Nicht deine Schuld

Es gibt sehr viel Platz zwischen der Haltung „Ich übernehme die komplette Verantwortung für alles, was ich tue, und kann alles schaffen, wenn ich es nur stark genug will und diszipliniert genug bin“ (und dem damit verbundenen „Wenn ich nicht alles alleine löse, bin ich gescheitert“) und der Haltung „Ich bin ein Opfer meiner Umstände und es sind immer die anderen schuld“.

In diesem Platz dazwischen kannst du eine Ruhe finden, mit der du gut arbeiten kannst. Die dir erlaubt, in die Tiefe zu gehen. Die dir erlaubt, für einiges die Verantwortung zu übernehmen und aktiv zu gestalten, was du gestalten kannst. Die dir erlaubt, dabei klar die Strukturen zu erkennen und zu benennen, die dich vielleicht, vielleicht sogar auf mehrfache Weise, behindern und dir Möglichkeiten rauben. Eine Ruhe, die dir Kraft gibt, dich gegen diese Strukturen aufzulehnen, und im besten Fall nicht alleine. Die dir erlaubt, Menschen zu erkennen und zu benennen, die dir gut tun und Kraft geben, und Menschen zu erkennen und zu benennen, die dir vor allem Energie rauben.

Es ist nicht grundsätzlich deine Schuld, wenn du mit deiner Kunst oder deiner Erwerbsarbeit zu wenig verdienst, um dich gut versorgen zu können. Wenn du Schwierigkeiten hast, deine Kinder während eines Lockdowns zu betreuen, wenn deine Depressionen dir das Aufstehen schwer machen, wenn deine Existenzangst dir die Energie raubt, an deiner Lage etwas zu ändern.

Ich beobachte in meinem Umfeld aus Kleinunternehmer:innen und Künstler:innen oft eine Tendenz, für ihre Lage die gesamte Schuld und Verantwortung zu übernehmen. Als gäbe es keine strukturellen Faktoren, die uns formen, hemmen, hindern, bestimmen.

„People aren’t really meant to be anything, because we’re not made; we’re born, with some innate tendencies, and thereafter molded, thwarted, scalded, encouraged by events and encounters.“ – Rebecca Solnit in Recollections of My NonexistenceWir wurden aber nicht für etwas gemacht, sondern werden zu etwas gemacht, und das meist nicht freiwillig.

Es ist schwerste Arbeit, diese Schuld abzuladen oder eine andere Person davon zu überzeugen, dass sie keine Schuld trägt.

„Der Kapitalismus liebt die Meritokratie – den Glauben, dass dein Reichtum, dein Wohlbefinden und dein Wert als Mensch Belohnungen sind für deine Mühe und deine harte Arbeit. Die Meritokratie ignoriert geschickterweise systemischen Rassismus und Sexismus, ererbtes Vermögen, die Tatsache, dass manche Körper nicht im traditionellen Sinn „arbeiten“ können, die kapitalistischen Mechanismen der Klassenungleichheit und alle weiteren strukturellen Faktoren, die tatsächlich deinen Zugang zu Vermögen und Ressourcen bestimmen. Die Meritokratie verlangt, dass du deine Bedürfnisse (die körperlichen, emotionalen und spirituellen) deiner Produktivität unterordnest. Sie entfremdet dich von Signalen deines Körpers und deiner Intuition, indem sie behauptet, dass Glücklichkeit und Geld durch harte Arbeit entstehen. Das ist eine Lüge.“ – aus Proposals for the feminine economyUnterdrückende Strukturen wie der Kapitalismus und das Patriarchat fördern bewusst diesen Individualismus (vom Tellerwäscher-zum-Millionär-Narrativ bis hin zur Kernfamilie als vorherrschendem Familienmodell) – und sie sind absichtlich meistens unsichtbar. Wenn sie sichtbar wären, würden wir erkennen, dass ein sogenanntes Scheitern meist nicht das Versagen einer individuellen Person und ihrer Kräfte ist, sondern ein Versagen der Struktur ist. Und das wollen diejenigen, die von diesen Strukturen profitieren, natürlich nicht.

Siehe auch: Ungleichheit sehen lernen, ich trage Verantwortung, aber keinen Stolz und Schuldgefühle verhindern die eigentliche Arbeit.