Mehr als menschliche Welt

Zärtliche Briefe

Habe ich eigentlich schon erzählt, dass ich zusammen mit Krister einen gelegentlichen Newsletter betreibe? Es ist der Newsletter mit den schönsten Themen. Zum Beispiel: Erfundene Orte.

zaertliche-briefe.png

Es sind sprachfähige Delfine dabei und eine Maus im Teenageralter und ein Klappgarten für die Hosentasche.

(Und ein Architekt namens Graf W. Wütend-et-Unsitte.)

Hier lesen, hier anmelden.


Warum weinen? Warum nicht weinen?

Je langsamer ich gehe, umso reicher wird mein Tag. K Saß, Schrickel und Dr. Michel. Zwei Männer, die wartend in Autos sitzen, einer davon lächelt mich aufmunternd an. Eine Taube, die sehr weit oben in einer Birke sitzt, auf der wackligen Birkenspitze. Droopy, droopy, denke ich beim Anblick der hängenden Holunderbeeren. Vergessene Becher auf alten Kindergartengeländen. Eine junge Frau mit Staubsauger und Zigarette. All die Paradiese der einzelnen Häuser mit ihren raschelnden Gärten. Die zwei Stöcke und der Porzellanteller vor dem Kellereingang. Die Stillleben vom Samstag, trockene Holunderbeerbüschel und faulende Äpfel, sorgfältig gelegte Stein- und Astflüsse, ein großer hohler Stamm gespickt mit Blüten und Blättern.


Hohe Hüte, kleine Knöpfe. Ein Pilztagebuch.

pilz-unscharf.jpg “Nature is full of things that we can all agree on and I trust the power of that more than anything these days.” — Sarah Rhyanen / “The world may end. You’re right. But that’s not a reason to be scared. None of us know what will happen. Don’t spend time worrying about it. Make the most beautiful thing you can. Try to do that every day. That’s it.” – Laurie Anderson (von hier via hier)

Ledrig, wie lackiert, wie schon gekocht, wie leuchtend im dunkeln, matt, stumpf, zerbrochen, zerfleddert, geschuppt, glitzernd vom Schneckenschleim, genoppt, beperlt, sandig, auf dürren Stängeln, auf dicken runden Hälsen, kugelig wie Astronauten, verschrumpelt, zusammengezogen wie Haselnuss-Umhüllungen, mit gelben leuchträndern, mit nassen schwarzen Triefrändern, hohe Hüte, kleine Knöpfe, gesprenkelt, gepunktet, in matten braunen Massen, einzelne stolze Skulpturen, leuchtrot, lackrot, lachsrosa, zartrosa, hellweiß, beige, gelbocker, lederbraun, grünlich leuchtend, violett mit zarten Streifen.

Wie er sich im Bad einen winzigen Waschlappen nimmt, um sein Gesicht damit abzutrocknen. Wie sie mit den weißen Haare in der Gaststube mit dem Strohhalm in ihrem Glas stocherte, eine Frucht herausfischte, so aussah, als kenne sie weder das Getränk noch das Prozedere. Wie der Koch von seinen Waldpilzen schwärmte, wie g’molt hätten die dagelegen. Die Katze, die uns auf der Straße um die Beine schleicht, Socks, sage ich, Sockety Sock, sagt er.

Auf dem öden Rasenstück vor dem Wohnblock gegenüber vom Friedhof wachsen dicke weiße Champignons, von Hundeschnauzen zerschnüffelt.


Jederseits in ungefähr sieben Reihen.

feldhase.jpg “Die weißen Tupfen sind jederseits in ungefähr sieben Reihen über die lebhaft braune Decke verteilt.”– Richard Gerlach

Ich glaube, mich werden die Spaziergänge ins Atelier retten. Zu Fuß zu gehen anstatt zu radeln gibt mir und meinem Körper das Gefühl, dass ich Zeit habe, dass ich zeitreich bin, dass ich kucken darf. Ich grüße einzelne Bäume mit Shake-Hand oder High-Five. Ich bleibe an Verschenke-Kisten voller Tierbücher stehen und decke mich ein mit Sachbüchern aus den Fünfzigern mit Bildtafeln von jungen Feldhasen, einen Tag alt, und rührenden Sätzen.

Überhaupt, diese Sachbücher aus dem letzten Jahrhundert. Mit welcher Aufmerksamkeit und Liebe darin erzählt wird, und nicht einfach nur gesachbucht. Das sind die Texte, die ich mit am liebsten lese.

Es musste natürlich auch mehr in Worten erzählt und beschrieben werden, weil Bilder seltener und nicht farbig waren. Das macht es ein bisschen schade, dass inzwischen alles sofort mit einem Foto, oder gleich einem Video, erzählt werden kann.

Das ist eine Abkürzung wie das Radfahren vermutlich, mit eigenen Freuden und eigenem Fahrtwind, und eigenen Verlusten.


Der Wind in uns

Ich kann den Wind in meinen Fingerspitzen nicht ungesehen machen, die Wirbel sind zu eindeutig.