimierbarkeit: nicht zeichnen, um so oder so zu sein, sondern zeichnen, weil es Spaß macht.

    Ricarda Kielzitat, alltag
    I add to it.
    I am not satisfied with the world, so I add to it. My desires are on display. What I make I love and hate.
    — Lynne Tillman
      Ricarda Kielzitat
      Is this trying to fix me?

      How to structure my life so that it complies as little as possible with Capitalism and the Patriarchy, and includes as much Experiences, Awareness and Joy as possible:

      (an ongoing list)

      1. Believe, always: There is nothing wrong with me. There is nothing that needs to be fixed.
      2. Treat others knowing that they are not broken and do not need to be fixed.
      3. Ask myself before starting anything new – yoga, meditation, intuition training, morning pages, clean eating, whatever: Is this trying to fix me? Then remember 1: There is nothing that needs to be fixed.
      4. How can I do this new thing (and try to „get better“, to grow, to change, to evolve) without putting myself into a shameful place of „not good enough“? By liking beginnings. By not counting. Take the numbers out. Try a life with less numbers. Try feeling my way through stuff.
      5. Be careful of what I choose to track. Really careful. What are the relevant stats to my life?
      6. Take responsibility for my own goals and for the tools I choose to use.
      7. Nurture myself to the place where I can take this responsibility.
      8. Choose to be in my body. It does not matter what that looks like on the outside.
      Nichts in mir ist kaputt.

      Ich will ruhen, schnitzen, nichts tun, spazieren gehen, einfach nur um des Ruhens, des Holzes, des Nichtstuns, des Spaziergangs willen. Und nicht, um danach besser zu arbeiten, besser zu denken, mehr zu sein.

      (Ist das heute überhaupt noch möglich? Noch denkbar?)

      Ihr Optimierer, App-Entwickler, Self-help-Autorinnen, ihr versucht, mich von innen her zu kapitalisieren, aber ich mache nicht mit. Mein Innenraum ist meiner, und hier ist kein Platz für diese verzerrten Wertungen, hier ist schon genug los.

      Nichts in mir ist kaputt, nichts muss repariert werden.

      Fangen wir wieder dort an, bei der Dankbarkeit: Ich bin dankbar für den ersten Morgen im Jahr, an dem ich mit offenem Fenster Yoga machen kann, für diese süße Mango in meinem Mandelmüsli, für Rosen, die gedeihen, für eine durchgeschlafene Nacht mit Träumen von einem wildbemaltem Overall und Artischoken-Marmelade in Schokoladentafelform, I was always on the go, für Umarmungen und Anrufe.

      Und fangen wir wieder bei den Zweifeln an: Dienen die Dankbarkeitsübungen, verankernden Meditationen, Atemübungen – dienen die nicht hauptsächlich dazu, mich still und stumm zu stellen? Voller Ruhe und innerer Stille, damit ich aushalten kann, was kommt? Wouldn't it be so much more important for me to cultivate a practice of loudness?

      Hier ist kein guter Ort für Paranoia.

      Ich muss mir das gestalten, was mir dient, und selber die Verantwortung darüber behalten, wie laut und leise, wie still und stark ich sein und werden will.

      „Die wollen, dass wir …“ ist eine wichtige Aussage.

      „Aber ich werde nicht.“ ist doch die wichtigere Aussage, für die muss die erste nicht mal wahr sein.

      Wenn ich mich auf die zweite Aussage konzentriere, nur das kontrolliere, was ich kontrollieren kann, lasse ich dann aber „die“ aus der ersten Aussage aus ihrer Verantwortung?

      Wo ziehe ich diese Grenze, wann will ich jemanden stellen, wo habe ich die feste Überzeugung, dass jemand (eine Person, ein Staat, ein System) eine Verantwortung hat und sie tragen muss? Wann bin ich mal wirklich fucking wütend? Wann ist das dienlich und wann ist es nur Rausch und Verschwendung der eigentlichen Energien. What fuels me?