Eine Handreichung zu meiner Genderqueerness

Hier bin ich!, ruft der Harlekin Eccomi!

My gender might be wind.Ich bin genderqueer und nicht-binär. Manchmal wissen Menschen nicht ganz genau, was das eigentlich bedeutet, und stellen mir Fragen dazu. Was ich toll finde, denn ich finde es wichtig, darüber zu sprechen und diese Fragen zu beantworten, und ich bin nicht immer in der Verfassung, das mit Freude, Konzentration und Aufrichtigkeit tun zu können. Unter anderem deshalb gibt es diese Handreichung, auf die ich verweisen kann. Außerdem soll sie anderen Menschen ermöglichen, sich in Ruhe mit diesen Themen auseinandersetzen zu können.

Für grundlegende Begriffsklärungen empfehle ich die Erläuterungen der Münchner Trans✳Inter✳Beratungsstelle.

Was bedeutet nicht-binär?

Nicht-binär bedeutet für mich, dass ich mich in einem binären (also zweigeteilten) Geschlechtssystem, bestehend aus den beiden Kategorien „weiblich“ und „männlich“, nicht einordnen kann, da beide Kategorien für mich nicht passen. Ich bin also weder „Frau“ noch „Mann“ (aber auch nicht geschlechtslos oder „neutral“ oder intergeschlechtlich).

Was bedeutet „genderqueer“?

Genderqueer sieht für mich aus wie eine Landschaft mit zwei sehr großen Städten, in denen viele Menschen wohnen, und drumherum gibt es noch viele weitere Siedlungen. Vororte, Dörfer, Kleinstädte, Baumhäuser, Hausboote. Und manchmal wohne ich an einem Ort, und manchmal sind wir Reisende von Ort zu Ort, und Besuche sind eh immer überall möglich, und alles ist Heimat. I am a comet no destination.

Ist deine Queerness nicht etwas Privates, Intimes?

Nein. In meinem privaten innersten Kern ist meine Geschlechtsidentität ja nichts Bemerkenswertes, das sind einfach meine Texturen, meine Farben, meine Träume, mein Selbstverständnis, meine Interessen.

Relevant wird meine Genderqueerness als Zustand überhaupt erst, wenn ich in Kontakt mit der Außenwelt bin oder Spuren der Außenwelt in mir finde – also wenn ich spüre, wie andere Menschen mich wahrnehmen und in eines von zwei Geschlechtern einsortieren. Wie sie dann auf mich reagieren, was sie von mir erwarten oder nicht erwarten. Wenn ich eins von zwei Kästchen ankreuzen soll. Wenn über mich gesprochen wird und es keine Pronomen gibt, die mich widergeben.

Auch: Wenn ich all die Spuren jahrzehntelanger weiblicher Sozialisierung in mir feststelle. Oder wenn ich bemerke, dass ich selber aus Gewohnheit Menschen einsortiere in Frau oder Mann. Alles recht hartnäckiges gesellschaftliches Training.

We always inhabit a story that others have shaped, but we also always participate in the shaping. – Lewis Hyde in Trickster makes this world

Wir leben immer in einer Geschichte, die andere gestaltet haben, aber wir gestalten sie auch immer selber mit.

Genau deswegen ist meine Genderqueerness für mich kein Thema, das ich für mich behalten sollte, sondern ein sehr politisches und öffentliches.

Hat das etwas mit Sexualität zu tun?

Erstmal nicht – es geht ja dabei um meine Geschlechtsidentität und nicht darum, wen ich sexy finde. bell hooks hat das in diesem Gespräch schön formuliert:

Queer not as being about who you are having sex with, that can be a dimension of it, but queer as being about the self that is at odds with everything around it and has to invent and create and find a place to speak and to thrive and to live.

