Social Media als Werkzeug

Ich lerne, nach Jahren von Ablehnung, Instagram als Werkzeug zu sehen. Als einen Ort, an dem ich über kleine Bild-und-Textkombis und kurze Videos Geschichten erzählen kann, ein Ort, an dem ich auf beiläufige, spielerische, organische Art tiefer erkunden kann, was meine Arbeit für mich ist und wen sie interessiert.

Das ist ein Teil Erwerbsarbeit und ein Teil Recherche und ein Teil Unterhaltung, und vielleicht sogar ein Teil Kunst.

Es ist ein Auffüllen der Lücken zwischen Website und Briefen mit kleinen Mitteilungen, ein Ort wo Sachen, Gesten, Zwischentöne – eine Sensibilität – einen Raum finden können, die vorher noch keinen Raum hatten.

Boundaries are the distance at which I can love me and you simultaneously.“ – Prentis HemphillUnd das ist eine schöne Aufgabe für mich: Bilder zu finden für Gedankenschnipsel rund um meine Arbeit, und die zu teilen. In Kraft und mit Grenzen.

Ka gibt mir die Anregung: Bevor ich etwas für Insta veröffentliche, mache ich eine Power Pose. Eine Krafthaltung, ein Power Post. So lange, bis ich mit dieser Energie gesehen werden will.

Es fühlt sich zum ersten Mal so an, als ob ich beim Nutzen dieses Werkzeugs etwas lernen kann.

Ich gebe mir Grenzen:

1

One of the things I know about writing is this: spend it all, shoot it, play it, lose it, all, right away, every time. Do not hoard what seems good for a later place in the book or for another book; give it, give it all, give it now. The impulse to save something good for a better place later is the signal to spend it now. Something more will arise for later, something better. These things fill from behind, from beneath, like well water. Similarly, the impulse to keep to yourself what you have learned is not only shameful, it is destructive. Anything you do not give freely and abundantly becomes lost to you. You open your safe and find ashes.” ― Annie Dillard in „The Writing Life“Ich versuche, nichts zurück zu halten für später, für einen besseren Post. Social Media darf für mich eine Übung sein darin, keine Inhalte zu schonen und aufzusparen. Was etwas ist, was ich in meinem Schreiben allgemein umsetzen will: give it, give it all, give it now.

2

Ich versuche, jeden Post so zu schreiben, dass er für mich hilfreich ist. So dass seine Aufgabe nicht im gesehen oder geliked werden besteht. Eher wie diese Notizen hier: Um für mich selber Verknüpfungen und Ideenansätze sicht- und greifbar zu machen. Nur eben noch kleiner und irgendwie noch öffentlicher.

Ich balanciere die Arbeit dort, die in kurzer und eher spontaner Form stattfindet, mit diesen Notizen und mit allen Briefen. Die Einflüsse und Anregungen fließen kreuz und quer.

3

Set an intention, say a prayer, get in, do your work and get back out.“ – Marlee GraceIch grenze die Instagram-Arbeit ein mit einem (weichen) Zeitlimit. Ich will sie alle paar Wochen ausbalancieren mit einer Woche Lesefasten. Eine Woche also ohne Bücher, Posts, Artikel, Newsletter, Zeitschriften.

4

Wenn in diesem digitalen Raum etwas passiert (eine Beleidigung, ein Angriff), wovon ich selber betroffen bin, darf ich das ignorieren und abschütteln. Wenn ich etwas mitbekomme, was andere Menschen angreift oder diskriminiert, verpflichte ich mich, das zu markieren und zu benennen. Ich will eine möglichst gute Verbündete sein.

5

Wenn ich merke, dass mich Posts auf Instagram zerfasern: Unfollow. Wenn etwas anfängt, mir Druck zu machen, wenn es meinen internalisierten Perfektionismus befeuert, wenn ich anfange, mich zu vergleichen: Unfollow. Mein Feed ist nur dazu da, dass ich mich weicher, größer, weiter fühle, dass ich etwas lerne, dass ich Lust bekomme, mich zu bewegen oder etwas mit meinen Händen zu machen.

Wenn mich Posts herausfordern, andere Perspektiven einzunehmen, bleibe ich dabei. Wenn mich Posts in eine binäre Denkrichtung schieben, von mir verlangen, dass ich mich auf dieser Seite positioniere oder auf jener: Unfollow. Ich beziehe schlichtweg nicht Stellung zu Situationen, die binär dargestellt werden. Ich glaube nicht an eine solche Verkürzung, und die Algorithmen feiern das eh schon zu stark.

Ich will keine Pflichtfollows, kein denen-müsste-ich-eigentlich-folgen, nichts, was mir Energie zieht. Mein Instagram Feed ist ein heiliger Ort, wie jeder andere auch.

Das ist das Ideal, das ich natürlich nicht immer erfülle. 1 und 3 widersprechen sich oft. 4 und 5 widersprechen sich oft. Ich versuche immer mehr, kein Ideal von mir zu erwarten, sondern auch das Ideal als Werkzeug zu nutzen – als Landkarte.

Eine Herausforderung ist es somit, in meinem Körper zu bleiben, während ich die App nutze. Laufend eine Achtsamkeit mit in die Nutzung dieser Plattform zu bringen. Bewusst meiner Freude zu folgen und nicht den Verhaltensweisen, die die zutiefst kapitalistische Grundstruktur dieser App mir aufdrängen.

Eine Lebenspraxis also, wie jeder andere auch.