Kompost / Logbuch

Arrange whatever pieces come your way. – Virgina Woolf, aus „Diary of Virginia Woolf: Volume 3: 1925–30“Mein digitaler Kompost ist eine Auswahl der Notizen eines Tages, fortlaufend und chronologisch gesammelt, mit den aktuellsten Notizen zuerst. Wer mitliest, liest also rückwärts mit, sieht vielleicht zuerst einen Gedanken und kann sich dann in den vorherigen Notizen zusammenreimen, welche Einflüsse und Vorgedanken zu diesem Gedanken führten.

We go through a day picking up the fragments everywhere and somehow patching them together so that we don’t fall off the edge of the world, or through a hole in the story. – Robert KroetschIch notiere tagsüber und veröffentliche am nächsten Morgen, eventuell leicht bearbeitet.

Ich lasse Sachen aus, die andere Menschen betreffen und meiner Einschätzung nach nicht in die Öffentlichkeit gehören; ich will meine Freundis nicht ungefragt auf meine Seite zerren. (Deshalb heißen alle meine Menschies, wenn ich sie erwähne, im Kompost meist einfach Freundi.) Außerdem kommen die „therapeutischen“ Aspekte meines Tagebuch-Schreibens nicht auf den Kompost, die Schleifen und Drehungen, die ich zum Durchdenken und Kreiseln und Klären meiner persönlichen Prozesse benötige. Und vieles ist Zwischenbereich, und gehört überall und nirgends hin, und ich probiere es halt aus.

Mein Anspruch ist, den Ausschnitt mehr in Richtung der Sachen zu schieben, von denen es mir etwas widerstrebt, sie öffentlich zu teilen, weil sie noch roh sind, weil sie meine manchmal auch einfältigen Denkprozesse zeigen etc. Ich will nicht, dass der Kompost eine Filterkiste wird, in die ich nur sorgfältig ausgewählte Fragmente ganz poetisch platziere. Ich will hier auf etwas unsicherem Terrain spielen.

Ich vermute und hoffe, dass aus dem Kompost fruchtbare Erde wird, die ich im Garten weiterverarbeiten kann. Vermutlich stecken Samen darin, die dann aufgehen, weil meine Heißrotte nicht heiß genug war.

Ich habe keinerlei Erwartung oder Vorstellung, dass irgendjemand Teile oder gar das gesamte Logbuch liest – dass es aber jemand tun könnte, führt dazu, dass ich meine Gedanken präziser ausformuliere und manches kurz recherchiere, was mir beim Denken hilft. Der Kompost wird damit zu einem Ort, an dem ich heraus finden kann, worüber ich nachdenke und was ich entwickle, inklusive der Möglichkeit, dass es nur Blödsinn ist.

Er ist außerdem eine Möglichkeit, Luft im Kopf zu machen, indem ein Gedanke einen Ort bekommt, eine Übung darin, nicht zu sehr an jedem einzelnen Gedanken zu hängen und ihn trotzdem zu betrachten, kurz etwas im Chaos erkennen können. (Das Freundi erzählt mir, es habe gehört, dass immer Chaos im Gehirn herrsche, nur bei einem epileptischen Anfall sei das Hirn kurzfristig „aufgeräumt“.)

Das Kompostieren ist auch eine große Performance, oder es ist akut authentisch, oder es ist beides.

Der Kompost ist semi-öffentlich

Stefanie Wenners Manifest für planetarisches Theater

Pflanzen, Tiere, Erden, Menschen, Steine, Mineralien, Mikroben, Planeten, die Sonne: Alles ist Öffentlichkeit.

Wie öffentlich ist welche Öffentlichkeit?

Der Kompost ist öffentlich in dem Sinn, dass jede Person ihn besuchen kann, nicht öffentlich in dem Sinn, dass er in einem Buchladen zum Durchblättern liegt oder in einer Bibliothek zum Ausleihen oder dass Inhalte daraus in einem Feed auftauchen könnte.

Diese Semi-Öffentlichkeit denke ich als einen guten Übungsschritt des Veröffentlichens. Für den Outfit-Workshop schlug Ka zum Ende vor, die Teilnehmis könnten den entstandenen Text in ihrer Hosentasche veröffentlichen. Hosentasche als Semi-Öffentlichkeit: von dort kann das Gedicht herausgezogen und gezeigt werden, oder es fällt versehentlich heraus.

