Meisterschaft

MEINE KRONE IST AUS BROT

Was hat es mit diesem Konzept der Meisterschaft auf sich? Das „vollendete“ Handwerk und die Perfektion stecken darin, ein kraftschonender, geübter, eleganter Prozess, ein bezauberndes Endprodukt usw. Eine Art von Schönheit also, und ein Staunen darüber, wozu menschliche Körper und Köpfe fähig sind. Sehr viel sofortige Achtung und Bewunderung. Und ich bewundere das genau so, ich könnte stundenlang Barn beim Löffel schnitzen zusehen oder die japanischen Keramiken in The Unknown Craftsman betrachten oder den Ebinum Brothers beim Tanzen zuschauen oder Anne Carson lesen usw.

UND. Meisterschaft hat mit täglich zu tun, mit den zehntausenden von Stunden, die es angeblich braucht, um ein Handwerk zu beherrschen, mit der Entscheidung für dieses eine Ding, diese eine Tätigkeit. (Das die sogenannte Leidenschaft?) Was mir immer schwerfällt, Entscheidungen für EINS sind nicht so meins. Also beginne ich Sachen und lerne Sachen und habe Freude an Sachen und werde ein bisschen gesehen in Sachen und mache dann andere Sachen.

Ich will einfach VIEL selber machen können (der Dinge, die ich nutze, der Dinge, die mich schmücken) – interessiert mich Meisterschaft vielleicht gar nicht? Lerne ich vielleicht einfach viele Lebenshandwerke?

Notieren, dieses kleine Schreiben.“ – Wolfram LotzVielleicht bin ich meisterhaft im Notieren.

Es steckt so viel Hierarchie in der Meisterschaft. Das besser sein als andere, das beherrschen, die Macht darin, der Meister sein, Meisterschüler:in sein. Das angekommen sein.

Vielleicht will ich nicht herrschen und ich will auch nicht ankommen.

Lehrer:in sein ist ein völlig anderer Vibe.

Meisterschaft vs Bisschenschaft

Meisterschaft als Ziel fühlt sich für mich immer weniger verlockend an, und das wiederum fühlt sich nicht an wie ein Einrichten in einer Art von Mittelmäßigkeit, sondern ein Einrichten in meiner Freude. Ich blühe auf, wenn ich viele verschiedene Dinge ausprobieren kann, wenn ich Techniken lerne und Skills und Gedanken aus den verschiedensten Ecken verknüpfe, ich bin gerne am Anfang. Beginner’s Mind. Und ich kann vertrauen auf mein Spiralisieren, ich komme ja doch zu den meisten Dingen immer wieder zurück, so wie in diesen Wochen wieder zu den Löffeln und dem Schnitzen, und ich finde es so geil, dass ich die Basics inzwischen so weit raus habe, dass ich mich jetzt hinsetzen und an einem Tag einen (krummen, komischen) Löffel machen kann, und dass der mir dann oft auch ganz gut gefällt und ich vor allem gleich wieder so viel mehr weiß über den nächsten Löffel. Und ich will einfach nur, dass das bleibt, dass ich am Schnitzen Freude habe und von Löffel zu Löffel etwas passiert; wie perfekt oder meisterhaft die am Ende sind, wie elegant mein Herstellungsprozess ist, interessiert mich für mich selber so gut wie gar nicht.

Machen die zehntausend Stunden auch Sinn, wenn es um sich überlappende Fähigkeiten geht? Also wie viele meiner (vielen) zeichnend verbrachten Stunden kann ich jetzt auf meine (extrem wenigen) tätowierend verbrachten Stunden dazu zählen? Ah, immer diese Zahlen, immer diese Ziele. Ich spüre das doch, wenn ich da bin, wo ich sein will. Es gibt doch eh immer noch mehr zu lernen und noch mehr, und solange ich grundsätzlich Freude am Prozess habe, kann ich die Durststrecken überbrücken und einfach WEITER LERNEN. Muss weder Meisterschwimmi werden noch Meisterschnitzi, und auch tätowieren werde ich so lange und so oft, wie es mir Freude macht und ich es brauche. Alles Teile meines Repertoires, und meine Krone ist eh aus Brot.

Was ist Fertigkeit? Was bleibt unfertig? (und bleibt es unfertig, um die Fertigkeit stärker zu betonen?)


siehe auch Perfektionismus ist eine echte Gefahr