Sichtbarkeit

Ich denke über Sichtbarkeit nach. Sichtbarkeit heißt: Etwas kann gesehen werden. Es ist nicht unsichtbar.

Wenn etwas sichtbar ist, bedeutet das nicht, dass andere Menschen es auch verstehen. Menschen können etwas sehen, ohne es zu verstehen.

Sichtbarkeit kann bedeuten: Menschen, die ähnlich aussehen oder sich ähnlich verhalten wie ich, kommen in der Öffentlichkeit vor. Menschen wie ich sind auf der Straße sichtbar.

Diese Form von Sichtbarkeit sagt nichts darüber aus, wie Menschen wie ich von anderen Menschen gesehen werden. Vielleicht werden wir auf der Straße angelächelt. Oder vielleicht werden wir ausgelacht. Oder sogar beschimpft.

Sichtbarkeit kann bedeuten: Ich schreibe täglich etwas auf. Am nächsten Tag lese ich nochmal, was ich geschrieben habe. Dann wähle ich Teile davon aus. Diese Teile kopiere ich auf eine Website, die von jeder anderen Person aufgerufen und gelesen werden kann. Dann sind manche der Worte, die gestern nur in meinem Kopf waren, heute sichtbar für alle.

Sichtbarkeit kann bedeuten: Ich arbeite in einem bestimmten Bereich. In diesem Bereich habe ich ein Angebot. Das heißt zum Beispiel: Andere Menschen können etwas von mir kaufen. Dieses Angebot schreibe ich auf eine Website. Wenn diese Website leicht von anderen gefunden werden kann, fühle ich mich sichtbar mit meinem Angebot. Dann finden andere Menschen mich leicht. Und können sich leicht entscheiden, mein Angebot zu kaufen.

all das, was zurzeit und in den letzten monaten sichtbar wird nach außen, ist in mir doch schon so lange klar, leuchtend klar, schreibe ich im KompostSichtbarkeit kann bedeuten: Ich lerne etwas über mich selber. Dann verändert sich mein eigenes Bild von mir. Ich bekomme andere Gefühle dazu, was für eine Person ich bin. Das passiert zuerst im Inneren. Später kann es passieren, dass sich diese Veränderung auch in meinem Äußeren zeigt. Vielleicht trage ich andere Kleidung als früher. Oder ich verwende andere Wörter in einem Gespräch. Dann wird die Veränderung in mir nach außen für andere Menschen sichtbar.

Andere Menschen reagieren auf die Person, die sie in mir sehen. Wenn andere Menschen außen an mir eine Person sehen, die nicht zu meinem Inneren passt, fühle ich mich vielleicht unwohl. Wenn andere Menschen außen an mir eine Person sehen, die zu meinem Inneren passt, fühle ich mich vielleicht wohler. Dann passen Außen und Innen zusammen. Dann fühlt es sich vielleicht für mich richtiger an, mit anderen Menschen zu sprechen.

Vielleicht fühlt es sich aber auch komisch an. Vielleicht zeige ich etwas von mir, was die anderen Menschen nicht kennen. Wenn Menschen etwas nicht kennen, bekommen sie manchmal Angst. Menschen, die Angst haben, verhalten sich oft komisch. Oder sogar wütend. Dann fühlt es sich vielleicht besser an, nicht so sichtbar zu sein.

Sichtbarkeit kann bedeuten: Ich will vorkommen. Sichtbar sein zu wollen kann bedeuten: Ich glaube von mir, dass ich vorkommen darf.

Sichtbarkeit kann auch mit Gesprächszeit zu tun haben. Wer sagt wie viel in einem Gespräch?

Ich denke auch über Lesbarkeit nach. Lesbarkeit heißt: Ich schreibe etwas und andere Menschen können das lesen. Sie erkennen die Buchstaben und Wörter, die ich verwendet habe.

Wenn etwas lesbar ist, bedeutet das nicht, dass andere Menschen es auch verstehen. Menschen können etwas lesen, ohne es zu verstehen.

