Lebenshandwerk

Ein Lebenshandwerk ist für mich die Fähigkeit, bestimmte Gegenstände des täglichen Lebens selber herstellen oder reparieren zu können.

Dazu gehören Fähigkeiten wie Schnitzen, Einmachen, Nähen, genauso wie Kenntnisse über Pflanzen und ihre (Heil-)wirkungen oder das Wissen darum, wie man ein Fahrrad repariert.

Das sind Fähigkeiten, die mich extrem glücklich machen, weil sie mir einen Bezug zu den Gegenständen und Pflanzen um mich herum geben. Weil sie, mit dem gesamten Prozess ihrer Entstehung und in einer Welt von maschinengemachten oder wegzuwerfenden Dingen, inzwischen nützliche Kunst geworden sind.

Bei diesen Lebenshandwerken war es bis vor ein paar Jahrzehnten völlig normal, dass man ein bisschen was von allem konnte, so gut es eben ging, damit man einen so nutzbar wie möglichen Löffel oder ein so gut essbar wie mögliches Brot hatte. Klar durfte das Werk schön werden und wurde es mit zunehmender Übung auch, aber das war nicht das Hauptziel.

Diese Basisfähigkeiten lernt man nicht in einer Berufsausbildung, sondern eigentlich in der Familie oder von Freund:innen oder Nachbar:innen – im Alltag. Viele dieser Fertigkeiten sind aber inzwischen bereits ausgestorben oder kurz davor, zumindest kein Allgemeingut mehr.

Diese Begriffsklärung wurde angeregt von Monas Post Kann ich auch alles nur ein bisschen können?, in dem sie beschreibt, wie gerne sie „ganz okaye Brote“ backt und es ihr reicht, nur ein paar Wildkräuter zu kennen, und wie sie durch die Selbstdarstellung mancher „Profis“ in diesen Bereichen gelegentlich darin entmutigt wird.Deshalb müssen diejenigen, die sich dafür interessieren, die Lust auf diese Lebenshandwerke haben, meistens online lernen. Deshalb sind YouTube und Instagram (zum Glück!) voll mit Anleitungen und Tipps und Anregungen für all diese Bereiche.

Deshalb ist es aber oft entmutigend, diese Handwerke zu üben – denn auch wenn wir selber einen Wert darin sehen, dieses und jenes einfach „ganz okay“ zu können, sind die Beispiele, die wir von einigen wenigen online sehen, meist die perfekten, social-media-reifen Ergebnisse, und weder die holprigen Anfänge noch die zufriedenstellenden Mittelwerke. Und es braucht viel Kraft, sich nicht daran zu messen.

Gleichzeitig brauche ich diese (online) Gemeinschaft um mein Tun, denn sonst fühle ich mich im Alltag mit meinen Alltagsgewerken ganz schön einsam. So aber können Bücher und kleine Posts und Foren und Kurse zumindest ein bisschen meine Ahnen und guten Geister sein, die mich auf diesen Schritten begleiten.

Was natürlich daran liegt, dass ich von dieser Großmutter eben auch den zu trockenen Zwetschgenkuchen kennen würde, und die krummen Nähte auf den Flicken, und somit durch mein Wissen um ihren Lebenskontext und ihre anderen Fähigkeiten besser einordnen könnte, wie eine bestimmte Fähigkeit entstanden ist; und was daran liegt, dass diese Großmutter mit dem Zeigen ihrer Löffel weder Geld noch Ansehen über ihre Gemeinschaft heraus erwirken will. Trotzdem hilft mir dieses Bild, mit weniger innerem Druck von mehr Menschen lernen zu können.Und von einer Großmutter, die mir stolz ihre schönen geschnitzten Löffel zeigt, würde ich mich ja vermutlich auch nicht entmutigen lassen.

(Eine gute Website selber erstellen zu können, halte ich inzwischen auch für ein Lebenshandwerk.)

Siehe auch: Ich will der Welt meine Komplexität zumuten. Und mich nicht auf ein Handwerk spezialisieren, für mehr Follower und Aufmerksamkeit oder um damit besser greifbar für andere zu werden.