Queer nicht in dem Sinn, mit wem man Sex hat, das kann ein Aspekt davon sein, sondern queer in dem Sinn, dass es um das Individuum geht, das im Widerspruch zu allem steht, was es umgibt, und das sich selber erfinden und erschaffen und einen Platz finden muss, um zu sprechen und zu gedeihen und zu leben.

Sowohl Geschlecht als solches wie auch Beziehungen zwischen (binären) Geschlechtern werden allerdings in der Gesellschaft, in der ich lebe und aufgewachsen bin, stark sexualisiert.

Deshalb fühle ich mich immer wieder gezwungen, mich in diesem Kontext auch mit Sexualitätsthemen auseinanderzusetzen – und mit der nach wie vor tief verwurzelten Vorstellung, dass die „Normbeziehung“ ein cis Mann und eine cis Frau sind, die miteinander Sex haben und dann irgendwann Kinder bekommen und in einer Kernfamilie zusammen leben.

Was bedeuten „cis“ und „trans“?

Personen werden als cis Frauen oder cis Männer bezeichnet, wenn sie sich mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, identifizieren können.

Wenn eine Person sich nicht mit dem Geschlecht, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde, identifizieren kann (oder sich noch nicht sicher ist, ob sie sich damit identifizieren kann), kann es sein, dass sie sich selber als eine trans Person versteht und das auch so benennt.

Bist du trans?

Ja, ich verstehe mich als trans Person. (Manche nicht-binäre Menschen sehen sich selber nicht als trans Personen, bitte also deshalb nicht von mir auf andere schließen, siehe die letzte Frage.)

Heißt das, du willst einfach keine Frau sein?

Nein, denn meine Genderqueerness ist keine bewusst getroffene Entscheidung von mir – ich bin einfach keine Frau.

Genau deshalb ist intersektionaler Feminismus weiterhin so wichtig und deshalb schärfe ich auch weiterhin meinen Blick für und gehe in Widerstand gegen Frauenhass und Diskriminierung gegen cis Frauen, was beides ja auch wiederum Ursachen für Gewalt gegen trans Frauen sind; diese Themen sind nicht sauber voneinander zu trennen.Gleichzeitig ist leider klar, dass Frau-Sein in dieser Welt nach wie vor nicht gerade die sicherste und selbstbestimmteste Option ist.

Ich fände es also auch völlig legitim, einfach keine Frau sein zu wollen.

Und ich habe große Liebe dafür, nicht zu verstehen, was das eigentlich bedeuten soll:

Odile Kennel in LUST

bis heute nicht verstanden, was das heißen soll, "Frau sein“. Sein. Fühlt sich nicht an. Es wurde und wird mir von außen übergestülpt. Hier, seien Sie! Nehmen Sie das Bündelchen! Nehmen Sie die Bürde auf sich, Sie werden nicht gefragt (…) aber mich als Frau fühlen, mich als Sternanis fühlen, mich als Bleistift fühlen, als Papier, als Bier?

Was bedeutet deine Genderqueerness für mich?

Praktisch gesehen ist es vermutlich vor allem eine sprachliche Frage: Du kannst mich Ri oder Ricarda nennen und ich verwende „ri“ als Pronomen.

Anreden kannst du mich also zum Beispiel mit „Hallo“ oder „Liebs Ri“ oder „Ahoi“ oder jeder anderen genderneutralen Anrede, die dir gefällt. Und wenn du über mich sprichst, verwende bitte „ri“ anstelle der weiblichen Pronomen „sie/ihr“ („Ist Ricarda gerade im Schwimmbad?“ – „Ja, vermutlich ist ri schwimmen.“).

Damit fühle ich mich derzeit am wohlsten, auch wenn es gelegentlich Verwirrungen auslöst.

Meinst du das ernst mit den Pronomen? Mir fällt das so schwer, mich umzugewöhnen.

Mir fällt es schwer, präsent zu sein, wenn ich nicht als ich benannt werde. Wenn dir also etwas daran liegt, dass ich mich spüren kann und dass ich müheloser bei mir bin, unterstützt du das, wenn du mich nicht weiblich genderst.

