Die Tragetaschentheorie der Fiktion

Der Essay „Die Tragetaschentheorie der Fiktion“ von Ursula K. Le Guin begleitet mich etwa seit Beginn der Pandemie, und hat für mich diese gesamte seltsame Zeit (währenddessen, weiterhin) auf erstaunlich tiefe Weise geprägt und mit gestaltet.

Ein Roman ist ein Medizinbündel, das Dinge in einem besonderen, wirkmächtigen Beziehungsverhältnis zueinander und zu uns hält.“ – Ursula K. Le Guin, Die Tragetaschentheorie der Fiktion, 1986In dem Essay geht es im Kern um den Beutel, die Tragetasche, als ein Bild für die Art von Literatur, die Le Guin schreiben und lesen will. Le Guin erzählt, wie sich in einem Beuteltext alle Elemente begegnen dürfen, sich aneinander reiben und dreckig machen, sich anstecken und verändern, wie sie gleichwertig sein dürfen und kein geschlossenes Ende haben müssen. Texte, die halten und verknüpfen und nähren und durcheinander sind und dreckig und schwierig und leicht und letztendlich vor allem ein Prozess, eine Bewegung.

Als Gegensatz dazu beschreibt sie die Art von Literatur, die viel gängiger ist und die nach wie vor hauptsächlich gelehrt und gelesen wird: stechende, hauende, steile, schießende Texte mit einzelnen (meist männlichen) Helden und einem klar definierten Konflikt und einem klar definierten Höhepunkt und einem klar definierten Ende, Texte, die gewinnen und durchdringen wollen.

Le Guins Essay hat mir Ka zugesteckt, in Form eines handgroßen, zum Büchlein gefalteten Ausdrucks, während wir an der Gestaltung der PS #6 arbeiteten. Er ist immer noch täglich in meiner Tragetasche bei mir, und als ich ihn kürzlich in einem unangenehmen Moment des Wartens zum Trost wieder herausnahm und mal wieder las, wurde mir klar, dass dieser Text so ungefähr alles beeinflusst hat, was ich seit dem ersten Lesen gedacht, entwickelt und angestoßen habe.

Die Gestaltung der PS wurde stofflich und gebündelt, es wurde ein großer Quilt, in dem wir Gesammeltes zusammenfügten. Meine Sprache veränderte sich, wurde textiler und weicher, aus Bausteinen und Blöcken wurden Knotenpunkte, aus Superlativen wurden verbindungsfindende Begriffe, aus entweder-oder wurde sowohl-als-auch. Meine Brotarbeit veränderte sich, aus Einzelberatungen wurden Gruppenkurse und aus meinem Antrieb zu gewinnen wurde der Versuch zu verknüpfen. Meine Website veränderte sich, aus einem chronologisch sortierten, linearen Blog wurde dieser wilde, wuchernde Garten mit seinen Notizen und Sammelstücken.

Ich nehme alle Flaggen ab, unter denen ich nie segelte, und hisse Beutel. Mein Schreiben verändert sich, ich binde mehr Stimmen ein, ich versuche keine straffen erzählerischen Zöpfe zu flechten und einzelne Haare mit der Pinzette auszureißen (was ich eh nicht gut konnte und selten wollte), sondern ich versuche bewusst den Beutel zu schreiben. Ein Gedicht ist ein Beutel für ein Gefühl. Ein Text ist eine Tasche für all meine Stimmen, Meinungen, Hoffnungen und somit Widersprüche, eine Tasche in der die Sachen aneinanderstoßen dürfen und nichts vor nichts geschützt ist, außer den Sachen, die innerhalb des Beutels in einer noch kleineren Tasche stecken. Ich versuche, Fäden einzuweben, an denen alle ziehen können, an deren Ende sie wieder etwas Neues finden.

Ich beobachte, wie mein kleines Patenkind sich für Beutel interessiert, für Körbe, Taschen, Geldbeutel, Becher, alles, was es ausleeren, befüllen, umhängen kann. Die Wiederholung des Leerens und Füllens.

Ich bin immer überzeugter davon, dass alles gebraucht wird, was im Beutel ist: Ich will heute eine Tasche sein.