Du gehörst dazu.

(Ich schalte dafür kurz meine misanthropischen Anteile stumm, die überhaupt kein Interesse daran haben, zu dieser Welt überhaupt dazu gehören zu wollen.) Ich stelle die Idee in den Raum: Wir gehören alle dazu zur Welt.

Du gehörst dazu. Du bist Teil von der Welt. Die Pflanzen mögen dich, manche Tiere auch. Du bist aus den Molekülen dieser Erde gebaut und löst dich irgendwann wieder in Erde auf.

Ich gehöre genauso dazu, und jede andere Person auch.

Das ist vielleicht das Radikalste, was ich in letzter Zeit denke, oder genauer: versuche, in mir zu spüren. Ich will meinen Körper spüren lassen, dass er und ich zu dieser Welt gehören, dass wir Teil davon und willkommen sind, dass wir selbstverständlich in Gemeinschaft und verbunden sind.

Bestimmten Menschen wird nach wie vor diese grundlegende Selbstverständlichkeit aktiv entzogen, sie werden bewusst und unbewusst ausgegrenzt und ausgebeutet und können sich nur in ganz kleinen Teilen ihrer Welt sicher fühlen, wenn überhaupt. Das ist natürlich das ungleich riesigere Thema, und das drängendste. Und etwas in mir glaubt daran, dass ein Teil der Lösungen dafür darin liegt, sich selber diese Selbstverständlichkeit zu geben. Dass wir es uns erlauben und ermöglichen, uns als Teil dieser Welt zu begreifen. Trotz allem, mit allem, und darüber lernend und einübend, dass alle anderen genau so dazugehören.

Dass es aufbäumend schwierig ist, diese Verbundenheit wirklich zu spüren, liegt an Jahrtausenden systematisch ausgeübter Verunsicherung von allen, die nicht weiß, cis-männlich, vermögend, körperlich und geistig kräftig etc. sind und somit daran, dass das Nicht-Dazugehören so tief in so vielen von uns verankert ist. Natürlich auch in vielen derjenigen, die in die meisten dieser Kästchen hineinpassen, denn auch sie erleben kaum Verbundenheit außerhalb ihrer privaten Beziehungen (woher sollte die auch kommen?) und sie ahnen vermutlich, wie wacklig diese Kästchen-Zugehörigkeiten eigentlich sind.

Ich kenne fast keine Person, die sich nicht als Außenseiter:in fühlt, oft alleine auf ihrem Posten, egal wie eingebunden sie von außen wirken mag. Die andere Menschen nicht oft als Bedrängnis erlebt, die nicht übergangen wird oder angefeindet, die nicht das Gefühl hat, in irgendeiner Form kämpfen zu müssen. Die sich nur zu Gast fühlt und nicht von Anfang an dabei gewesen, und das Ende bekommen wir alle nicht mit.

Ich selber definiere laufend meine Verortung in der Welt neu, jongliere mit den Kästchen in der nur halb bewussten Hoffnung auf mehr Verknüpfung, auf mehr Glaubwürdigkeit, darauf, Teil von etwas zu sein, mich berechtigt zu fühlen, die Scham endlich endgültig ablegen zu dürfen. Ich beobachte, wie wir so viel Energie aufwenden, um uns abzugrenzen, abzuheben, unsere Stimmen zu senken oder zu schreien. Wie wir versuchen, unsere Herkunft und unsere gegebenen und gewählten Identitäten zu einem sinnvollen, tragenden Stoff zu weben, wir wollen sie nutzen, um gehört zu werden, um gesehen zu werden, und ja, das kann auch mal kippeln.

Aber ich brauche keine geteilten Herkünfte oder Überzeugungen oder Empfindungen, um mich anderen Menschen verbunden zu fühlen, denn wir sind von Grund auf verbunden. Wir vergessen es nur immer wieder, und das ist kein Zufall. Wir werden bewusst vereinzelt, wir vereinzeln uns bewusst, wir leiden einzeln an der Welt, wie sie heute ist.

Die Verbundenheit, von der ich hier spreche, dieses Dazugehören, ist keine esoterische Düdelgemeinschaft und keine innere Flucht. Es ist eine Verwandtschaft. Das ist sehr praktisch und konkret, und es bedeutet für manche ein Ausruhen und Sammeln von Kräften und für die meisten Verantwortung und Verpflichtung.

In diese Gedanken vermischt sich allerlei, was ich zurzeit aufsauge, besonders aber Ideen von Kali Boehle-Silva und aus Braiding Sweetgras von Robin Wall Kimmerer.Was wäre denn, wenn wir dieses Dazugehören nicht nur intellektuell begreifen würden, sondern grundtief in unseren Körpern, in unseren Zellen spüren würden?

Woran ich mich hier versuche, ist letztlich, das Universum zu subjektivieren, also als Subjekt anzuerkennen – schauen Sie nur, wohin uns die Objektivierung, die Verdinglichung der Welt geführt hat!“ – Ursula K. Le Guin in Weithin verwandtVielleicht: Wenn ich spüre, dass ich willkommener Teil von der mehr als menschlichen Welt bin – und nicht „halt noch einer dieser blöden Menschen, die als Parasit die Erde aussaugen und ihren Untergang bringen“ – kann es mir gelingen, Hoffnung zu behalten und eine Vorstellung davon zu entwickeln, wie wir anders in Beziehung zu Pflanzen, Tieren, Gewässern, Erde, Luft treten können. Sprich, wie wir Geschenke annehmen und uns dafür bedanken können.

Vielleicht: Wenn ich spüre, dass ich willkommener Teil von einer extrem vielfältigen menschlichen Gemeinschaft bin – und nicht mit gefletschten Zähnen in meinen Schublädchen sitze und versuche zu kontrollieren, wer mit hinein darf und wer nicht – kann es mir gelingen, genauer hinzuhören, also leisere Räume zu schaffen, in denen mehr gesagt und gehört, also erzählt, werden kann. Und es kann mir gelingen, mich anders zu verbünden und nicht nur alleine kämpfen zu müssen für eine Welt, in der diese Verbundenheit wirklich selbstverständlich ist.

Vielleicht ein Selbstversuch: Wo würdest du das Dazugehören in deinem Körper spüren? Was würde sich gestärkt fühlen oder warm oder kribbelig? Was würde loslassen, nachgeben, sich lösen?