(Treppenhäuser auch eine Semi-Öffentlichkeit.)

(Books on Demand auch eine Semi-Öffentlichkeit.)

Die Semi-Öffentlichkeit ist sneaky, die mitlesenden Augen schleichen sich schnell ein. Ein Teil des Schreibens, also des Handwerks, ist es, in bestimmten Phasen niemanden mitlesen zu lassen, auch gedanklich nicht (Null-Öffentlichkeit), nur für mich und aus mir heraus zu schreiben. Und dann erst überlegen und spüren, was davon weiter nach außen soll (Semi-Öffentlichkeit, Voll-Öffentlichkeit). Oder?

In welcher Sprechsituation denke ich mich im Kompost? Also zuerst spreche ich nur für mich und mit mir, idealerweise. Und im Sortierungsschritt sehe ich mich dann in welcher Situation? Auf einer Bühne, an einem Fenster, hinter einem Vorhang …?

Ich spürte zu Beginn des Kompost-Schreibens direkt einen Vorwurf (von einem imaginierten Außen, also letzendlich von mir selber), dass ich dort nicht genug Weltgeschehen benenne und kritisiere. Aber es gibt wenig, was ich schlechter kann, als Weltgeschehen in Echtzeit benennen und kritisieren.

Außerdem habe ich bereits mindestens einen Eintrag wieder aus dem Kompost gelöscht, weil ich fürchtete, im Widergeben einer Alltagsbeobachtung mißverstanden zu werden. Genauer: weil es eine Alltagsbeobachtung war, die leicht sehr unterschiedlich interpretiert hätte werden können, und ich Sorge bekam, mit der knappen und nicht weiter kommentierten Form, die ich gewählt hatte, Menschen zu verletzen. Genau so wahre Interpretation meines Löschens: Ich fühle mich zu wenig informiert bezüglich der aktuellen politischen Debatte, die in dieser Beobachtung steckte, und bekam Sorge, mich zu blamieren. Gefahr der Selbstzensur also.

Der Kompost ist nicht Social Media

Auch wenn ich dort kurz und spontan und direkt schreibe, was für viele inzwischen vielleicht ein „Social Media Tonfall“ ist, ein Internet-Tonfall. Aber der Prozess hier ist anders, und ich würde das, was ich im Kompost sammle, zum Beispiel nicht auf Instagram schütten können.

Auf meiner Website fühle ich mich sicherer als auf Instagram. Wer hier vorbei kommt, kommt bewusst und mit vermutlich aufrichtigem Interesse und Neugier, so dass ich sie gleich einladen will, dass ich gleich selber ein Interesse und eine Neugier habe. Social Media fühlt sich dagegen oft undurchsichtiger an, manchmal auch etwas harscher, performativer, wertender.

Ich kann im Kompost das Öffentliche Sprechen (das Melden) üben, ohne dass ich vorauseilend in einen Resonanzraum höre, ohne, dass ich augenblicklich Reaktionen (oder ein Ausbleiben von Reaktionen) erhalte. Vermutlich sollte es da nicht stehenbleiben, Resonanz ist natürlich relevant, aber ich fühle mich als dermaßen nicht-öffentliche Person, dass ich diesen Zwischenschritt gut gebrauchen kann.

Ich mag außerdem sehr, dass es keine instant gratification gibt in meinem Kompost – vielleicht taucht er in Gesprächen mit Freundis auf, vielleicht nicht, aber es gibt keine Like-, Lese- oder Klickzahlen. Das macht ihn zu einem geschützten Raum für mich, zu einem, in dem ich gar nicht wirklich kompetitiv sein kann, geschützt also auch vor mir selber.

(Ich kann natürlich doch auch ein bisschen kompetitiv im Kompost sein, heute mehr und klüger denken wollen als gestern.)

Strukturfragen des Komposts

Es gibt so extrem viele Arten, ein Logbuch zu führen, und alle führen sie zu unterschiedlichen Ergebnissen. Ist vielleicht entscheidend, was man erreichen oder bewirken will damit? Auf jeden Fall kommt es beim Stricken dieses Experiments so sehr auf die Details an, darauf, wie man sich mit der Welt verdrahtet fühlt, wann und wie man notiert, wann man es durchgeht, wo, warum und ob man es veröffentlicht, wen und was man auslässt, und die tausend Zwischentöne zwischen all dem. Das hat alles Auswirkungen, und eins ist nicht richtiger als das andere.

