Langsamer arbeiten

Ich will aus einer Ruhe heraus beginnnen. Ich will Zeit halten für Gefühle und zum tiefen Nachdenken, damit ich nicht zur binären Abkürzung oder zum Beißreflex greifen muss. Ich will Zeit halten zum Zuhören. Zeit für Rituale.

In December, I sat by the creek and asked the trees, “What am I supposed to be doing?” and I leaned back and set my hand down on this rock. (…) Having the rock on my desk has been a reminder to move slower, rest more, think of time in rock terms.“ – Kali Boehle-SilvaDie Zeit so betrachten, wie ein Stein sie betrachtet.

Mein Körper ist eine Grenze. Er ist für Verlangsamung, und er ist ein Behälter, den ich mitdenken will.

Regen ist gut für mich. Ich habe das Gefühl, dass ich tatsächlich Klarheit bekomme, wenn es regnet. Je länger ich sitzen und warten muss, desto klarer wird mein Spiel für mich. Ich sehe es einfach viel besser. Ich entspanne mich einfach. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Sinn ergibt es.“ – Venus WilliamsIch brauche Zeit für Verarbeitung und Einarbeitung, auch von komplexer oder verwirrender Information. Zeit zum Anfangen und zum Aufhören. Ich brauche Zeit für Freude über alles, was ich dazu gewinne und wofür ich aufmerksamer werde, über alles was da ist, was ich geben kann und mir nicht nehmen muss. Und Zeit für Trauer um alles, was ich verloren habe, Menschen, Chancen, Optionen. Ich brauche Zeit, um langfristig nachhaltige Beziehungen zu entwickeln und zu pflegen.

Die Dringlichkeitsmaxime ist eine der Eigenschaften von White Supremacy Kultur, also der Kultur der Überlegenheit von weißen Menschen. Diese vorherrschende Kultur ist für alle Menschen schädlich und erschwert und belastet insgesamt unser Miteinander. Tema Okun hat eine beeindruckende Übersichtsliste dieser Eigenschaften (englisch, PDF) erstellt.Ich übe, mir genug Zeit einzuplanen, und gebe zusätzlichen Puffer dazu. Ich übe, anderen genug Zeit einzuräumen. Ich lerne aus meinen bisherigen Erfahrungen, wie lange etwas wirklich braucht. Ich schaffe keine künstlichen Zeitdruck-Angebote. Ich vergebe keine Last-Minute-Aufträge. Ich lehne Sachen ab, die Dringlichkeit „erfordern“.

Wir sind nicht hinterher. Ich bin nicht hinterher. Die Arbeit, die ich mache, wird nie fertig sein.


Getting as much work done as possible in as little time as possible is a deeply held capitalist norm. Most of us (…) sprint through our lives this way, always trying to maximize our results and minimize our efforts. It’s an inherently extractive paradigm. When you’re an employee who works for a boss, the boss is the one trying to extract your labor, but when you work for yourself, you’re both the boss and the laborer, the extractor and the extracted. Let yourself slow down. Be your own good boss.“ – Bear HébertAll das wirklich zu verinnerlichen und mich nicht mehr selber auszubeuten, das erweist sich bisher als der schwierigste Teil meiner antikapitalistischen Arbeit.

Slow down, learn more, and let there be more truths than the one you’re used to.“ – Clay DrinkoTief in mir zu begreifen, wann es Sinn macht, einen Moment lang zügig zu arbeiten und einen Sprint einzulegen – und wann danach wieder gut ist. Dass mein Grundtempo langsam sein darf, oder sogar: sein soll.

Nicht nur die Aufgabe aus dem Kalender wieder entfernen, wenn sie doch nicht zu dem Tag passt, sondern gar keine Blöcke mehr in den Kalender zu legen.

(Wie lange braucht ein Buch?)