Definition von Familie

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Will ich Teil sein einer Familie? Warum sollte ich das wollen? Will ich eine eigene Familie gründen? Warum sollte ich das wollen? Will ich eine eigene Familie wählen? Warum sollte ich das wollen?

Wie viel von diesen Fragen hat mit der Definition von „Familie“ zu tun? Kann ich mir Familie selber definieren? Warum haben Soziolog:innen solche Lust und solche Schwierigkeiten, den Begriff klar zu definieren? Wer profitiert von welcher Definition des Begriffs?

Wann ist die Definierung von Familie ein Versuch der Vereinzelung? Wann ist es ein Versuch, ein Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit zu schaffen? Wer profitiert davon, dass Familien mit stereotypen Rollenverteilungen für sich selber sorgen?

Was kommt nach der Großfamilie meiner Kindheit und der Kernfamilie, die zunehmend verschwindet? Womöglich immer noch die Familie. Wir müssen uns nur trauen, sie auch so zu nennen.“ – Judith Luig in diesem EssayWelche Begriffe verwenden wir für welche Verwandtschaften und Beziehungen? Welche davon sind binär gegendert? Welche neuen Begriffe erfinden wir für wen? Welche alten Begriffe weiten wir aus? Wie viel Fantasie haben wir dafür?

Ich staune über die Enge und Vielzahl der detaillierten Begrifflichkeiten für verschiedene Formen von Familie.

Ich staune über die unklare Geschichte der sogenannten Kernfamilie (also cis Mann und cis Frau, üblicherweise verheiratet, die mit ihren eigenen biologischen Kindern leben): Meistens wird aufgezeigt, dass die Kernfamilie eine ziemlich neue Entwicklung ist – aber es gibt auch zumindest einen Fund aus der Jungsteinzeit, bei dem Eltern mit ihren Kindern nach einem gewaltvollen Vorfall gemeinsam bestattet wurden (wobei das laut der Forscher:innen kein Beweis dafür ist, dass die Kernfamilie eine Art universelles oder das älteste Familienmodell sei).

siehe Mikrozensus 2019, wobei hier (sinnvollerweise) auch Stief-, Adoptiv- und Pflegekinder mitgezählt werden, die in vielen Definitionen als Patchworkfamilien gelten, und es wird bei den Erwachsenen in den Haushalten nicht nach Geschlecht unterschieden – die „klassische Kernfamilie“ ist also in der Realität nochmal seltener als hier genanntIch staune über die überraschend kleine und kleiner werdende Zahl der Haushalte, die tatsächlich als eine solche Kleinfamilie leben – und wie überproportional dieses Modell dennoch weiterhin als Ideal gezeichnet und gefördert wird, von der Politik über Popkultur bis hin zur Werbung.

In contrast to our own native wisdom and an anthropological science that for too long has been indebted to it, kinship categories are not representations or metaphorical extensions of birth relations; if anything, birth is a metaphor of kinship relations.“ – Marshall Sahlins in What Kinship is – and is notMachen diese Fragen nach genauer Definition und Profit vielleicht nur in dem engen Kontext einer kapitalistisch geprägten, neoliberalen, industrialisierten Gesellschaft Sinn?

In dem oben erwähnten Essay zitiert Luig den Soziologen Johannes Huinink, der behauptet, die Kernfamilie komme als „Gefühlsgemeinschaft“ der Natur des modernen Menschen entgegen: „Unter den einzelnen Familienmitgliedern gibt es eine 'dialogische Beziehung’, also eine Beziehung, in der es keine Instrumentalität geben sollte. Man begegnet dem Anderen als dem Anderen, das bietet eine emotionale Qualität, die sonst nur schwer herzustellen ist. Wir werden immer versuchen, soziale Zusammenhänge zu schaffen, in denen wir einfach als Person anerkannt werden.

Wann haben wir aufgegeben, diese Art von sozialen Zusammenhängen außerhalb der Familie zu suchen?

Wieso beziehen wir beim Sprechen über Verwandtschaft meist nur andere Menschen mit ein, keine Tiere, Bäume, Flüsse, Steine? Und wieso versuchen wir innerhalb dieser Begrenztheit dann auch noch dank der Grenzen der Familiendefinition so viele Menschen auszuschließen, uns verwandt zu machen mit höchstens noch unseren Cousins und Cousinen zweiten Grades?

Richard Powers in dem Essay A little more than Kin

Human beings are recent upstarts in the game of life, and only a few generations separate any two of us from a common ancestor. In fact, given that life on Earth preserves at least a couple of hundred legacy genes across all of creation, the genetic relatedness between any two living organisms is narrower than most of us suspect. Any enterprising geneticist should be able to calculate the degree of genetic kinship between me and a band of endangered eastern gorillas.

Von dort denkt Powers als Autor weiter, zu verbindenden Erzählungen und der Weirdheit der Liebe als Möglichkeiten, um diese künstlichen Trennungen wieder aufzuheben:

There are humans who can see cousins in creatures where other people see only otherness. (…) We’re now in the middle of a family emergency that will test all family ties. Only kin, and lots of it, from every corner of creation will help us much in the terrible years to come. We will need tales of forgiveness and surprise recollection, tales in which the humans and the nonhumans each hold half a locket. Only stories will help us to rejoin human to humility to humus, through their shared root. (The root that we’re looking for here is dhghem: Earth.) Kinship is the recognition of shared fate and intersecting purposes. It is the discovery that the more I give to you, the more I have. (…) Can love, in its unaccountable weirdness, hope to overcome a culture of individualism built on denying all our millions of kinships and dependencies? That is our central drama now.

The binary division of society into singles and nuclear families, and the resulting provision of only two kinds of dwellings, is an invisible norm that is a result of specific historical processes, in this case the demands of an industrial society.“ – Niklas Maak in Post-Familial Communes in GermanyWas für Orte brauchen wir für ein weiteres, einschließenderes Verständnis von Familie? Was für Tische, Häuser, Schulen, Nachbarschaften, öffentliche Plätze, Parks, Büchereien …?