Perfektionismus ist eine echte Gefahr

In so blöden Erzählungen über Bewerbungen taucht immer wieder der Dialog auf: „Und welche negativen Eigenschaften haben Sie?“ – „Naja, ich bin Perfektionistin, haa ha ha.“ Der Subtext ist: Klar, Perfektionismus ist zwar irgendwie negativ, aber eigentlich total hilfreich für Ihr Unternehmen, also stellen Sie mich an.

Ich finde, es ist dringend Zeit, dass wir diese Erzählung ablegen und im Detail bennenen, welche Schäden Perfektionismus wirklich anrichtet.

Perfektionismus ist eine der Eigenschaften von White Supremacy Kultur, also der Kultur der Überlegenheit von weißen Menschen. Diese vorherrschende Kultur ist für alle Menschen schädlich und erschwert und belastet insgesamt unser Miteinander. Tema Okun hat eine beeindruckende Übersichtsliste dieser Eigenschaften (englisch, PDF) erstellt. Diese Liste ist für mich aktuell eine der wichtigsten Ressourcen auf meinem Weg zum Antirassismus, zusammen mit dieser Übersicht der Stufen auf diesem Weg (englisch, PDF).Das heißt auch, aufzuzeigen, dass perfektionistisches Verhalten nicht isoliert stattfindet und nur eine einzelne Person betrifft, sondern ganze (Arbeits-)kulturen vergiftet.

Perfektionismus ist nicht Genauigkeit oder exaktes Arbeiten, auch nicht Pedanterie. Exaktes, gewissenhaftes Arbeiten an sich vergiftet nichts.

Perfektionismus ist die Gründlichkeit, mit der viele Menschen den Wert ihrer Arbeit mit ihrem eigenen Selbstwert verwechseln.

Perfektionismus verwechselt falsch machen mit falsch sein. Es ist der extreme Fokus auf Fehler, auf alles, was „noch nicht gut genug“ ist, ohne auszuprobieren, ob es nicht vielleicht doch schon gut genug ist. Es ist ein kreischender, alles andere übertönender innerer Kritiker. Es ist die Angst, dass eine dumme Kleinigkeit in der Form den gesamten Inhalt zunichte macht.

Perfektionismus ist Scham, und deshalb macht er einen so langsam und zögerlich.

Perfektionismus ist der Glaube an eine Autorität außerhalb von mir, die über mich richten kann. (Und die das nicht wohlwollend tut.)

Perfektionismus ist die Unfähigkeit, sehen, benennen und schätzen zu können, was bereits gut ist. Perfektionismus macht sich nicht die Mühe, zu reflektieren, was warum schief gelaufen ist, um es nächstes Mal anders machen zu können. Perfektionismus wird nicht konkret und konstruktiv im Feedback.

Und: Eine perfektionistische Arbeitskultur, die Fehler überbetont und kaum Aufmerksamkeit für das hat, was gut gemacht wird, ist ansteckend wie Sau.

Das Gegenteil von Perfektionismus sind Experimente.

The truth is, we know so little about life, we don’t really know what the good news is and what the bad news is.“ – Kurt VonnegutDas ist das Wissen, dass wir nicht wissen, was wirklich ein Fehler ist. Das ist die Freude daran, mit Offenheit und Vertrauen in unseren Prozess zu arbeiten.

Das Gegenteil von Perfektionismus ist Bewegung. Ist Selbstliebe und Fantasie und Realismus. Ist engagierter Minimalismus. Sind die 20%, die 80% bewirken.

Ist ein bewusstes Entscheiden: Ich übernehme selber Autorität für mich, meine Arbeit, meinen Wert. Ich vertraue in meine Inhalte, in den Kern meiner Arbeit, ich vertraue darin, dass dieser Kern ankommt.

peltier.pngIst ein tiefes Begreifen dessen, dass mein Perfektionismus es auch für die Menschen um mich herum schwerer macht, Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen.

Ist ein bewusstes Feiern all dessen, was gelingt. Und wenn das heißt, dass ich feiere, dass ich aufgestanden und mich angezogen habe: So ist es dann.

Ich glaube daran und verankere in mir: Ich kann Fehler machen und falsch liegen, das macht mich nicht falsch. Ich kann mich zeigen, und selbst wenn ich ver- oder beurteilt werde, ändert das nichts an meinem Wert.

Auch das, was hilfreich ist, ist ansteckend.