Wenn ich lesbar bin, gebe ich Zeichen nach außen ab. Zum Beispiel über Worte. Ich kann aber auch über mein Verhalten Zeichen geben. Oder über Zeichnungen.

Menschen können diese Zeichen erkennen. Das heißt nicht, dass diese Zeichen für sie das bedeuten, was diese Zeichen für mich bedeuten. Oder dass sie mich verstehen können. Vielleicht verstehen andere Menschen zum Beispiel nicht, warum diese Zeichen für mich wichtig sind.

(Wissen Sie, gesehen werden ist nicht das gleiche wie erkannt werden.)

Lesbar zu sein erscheint mir viel intimer als sichtbar zu sein, bleibt aber eigentlich ähnlich offen.

Kann ich inzwischen auch besser nackt sein, weil man mit Tätowierungen anders nackt ist? Weil ich anders sichtbar und lesbar bleibe, auch wenn die Zeichen der Kleider ausgezogen sind?

Zu Dazzle und Drag, also der Verweigerung der Verortung seiner selbst: Wie kommt da die Komponente rein der Angst vor der Unsichtbarkeit der eigenen Queerness, „nicht trans genug“ zu sein, „zu sehr bi“ zu sein etc = nicht gesehen zu werden als das, was man eigentlich ist? Nicht erkannt zu werden?

Gibt es da einen Tarnungsaspekt? Kommen hier die Masken ins spiel, dass man sich dann gelegentlich queerer Masken bedient?

Vielleicht ist es so, dass wir Menschen auch nur in der Queerness begegnen können, zu der sie selber bereits vorgedrungen sind. Dass manches eigentlich sichtbare für manche unsichtbar bleibt. Und die Gefahr, dass wir falsch oder anders gelesen werden, nicht gesehen werden, weil jemand ungeübt im Sehen ist, bleibt eh.

Elke Erb, Ich wache aufUnd: Mein Pferd ist im Stall.
Es ist nicht der Sinn eines Pferdes, sich zu zeigen.

Hat mein Ringen mit der Sichtbarkeit auch mit einem Gefühl zu tun, diffus oder konkret beobachtet zu werden? Eigentlich steckt im Beobachten erstmal nicht zwingend eine Wertung oder eine Sortierung, aber ich deute sie sehr schnell hinein.

Freundis und Sichtbarkeit

Erkannt werden als Zugehörigkeitsmarker.

Wen lese ich auf? Wer liest mich auf?

Spuren von sich in anderen sehen wollen. Sehen wollen, dass man abfärbt. Vielleicht nicht zwingend: dass man andere verändert, aber zumindest einen kleinen Abrieb hat, eine Wirkung hat, dass man nicht unsichtbar durch ein Gegenüber hindurch greift.

Dazu gehört natürlich: Spuren von anderen aufnehmen.

Auch das kann ein Grund sein, sichtbar werden zu wollen: damit die Freundis ihre Spuren in dir sehen können.

Und wie gut das ist, sich mit Freundis auf unaufgeregte und selbstverständliche Art Raum zu geben, unsere sich verändernden Ichs zu zeigen und auszuprobieren und zu ertasten.

… und was könnte denn eigentlich mehr Freude machen als diese Verknüpfungen, diese Verflechtungen, alles Gewerkte dient doch letztlich nur diesen Beziehungen, jeder Schmuck ist ein Symbol und eine Meldung nach außen, jede Zeichnung ist Grundlage für einen Brief, jeder Text eine Möglichkeit, sich einem anderen mitzuteilen, oder sich selbst, all diese Beziehungen werden so reich durch unsere Gestalt, durch Musik, Stoffe, Farben, Wetter, Beobachtungen, geschnitzte Löffel, kleine Gaben, kleine Gesten, gemeinsame und einsame Ideen, Mensch kann doch vor allem Mensch aber das in tausend Formen …


siehe auch die Berechtigung, über sich selbst zu schreiben, Scham und die richtige Größe finden