(Habe ich mir ausreichend Gedanken zu meiner Struktur gemacht? Sie war auf einmal da.)

Was ich im Kompost lerne

eine sache weiterführen / heisst manchmal / das gegenteil machen / heisst manchmal / eine sache weiterführen – Elfriede Gerstl in Haus und Haut, gefunden und mit mir geteilt von Kathrin BachDer Kompost ist für mich wie Studieren, oder eher wie meine romantische Vorstellung davon. Es klingt fast absurd, aber mein Leben fühlt sich in den ersten Komposttagen mehr wie meins an, ich mag meinen Alltag gerade so gern, ich denke so gern weiter, ich bin so glücklich über diesen Raum, meine Gedanken vom Vortag nochmal anschauen zu können. Nicht zu Ende denken, sondern einfach weiter, Tag an Tag knüpfen.

Vielleicht lerne ich im Kompost, eine Haltung zu Meinungen zu entwickeln, oder zumindest zu üben, gelegentlich welche zu äußern. Was ich sonst ungern tue, weil mir Meinungen so fluide und wandelsam erscheinen, so kontextabhängig. Und weil ich gleichzeitig fühle, dass Meinungen von anderen so ernst genommen werden, dass Menschen nach Meinungen einsortiert werden, dass Meinungen Flaggen der Identität sind, die wir vor uns her tragen, und die Flaggenfarben müssen bitte schön zusammenpassen, und die falsche Flagge tragen, oder sie einfach so ändern, ist beides sehr unerhört.

Aber in dem riesigen und täglich wachsenden Wust an Kompost ist völlig klar, dass ich eine ganze Reihe falscher, unreifer, unfertiger „Meinungen“ haben werde, und dass ich sie ändern werde, und das mag ich, allein schon durch die Menge an Text werden hoffentlich die Widersprüche sichtbar.

Und ich lerne, mein Notiertes anzuschauen und etwas damit zu machen, zu einem regelmäßig wiederkehrendem Zeitpunkt. Auswerten, Einsortieren, Verteilen – das habe ich früher kaum gemacht, und es ist der bisher größte und entscheidendste Unterschied, den der neue Kompostiervorgang mit sich brachte (siehe oben, Tag an Tag knüpfen). Das Füllen des Komposts fühlt sich auf lustige Art wirklich ein bisschen wie Gartenarbeit an, und ich mag die Versetztheit um einen Tag, das gibt genau den richtigen Abstand.

Das durch den Kompost aktivierte noch regelmäßigere Notieren im Verlauf des Tages hat außerdem den Effekt, dass ich mich öfter frage, wie ich mich fühle (nicht nur was ich denke oder besprochen habe), und ist damit vielleicht eine gute Übung, um mehr bei mir zu bleiben und um meine Bedürfnisse klarer zu benennen.

So komme ich zum Kompost, oder: auf diesen Schultern steht der Kompost

Angeregt wurde dieser Kompost von Michael Deans Logbuch (eine durchlaufende, chronologisch sortierte Liste von einzelnen Gedanken) und Wolfram Lotz' Heiliger Schrift I (ein 900-seitiger Ausschnitt aus dem Versuch, ein Jahr lang „einmal tatsächlich über ALLES zu schreiben“).

Während ich Lotz' Klotz las, was erstaunlich flüssig und schnell ging, notierte ich mir:

Wirklich umgesetzt habe ich den Impuls aber erst knapp ein Jahr später, als ich Deans Logbuch fand. Dabei wurde mir (nochmal, wieder) klar, dass ich ohnehin schon eine sehr ähnliche Art von Notizen am laufenden Band produziere, und dass es ein interessantes Experiment sein könnte, zumindest Teile davon in eine Semi-Öffentlichkeit zu stecken.

And here we are, und von hier aus weiter.

Donna Haraway in Staying with the Trouble

We require each other in unexpected collaborations and combinations, in hot compost piles. We become-with each other or not at all.


siehe auch Autobiographisches Schreiben, Scham, Betroffenheit, Narrative Identität, Selbstmythisierung und die Berechtigung, über sich selbst zu schreiben