Wie soll ich mich verhalten, wenn ich einen Fehler gemacht und dich falsch gegendert habe?

In einer privaten Gesprächssituation ist in den allermeisten Fällen einfach ein kurzes oops sorry super und weiter geht’s. Nicht-binäres Sprechen ist für die meisten Menschen ungewohnt und diese „Fehler“ kommen oft vor (auch bei mir, denn ich bin ja auch in einer binären Gesellschaft aufgewachsen).

Wenn mein Gegenüber kurz markiert, dass es ihm:ihr aufgefallen ist, reicht mir das meistens völlig, um mich wieder zu mir selber zu holen, dann muss man da auch kein großes Fass aufmachen und es muss sich niemand blöd fühlen. Denn Ziel ist ja, dass wir alle in einer Unterhaltung präsent sein können, was auch nicht der Fall ist, wenn eine Person wie auf Eierschalen geht und ganz dringend alles richtig machen will.

In öffentlichen Gesprächssituationen ist es für mich manchmal schwieriger – beispielsweise werde ich auffallend häufig bei Lesungen von (wohlwollenden) Moderator:innen falsch gegendert, selbst wenn ich während der Vorbereitung mehrfach darauf hingewiesen habe, dass ich keine weiblichen Pronomen verwende. Das ist ärgerlich, da es für mich bei einer Lesung besonders wichtig ist, dass ich als ich präsent sein kann. Außerdem werde ich in dem Moment einer größeren Menge von Menschen vorgestellt, und möchte ja auch als ich vorgestellt werden.

In solchen Fällen wäre es mir am liebsten, die moderierende Person würde das noch auf der Bühne bemerken und sich kurz korrigieren. Falls sie es erst später bemerkt, wäre es toll, sie käme auf mich zu, würde sich kurz entschuldigen und fragen, ob sie etwas tun kann, um das richtig zu stellen. Ich selber muss in solchen öffentlichen Momenten nämlich mit meiner Energie haushalten und brauche oft Zeit und Raum, um mir zu überlegen, ob ich das ansprechen will und kann, also ob ich überhaupt die Kapazität dafür habe.

Und falls du mitbekommst, dass ich von anderen falsch gegendert werde, freue ich mich darüber, wenn du (je nach Situation) zu mir kommst, fragst, wie es mir damit geht und ob du es für mich bei der Person ansprechen sollst. Das machen in meiner Erfahrung bisher vor allem trans Menschen untereinander, es wäre aber eine einfache Möglichkeit für cis Menschen, trans Menschen zu unterstützen.

Kann ich davon ausgehen, dass andere nicht-binäre Menschen all das hier genau so sehen wie du?

Nein. So wie jede Person, die in Leipzig lebt, ihr eigenes Bild von der Stadt haben darf, habe ich meine eigene Vorstellung von meinem nicht-binär-Sein. Und die kann sich mit Vorstellungen anderer nicht-binärer Menschen decken, muss es aber nicht.

Ronya Othmann

man muss daneben liegen. immer ein tier weiter, als das, was man meint. die hyäne zum beispiel kenne ich beim wort und sie mich genau. // man streicht sich aus, zu den enden. ein fell trägt man heute nicht mehr, dafür polyamide stoffe. und darunter mit stolz einen körper, den man nicht pronominieren kann. // im gefederte kleid, sich üben im daneben liegen. eine saumverschiebung, mit bienen zum beispiel, nie binnen, binnen innen i. binnen bienen, eine qualle zum beispiel, die braucht sich nicht zu entscheiden. // was trägt sich aus. kann man sich da abmelden, dankeschön. // eine andere bekleidung für den winter. auch ein bisschen fell, ein dickes, ein bisschen mehr. und dazu anemonen.


siehe auch als gesamte Person anwesend sein